Jahrgang 
1-26 (1867)
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konnte ich beim beſten Willen dem Dinge kein Ende machen, denn ich würde ſie jedenfals alle Beide getödtet haben. Sie waren fortwährend hart zuſammen, balgten ſich auf der Erde oder in Luftſprüngen herum. Plötzlich ſtiegen ſie wieder ſchnurgerade in die Höhe, doch ſo, daß ich den fremden größeren auf's Korn nehmen konnte. gefallen, ſo überſchlugen ſie ſich Beide einige Male in der Luft und klatſchten dann wie todt auf die Erde herab.

Starrer Schrecken bemächtigte ſich meiner, wie aller meiner Begleiter, denn wir mußten wirklich glauben, daß ich ſie Beide getroffen habe. ſich und der wüthende Kampf entbrannte von Neuem.

Sie hüpften und tanzten nun noch geraume Zeit auf der Erde herum, dann erhoben ſie ſich wieder in die Luft, doch ſo emſig und lebhaft umeinander wirbelnd, daß ich keinen zweiten Schuß wagen konnte. Dies war jedoch auch nicht nöthig, denn faſt, als wäre noch einmal geſchoſſen, fielen ſie plötzlich wiederum herab und in den kleinen Fluß. So ſchnell wir nun auch hinzueilten, kamen wir doch ſchon zu ſpät; denn der fremde Storch flog eben davon und ſetzte ſich etwa hundert Schritte von uns auf einem Hügel erſchöpft nieder und unſer armer Hans lag todt in den Wellen; ob von der Anſtrengung, oder durch das Waſſer getödtet, wer konnte es wiſſen?

Die ſchon ſo reichlich gefloſſenen Thränen der kleinen Mädchen erneuerten ſich jetzt im Schmerze um den armen Freund, welcher nach vergeblich angeſtellten Belebungsver⸗ ſuchen trauernd nach Hauſe getragen wurde. Die guten kleinen Weſen, denen der fremde Storch doch ſo großes Leid zugefügt hatte, und die vor wenigen Minuten ſo ſehnlichſt wünſchten, daß ich ihn tödten ſollte, um ihren Freund zu retten, baten mich jetzt aber eben ſo innig, ihm kein Leid an⸗ zuthun.

So iſt ein reines, edles Menſchenherz; es nimmt den

wärmſten Antheil an dem Looſe des Freundes und ſchont doch und bittet ſogar für den Feind, wenn er nicht mehr Gefahr drohen kann ja, es hat auch wohl Nachſicht und Vergebung für den noch Böswilligen. Als wir zurückkehrten, überdeckten wir unſern armen Todten mit einem Tuche, damit Grete ihn zar nicht ſehen ſollte, denn wir glaubten, daß ſie ſich mit dem Fremden vielleicht eben ſo wohlbefinden würde, als mit ihrem getödteten Gatten. Jener ſaß lange Zeit ganz ruhig in der Sonne, und zuweilen ſchüttelte und ſtreckte er ſich, gleichſam im Fieberfroſt. Endlich hob er ſich mühſam empor, kreiſte einmal herum und flog dann mit mattem Flügelſchlage nach der Scheune, wo er ſich ſtill in der Nähe des Neſtes hinſetzte.

Jetzt waren natürlich unſer Aller Augen dorthin ge⸗ richtet, denn wie hätten wir nun nicht auf Grete's Benehmen geſpannt ſein ſollen?

Die Störchin verhielt ſich beim Nahen des Fremden ganz ruhig, begrüßte ihn keineswegs, wie das erſte Mal, mit Klappern, dann erhob ſie ſich, machte behutſam die Füße und Federn von den Eiern los, ſtellte ſich hochaufgerichtet auf den Rand des Neſtes, begann fürchterlich zu klappern und ſtürzte ſich plötzlich mit dem ſpießigen Schnabel na den An⸗ kömmling. Dieſer hatte gebeugten Hauptes vor ihr geſtanden; bei den erſten Klappertönen war ihm aber wohl ſein Schickſal klar geworden, denn er richtete ſich gerade in die Höhe, gleichſam als wolle er ſeine Bruſt ihrem Racheſchwert ohne Widerſtand darbieten.

