Schritte, Hütte, 1,
Saal.
meinde zu reden.
Vierte Folge. 89
Literariſche Briefe von Otto Banch.
Deutſche Abende von Berthold Auer⸗ bach. Stuttgart, Cotta's Verlag, 1867.
Sie weiden mein Gefühl geiſtiger Erbauung theilen, Auerbach in dieſem Bande gewiſſermaßen als kritiſchen Schriftſteller wiederzufinden, da dieſer unver⸗ gleichliche Dichter des Proſaepos im Grunde viel ſeltener die kritiſche Richtung verfolgt, als er dazu innere Veranlaſſung hat. Denn gerade in Auerbach's Genius iſt die Thätigkeit des tiefen urtheilenden Denkers eine ſtark ausgeſprochene. Eine mächtige Naturanlage, getragen von der Idealität eines poetiſch⸗ civiliſatoriſchen Strebens, bewahrt den Autor vor dem untergeordneten Niveau jener kritiſchen Arbeiter, die ihr zweideutiges Scheinleben blos durch das Bemühen hinfriſten, vor und neben ihnen geſchaffene Geiſtes— werke mehr oder weniger ſcharfſinnig zu bemäkeln oder, wenn es hoch kommt, in den Poetenbau geſchwätzig hineinzuhopſen und mit pygmäenhafter Verwunderung auszumeſſen, wieviel Staarſchnabelweiten ſchon der Eingang mißt. 1
Solche Erſcheinungen, die den Namen eines wahren Kritikers ſchänden, füllen die Scala zwiſchen gehäſſiger Nichtsnutzigkeit und ſchönſeliger Jämmer⸗ lichkeit unangenehm aus.
Obgleich Auerbach eigentlich immer nur beiläufig als Aeſthetiker aufgetreten iſt, da ſeine Hauptthätig⸗ keit dem Schaffen gewidmet war, ſo hat er ſich doch ab und zu und ganz beſonders in ſeinen Romanen und Novellen ſelbſt, beſonders im„Spinoza“, in „Neues Leben“ und in„Auf der Höhe“, nicht blos als Analytiker, ſondern auch als poſitiver Gedanken⸗ ſchöpfer innerhalb der Aeſthetik bewährt und ſomit den Wurzelpunct aller ächten Kritik, Lebenstüchtigkeit und Productivität der Ideen, vielfach gezeigt. Es kann nicht oft genug betont werden, daß der Geiſt jener einzigen ächten Kritik nur ein productiver ſein kaun und zu einer kritiſchen Abhandlung oft eben ſo viel Phantaſie, poetiſche Gedanken und Künſtlerthum verbraucht werden muß, als zu einer Dichtung.
Auerbach's Geiſt iſt nun eigentlich ſo geſtimmt, daß er ſeinem Naturell nach darauf angewieſen iſt, in Abhandlung und Kritik einen freien künſtleriſchen Aufſchwung, einen hohen Flug zu nehmen, und mehr zu einer engen gewählten, als zu einer großen Ge⸗ Was er für die erſtere ohne die Bemühung des Populariſirens geſchrieben hat, trägt keine Spur eines doctrinären Charakters und nützt dem großen Ganzen, wenn auch indirect, ſo doch um ſo ſicherer, indem es der Minorität zum geiſtigen
Segen gereicht. Ich höre ihn daher auch in dieſem Bande lieher da, wo er zu ſeines Gleichen ſpricht, als da, wo er ſich dem Volkston accommodirt. Der Pegaſus in einen Wagen geſpannt darf nicht mehr fliegen und nicht jeder Denkergenius kann ungeſtraft die an ſich ſehr hohe Miſſion des Schulmeiſterthums erfüllen. Wenn ich auch für das Letztere unſerm Autor viel Geſchicklichkeit zuerkennen muß, ſo bekenne ich doch offen, daß ich ihn am liebſten in einem idealen Pathos ſehe, in welchem er ganz er ſelbſt ſein darf.
Der Leſer wird in dem vorliegenden Buche Auf⸗ ſätze von beiden hier ſo eben angedeuteten Gattungen finden. Sie entſtammen verſchiedenen Zeiten und Ge⸗ legenheiten und ſind zum Theil ſchon einmal gedruckt oder als Vorträge gehalten worden. Man ſoll über Kritiken keine Kritik ſchreiben, aber aufmerkſam machen möchte ich wenigſtens auf dieſe Reihenfolge von an⸗ regenden Artikeln, deren trefflichſter jedenfalls„Goethe und die Erzählungskunſt“ iſt. Bei dieſem ſo allgemein intereſſanten Thema iſt es wohl am willkommenſten, wenn ich ein paar Stellen als Probe anziehe. Der Verfaſſer ſagt unter Anderm:
„Goethe hat ſich rein und frei nach ſich ſelbſt ge⸗ bildet. Es gab für ihn kein äußerliches Muſter und Vorbild. Er lebte ſich ſelbſt aus, ohne Anlehnung an ein von außen gegebenes Dogma in der Kunſt wie im Leben. Was er aus dem vielgeſtaltigen und viel⸗ bewegten Leben und was er von den beiden erhaben⸗ ſten Geiſtern des Dichtens und Trachtens, Shakeſpeare und Spinoza, in ſich aufnahm, faßte er nur als Treib⸗ kraft für das, was die Natur in ihn gelegt.
Wenn nach dem Ausſpruche Spinoza's derjenige Menſch der freieſte iſt, der nach den innerſten Natur⸗ geſetzen ſeines wahren Selbſt handelt und lebt, ſo iſt Goethe dieſer homo liber. Goethe war eine Natur und erkannte ſich ſelbſt als ſolche. Die freie Erkennt⸗ niß hebt das Naturwalten nicht auf, ſie erhebt es, ſie erhebt das Sein zum Bewußtſein.
Schiller hatte ſich für ſeine ſpäteren Lebenstage vorgeſetzt eine Geſchichte der Römer zu ſchreiben, ſein Sinn war immer auf das hiſtoriſch Große, Geſammte gerichtet. Goethe baute in Allem ſeine große Sub⸗ jectivität aus. Er gab uns damit ein volles norm⸗ gültiges Menſchenbild und zuletzt noch das ganze Leben eines vollen Menſchenalters.— Es bedürfte einer weiteren Ausführung, um zu zeigen, welch eine große künſtleriſche Kraft Goethe in ⸗Wahrheit und Dichtung⸗ bewährt.
„Wo iſt der Mittelpunct der Welt?⸗ wurde ein Weiſer gefragt.— ⸗Wo Du ſtehſt,“ war die Antwort. Goethe hat den ganzen Horizont ſeiner Zeit, eben von ſeinem Standpuncte aus, künſtleriſch fixirt. 4


