Jahrgang 
1-26 (1867)
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76 Novellen⸗Jeilung.

weniger dem Zwange geſetzlicher Beſtimmungen, als der veränderten Weltanſchauung zuſchreiben möchte, die ſich mit dergleichen Lappalien nicht mehr befaſſen mag, ſo wenig wie die Jungfrau noch mit der Puppe ſpielt oder der Jüng⸗ ling am Kreiſel und Drachen ſich erluſtigen kann.

Eine nicht zu verachtende Annehmlichkeit für die Haus⸗ frauen bildet der allenthalben in großer Anzahl verbreitete Zuckerahorn, aus deſſen überaus reichlich fließendem Safte im März wahrhaft erſtaunliche Quantitäten von Eſſig, Molaſſes und Zucker gewonnen werden, die das ganze Jahr hindurch einen überflüſſigen Vorrath aller dieſer Subſtanzen gewähren, ſowie die im Walde wachſenden Pflaumen, Kirſchen und Trauben, dieBlackberries,Cranberries undRaſpberries, die zu allerhand Preſerven undPickles und einer ganzen Muſterkarte verſchiedenerPies benutzt werden.

In Krankheitsfällen wird dem Buſch⸗Farmer die Hülfe eines Arztes immer entbehrlicher, und nur im äußerſten Nothfall eilt er nach der Stadt, um ſolche zu requiriren. Die ſogenannten Doctoren ſtellen gar zu exorbitante, oft unverſchämte Forderungen, während jetzt ſchon ein großer Theil der intelligenteren Landbewohner einen Vorrath homöo⸗ pathiſcher Medicamente beſitzen, womit ſie den meiſten krankhaften Erſcheinungen auf die einſachſte Weiſe begegnen, auch ihren Hausthieren Hülfe leiſten und ſelbſt ihren Nach⸗ barn thatkräftig beiſtehen können. Wäre Hahnemann's große Entdeckung ſonſt in keiner Hinſicht ein welthiſtoriſches Ereig⸗ niß, ſo hat ſie in ſolchen Gegenden der Erde, deren Bewohner noch zerſtreut und fern von fremder Hülfe leben, ſchon unaus⸗ ſprechlichen Segen gebracht. 1

Das franzöſiſche Kaiſerpaar in Compirgne.

Compieègne war ſchon von jeher ein Lieblingsaufenthalt der Beherrſcher von Frankreich, denn wenn es auch nicht ſo großartig und prächtig iſt wie Verſailles, ſo beſitzt es doch noch mehr Naturſchönheiten als jenes, und für Napoleon III. iſt es jedenfalls angenehmer, daß es nicht ſo viele hiſtoriſche Erinnerungen an die Bourbonen aufzuweiſen hat. Wir wollen uns hier darauf beſchränken, zu ſchildern, welche Rolle Compieègne im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts ge⸗ ſpielt hat. 2

Es war beiſpielsweiſe zur erſten Begegnung zwiſchen Napoleon I. und der Erzherzogin Marie Louiſe auserſehen worden; man hatte prächtige Zeite auf einem Platze zwiſchen Soiſſons und Compiègne aufgeſchlagen und in einem dieſer Zelte war ein Schemel von Sammet aufgeſtellt, auf dem ſich Marie Louiſe vor dem Kaiſer niederlaſſen ſollte, worauf dieſer ſie aufheben und umarmen wollte. Allein dieſes ganze vor⸗ ausbeſtimmte Ceremoniell ſagte dem lebhaften Sinne

Lapoleon's nicht zu; er zog vor, ſeine Verlobte zu überraſchen, d ſetzte ſich in einfachem Anzug mit Murat in einen Wagen, um der Erzherzogin entgegen zu fahren. In Courcelles wurde er von einem Platzregen überraſcht und flüchtete ſich unter das Portal einer Kirche, aber eben als Marie Louiſes Wagen vorüberfuhr, wurde Napoleon von einem Soldaten erkannt, der nicht ahnte, daß der Kaiſer wünſche, incognito zu bleiben, und mit wahrer Stentorſtimme rief:L'empereur! vive l'empereur! ſodaß derſelbe höchſt ärgerlich in ſeinem durchnäßten Zuſtande der Braut entgegentreten mußte.

DieRepublik von 1848 veranſtaltete im Schloſſe zu

Compiègne ein großes Banket mit Ball, zu dem das Billet

einen Franc koſtete. Kaiſer Napoleon III. hat ſeitdem ſeine Herbſtreſidenz dorthin verlegt.