Während der Fremdling nun, ſich überſchlagend, das Strohdach herunterkugelte, erhob ſich die Rächerin in die

Kaum war der Schuß

Doch nicht lange, da erhoben ſie

Vierle Solge. 11

Luft und, immer weitere Kreiſe im klaren Blau beſchreibend, ſtieg ſie ſo hoch, daß ſie unſern Blicken entſchwand und für immer verſchwunden blieb. Thatſächlich wahr! Nachdem wir nun unſern Hans in der feierlichſten Weiſe begraben und die Mädchen auf ſein Grab einen Roſenſtrauch gepflanzt hatten, balgte ich mit Hülfe des alten Jägers den andern Storch ſorgſam ab. Zu unſerer Ver⸗ wunderung fanden wir, daß erſtens der wüthende Schnabel⸗ ſtoß der rächenden Störchin keineswegs tödtlich geweſen, daß aber mein Schuß wohlgetroffen und zwar die Bruſt geſtreift und in einer Länge von etwa anderthalb Zoll aufgeriſſen hatte. Durch dieſen Schlag der Kugel waren alſo die Störche auf die Erde herabgeſtürzt und dennoch hatte der Verwundete, tapfer und keine Schmerzen achtend, fortgekämpft. Augen⸗ ſcheinlich war er jetzt aus Erſchöpfung geſtorben oder hatte ſich von dem Dache herab todtgefallen. Er wurde mit vieler Mühe ausgeſtopft, und ſteht jetzt noch auf jenem Gute an der Stubenthür als Schildwache und gleichſam als Memento, welches die Eintretenden zu Friede und Eintracht ermahnt.

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Aus den Erinnerungen des Grafen Welito.

Von dem geſchichtlich bekannten Grafen Miot de Melito ſind jetzt Ueberſetzungen ſeiner intereſſanten und für die Specialhiſtorie wichtigen Memoiren erſchienen. Dieſer merkwürdige Mann, ehemals Miniſter, Geſandter, Staatsrath, Freund Napoleons und deſſen Bruders Joſeph, bekleidete ſchon während der Revolutionszeit hohe Aemter und hatte vielfach Gelegenheit, die hervorragenden Parteihäupter der Schreckenszeit perſönlich kennen zu lernen oder genau zu beobachten. So oft dieſe Geſtalten nun auch geſchildert ſind, ſo muß es doch feſſeln, ſowie der ſeltene Fall auftritt, einen neuen und geiſtig ſo bedeutenden Beitgenoſſen darüber

zu hören. Melito ſagt unter Anderem: Lacroix, Dantons Freund und College, war von koloſſalem, cher wohlproportionirtem Körperbau und hatte

ſchöne Geſichtszüge. Er hatte Danton ſich zum Vorbild ge⸗ nommen, war das Echo ſeiner Worte, ahmte ſeine Geberden nach und bediente ſich ſeiner Ausdrücke. In dieſer Nach⸗ äffung beſtand ſein ganzes Rednertalent. Uebrigens ſprach. er wenig, viel und gab nur durch beifälliges Kopfnicken ſeine Zuſtimmung zu Allem, was ſein Meiſter ſagte, zu er⸗ kennen. Er folgte dieſem auf das Schaffot.

Fabre d'Eglantine ſprach gut und angenehm, aber etwas geziert. Ungeachtet ſeines Beſtrebens, die revolutionären Ausdrücke ſich zu eigen zu machen, ſah man wohl, daß ſie ihm nicht zuſagten, und unter der Hülle einer ungeſchliffenen Sprache ſchien immer der Ton eines Mannes von Bildung und guter Erziehung durch. Wenn von einem literariſchen Gegenſtand die Rede war, was ſelten vorkam, be⸗ mächtigte er ſich des Wortes und legte ſchöne Kenntniſſe an den Tag. Eifriger Bewunderer Molière's, ſprach er von dieſem unvergleichlichen Dichter mit Begeiſterung und ich entſinne mich, über deſſen Genie und Werke eben ſo geiſt⸗

reiche als neue Bemerkungen aus ſeinem Munde gehört zu

haben. So äußerte er eines Abends, als man über den Bourgeois⸗Gentilhomme die Abſicht gehabt, den Bürgerſtand zu verhöhnen. Im Gegentheil, den Adel wollte er treffen. Zwar iſt die Sucht eines bürgerlich geborenen Mannes, ſich mit der Adelskaſte zu vermengen, lächerlich gemacht; allein Herr Jourdain iſt, trotz ſeiner albernen Grille, dennoch ein ſehr rechtſchaffener Mann, guter Gatte, zärtlicher Vater, treuer