bekannt, daß ich Bachmüllers Freund war, deshalb
blickte ſie mich ſehr lange ſinnend an. Zufällig erfuhr
ich, daß ſie kurze Zeit nach dieſer Begegnung zu ihrem
Gemahl beſchieden wurde. Der Mann lebte noch ſieben Jahre und iſt von ihr muſterhaft gepflegt worden.
Jenes Duell muß einen tiefen Eindruck auf ſie hervor⸗ gebracht haben. Ich habe, ſo oft ich Gelegenheit hatte, nach dieſer Frau gefragt. Bald nachdem ſie Wittwe ewuihen, ſtarb ſie. Von Bachmüller habe ich nie
wieder gehört und nach und nach ſeltner ſeiner gedacht,
als früher, wie wir Menſchen nun eben ſind. Heute
ber⸗ als ich den Baron Duresnelle ſah, iſt mir wieder Bachmüller lebhaft vor die Seele getreten, obgleich es eben nur des Barons Geſtalt, Haltung und eine
gewiſſe Klangfarbe in ſeiner Stimme iſt, welche mich Doch es wird ſpät, Freunde, auf
an ihn erinnert. Wiederſehen nächſtens.“
Der nüchſte Morgen.
In kleineren deutſchen Städten giebt es nur wenige Langſchläfer und eleinzelte Flameurs. Höchſtens liegt eine nervöſe Dame bis neun Uhr im Bett, oder ein junges Mädchen, welches den erſten Ball erlebt hat, allenfalls auch ein Greis; das Pflaſter treten nur Gymnaſiaſten und Studenten zur Ferienzeit, ein junger Arzt, welcher noch keine Praxis hat, ein Fremder, der die alterthümliche Stadt bewundert, und die aller Orten gangbaren Schuſterbuben. Auch in Waldau pflegten die Leute früh aufzuſtehen. Als die Glocke acht ſchlug, ſaß der Juſtizrath bereits beim Frühſtück und überdachte die Arbeit des Tages, der Maler Moritz Blume ſtellte ſeine Staffelei in das richtige Licht, der Schriftſteller legte ſich ſein Papier zurecht
und murmelte ſchmunzelnd: aus der Geſchichte des
Doctors läßt ſich ſchon Etwas machen, und der Polizeidirector Räthen ſagte zu dem Pfiffikus, wie er nämlich unter vier Augen ſeinen einäugigen ſchlauen Spürhund Thomas zu nennen beliebte:„Ich weiß, Sie ſind fein wie Märzenſtaub und dringen allenthalben hin; ſuchen Sie doch Etwas über Vergangenheit und Charakter des Herrn Baron von Duresnelle zu er⸗ fahren, etwas Gründliches.“
„Zu Befehl, Herr Doctor, ich weiß ſchon Einiges.“
„Nun?“
„Dieſer Herr liebt den Luxus außerordentlich, iſt gütig gegen ſeine Dienerſchaft und großmüthig.“
„Weiter.“
„Er beſucht das Haus des Herrn Präſidenten oft und bewirbt ſich um das jüngſte Fräulein. Uebri⸗ gens muß er Wittwer ſein, denn er trägt einen goldenen Ehering und in ſeinem Schlafcabinet hängt das Porträt einer jungen Frau, faſt immer verſchleiert,“ ſetzte Thomas hinzu,„das iſt Alles, was ich weiß.“
Vierte Solge. 21
„Gut, rapportiren Sie mir, ſobald Sie mehr wiſſen.“
„Zu Befehl, Herr Director.“
Der Doctor war in den frühen Morgenſtunden nie müßig, er liebte es, ſchon um ſechs Uhr aufzu⸗ ſtehen. Nachdem er raſch gefrühſtückt hatte, gab er ſeinem großen Hunde die Morgenſuppe, dann pflegte er ſeine Blumen, brach die ſchönſte, um ſie auf den verlaſſenen Nähtiſch ſeiner verſtorbenen Frau zu legen, und trat dann ſeine Runde bei den Kräanken an. Zu⸗ erſt begab er ſich heute in den deutſchen Hof, und freute ſich, zu hören, daß der Fremde die Nacht hin⸗ durch leidlich geſchlafen hatte. Sein Bewußtſein war V wiedergekehrt, er fühlte weniger Schmerzen und ſtreckte dem Doctor freundlich die Hand entgegen.
Als dieſer die nöthigen Fragen gethan hatte, ſagte der Kranke lachend:„Es iſt drollig, daß ich mich Ihnen im Bett vorſtellen muß, mein Name iſt Mai⸗ lath, ich bin ein Ungar.“
„Ah, Graf Mailath; doch wahrſcheinl ich der be⸗ rühmte Schriftſteller?“
„Schriftſteller und Graf,“ entgegnete derſelbe humoriſtiſch,„und wie ich aus Ihrer Bemerkung höre, Herr Doctor, doch bekannter, als ich mir ſchmeichelte.“
„Es kommt oft vor, daß junge Schriftſteller, welche nur ein Werk heransgegeben haben, in dem V Glauben leben, daß die ganze Welt ſie kennt, während bekannte, ja berühmte oft gar nicht wiſſen, wie weit verbreitet ihr Name iſt und wie viele Menſchen ihre Bücher haben. Erlauben Sie mir, Herr Graf, daß ich mich Ihnen jetzt vorſtelle: Doctor Wallberger.“
Wahrſcheinlich der berühmteſte Heilkünſtler der Gegend; denn der Fall war nicht ſo ſchlimm, aber ich muß außerdem krank ſein, ich bin müde, wie zer⸗ ſchlagen.“
„Ein gaſtriſches Fieber.“
„Wird es mich lange hier feſthalten?“
„Ich hoffe, die günſtige Witterung wird mir beiſtehen, Sie bald herzuſtellen.“
„Ich werde Alles pünctlich einnehmen, was Sie mir verſchreiben. Darf ich leſen?“*
„Wenn ich es Ihnen heute erlaube, werden Sie es morgen nicht können, und wenn Sie es heute unterlaſſen, wird es Ihnen morgen möglich ſein.“
„Theures Höôtel, Herr Doctor?“
„Keineswegs, und ſehr gut.“
„Es iſt eine unerquickliche Ausſicht, einige Wochen im Hötel krank zu liegen.“
„Gewiß, Herr Graf, aber in einigen Tagen werden Sie ſo weit hergeſtellt ſein, daß ſie leſen, vielleicht auch ein wenig ſchreiben können, und ſobald ich Ihnen erlauben kann, Beſuche zu empfangen, werden mehrere