Die Einladungen an ſeine Gäſte nach dem Schloſſe ſind gewöhnlich in ein großes Couvert mit rothem Siegel einge⸗ ſchloſſen, deſſen blaugedruckte Aufſchrift außer der Adreſſe die Worte enthält:Haus des Kaiſers, Oberkämmereramt.

In dem Couvert befindet ſich eine große roſenfarbige Karte, auf welcher man lieſt:

Auf Befehl des Kaiſers giebt ſich der Großkanzler die Ehre, Herrn oder Frau N. N. zu benachrichtigen, daß er ein⸗ geladen iſt, ſechs Tage im Schloſſe von Compieègne zu⸗ zubringen. Um Antwort wird gebeten. Herzog von Baſſano.

Iſt dieſe Einladung an einen Herrn gerichtet, ſo ver⸗ ſieht er ſich mit einem ſchwarzen Frack, einer ſchwarzen Weſte, einer Auswahl weißer Cravatten, kurzen Hoſen von ſchwarzen Kaſchmir, welche über dem Knie geknöpft werden, und mit einem Paar ſchwarzſeidenen Strümpfen für eine Dame iſt die Sache allerdings umſtändlicher, denn dieſe nehmen ganze Berge von Gepäck mit. Hierauf begiebt man ſich auf den Nordbahnhof und ſetzt ſich in ein Coupé des für die Eingeladenen beſtimmten Extrazuges. Bei der Ankunft in Compiègne wird man ſofortvon kaiſerlichen Dienern in einen leichten Jagdwagen gehoben und bald darauf ſteigt man vor dem großen Thore des Schleſſes ab und tritt in den großen Parterreſal, wo die Hundertgarden, auf ihren Poſten ſtehend, lebenden Statuen gleichen.

Ein Diener führt den Gaſt auf ſein Zimmer, wo er bereits ſeinen Namen an der Thür geſchrieben findet. Ge⸗ wöhnliche Beſucher, wie Künſtler, Schriftſteller, Gelehrte, werden von einem Diener in grüner Livree mit ſcharlachrother Weſte geleitet; Perſonen, welche eine Hofcharge bekleiden, werden von Fourieren in Galatracht mit Degen und Dreiſpitz geführtz fürſtliche Perſonen begleitet ein Hefmarſchall.

Gegen 7 Uhr Abends verſammeln ſich alle Eingeladenen in dem großen Salon, welchen man die Gallerie des Cartes nennt, weil ungeheure Landkarten die Wände zieren. Die Herren tragen einen ſchwarzen oder blauen Frack, die Knie⸗ hoſen, Strümpfe und weiße Cravatte, die Damen erſcheinen in Balltoilette.

Kurz vor dem Eintritt des Kaiſers ordnet ſich die ganze Geſellſchaft auf der linken Seite der Gallerie, die Herren in einer, die Damen in einer zweiten Reihe. Die vornehmſten Gäſte ſtehen der Thür zunächſt.

Der Kaiſer tritt in Begleitung des dienſtthuenden Kammerherrn herein, oft mit dem kaiſerlichen Prinzen an der Hand. Er geht an den Herren vorüber, an Jeden ein Wort richtend, beſonders an die Neuangekommenen, die ihm von dem Kammerherrn vorgeſtellt werden.

Während dieſer Zeit ſchreitet die Kaiſerin, ebenfalls in Begleitung ihres Kammerherrn und ihrer Hofdame, an den Damen vorüber, wobei ihr die Hofdame die neuange⸗ kommenen Damen vorſtellt. Sobald der Kaiſer alle Herren in Augenſchein genommen hat, geht er gegen die Thür zurück und unterhält ſich mit den Damen, die Kaiſerin dagegen wendet ſich zu den Herren. Iſt die Vorſtellung vorüber, ſo

begiebt man ſich in den Speiſeſaal zum Diner.

Der Tiſch, welcher mit hundert Couverts bedeckt iſt, trägt eine Decke, welche in Nachahmung derer von Ludwig XV. mit verſchiedenen Jagdſcenen durchwirkt iſt.

Man ſpeiſt auf Silber, nur beim Deſſert macht daſſelbe dem Seèvre⸗Porzellan⸗Platz, welches ſo ſchön iſt, daß man ordentlich in Verſuchung gerüth, dies Geſchirr mitzunehmen,

um mit Muße die feinen Gemälde betrachten zu können, die

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