Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
829
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Vierte Charlotte Curdagy.

Die Poeſie iſt nicht immer eine Fiction. (Schluß.)

In Charlottens Zelle blieben beſtändig zwei Gen⸗ darmen, wie ſie ſagte, ohne Zweifel um ſie vor Langer⸗ weile zu bewahren. Sie bat, man möge ſie wenigſtens des Machts allein laſſen, konnte es aber nicht erlangen. Ueb⸗ rigens war an ihr nichts von der Strenge der Cornelia. Die Heiterkeit des jungen Fräuleins von Caen folgte nach dem Morde auf die tragiſch en Scenen faſt ohne einen Zwi⸗ ſchenraum. Einen Theil ihrer Zeit verwendete ſie darauf, die politiſchen Geſänge Valades abzuſchreiben; ſie ſchrieb an Barbaroux und datirte ihren Brief vom zweiten Tage von der Vorbereitung des Friedens(de la préparation de la paix). Bald wird ſie ſich mit ihrem Portrait beſchäftigen und mit dem Maler ſcherzen; ſcherzend bittet ſie wegen des Leichtſinns ihres Charakters um Verzeihung. Das Opfer ihres Lebens war ein ſo gänzliches, daß ſie ſchon im voraus im Elyſium wohnte und mit Brutus und einigen Alten ſpielte; denn die Neuern, fügte ſie hinzu,führen mich in keine Verſuchung; ſie ſind zu verächtlich!

9 eſtät Gnah

an Iyr chriſtle

Man fand bei ihr eine Adreſſe an die Franzoſen. Was wollte ſie mit den Worten ſagen:Franzoſen, Ihr kennt Eure Feinde. Ich habe Euch den Weg gezeigt. Erhebt

ECuch! Geht und ſchlagt! Sie hoffte, ſie würde von den Maratiſten zerriſſen werden, aber bei dem Anblick ihres auf der Spitze einer Lanze getragenen Kopfes würde ſich das wahre Volk gegen die Montagnards erheben und ihr Kopf werde als Fahne gegen ſie dienen. Sie gefiel ſich in dieſem Bilde, daß ihr Kopf in Paris umhergetragen würde; ſie gewöhnte ihre Augen im voraus daran, dieſe ſchreckliche Scene zu ertragen; eine ſo ſchreckliche Viſion raubte ihr nichts von ihrer Anmuth und ihrem Frohſinn.

Ihr Proceß kam erſt am 17. Juli zur Verhandlung. Damals herrſchte noch nicht die Ungeduld d. welche man bald machher ſah, als die Pineihth gen den Durſt danach ent⸗ zündet hatten. Man verhörte noch und der Tod ging nicht den Antworten voran. Corneilles Geiſt war auf den Lippen Sharlottens, ohne daß ſie es wußte.

Fouquier⸗Tinville fragte ſie, was ſie beſtimmt habe, Marat zu tödten.Was haßten Sie an ſeiner Perſon? Seine Verbrechen.*

Glauben Sie, alle Marats gemeuchelmordet zu haben?

Da dieſer todt iſt, ſo werden die Andern vielleicht Furcht haben.

Was verſtehen Sie unter Energie?

Sein Privatintereſſe bei Seite ſetzen und ſich opfern, um ſein Vaterland zu retten.

Wer hat Ihnen dazu gerathen?

Man führt ſchlecht aus, was man nicht ſelbſt erdacht

, hat!.

net DieWeshalb haben Sie Marat getödtet?

es neichelte iheIch habe einen Menſchen getödtet, um deren hundert⸗

run nuſend zu retten.

Was haben Sie zu antworten?

mn p8rbNichts, als etwa, daß es mir gelungen iſt.

3 Man reime dieſe Worte und man wird einen Dialog

ſer Horatier haben. Sie hätte auch hinzufügen können:

.A quoi bon me défendre?

1 Vous savez l, action; vous la venez d'entendre.

Das Auditorium war von einer Rührung ergriffen, wie n an ſie in dem Revolutionstribunal noch nicht geſehen hatte.

Holge. 829 Jemand zeichnete das Portrait der Charlotte Corday; ſie wandte ſich mit derſelben Ruhe wie an einem ganz gewöhn⸗ lichen Tage dem Maler zu. Ihr Vertheidiger, Chauveau⸗ Lagarde, wagte von dieſererhabnen Selbſtverleugnung zu ſprechen; keine Stimme erhob ſich gegen ihn. Sie dankte ihm in der Art des Alterthums, indem ſie ihm ihre Gefäng⸗ nißſchulden vermachte, weil ihr Vermögen confiscirt worden war.

Ein wenig vor dem Urtheilsſpruch las man ihren lan⸗ gen Brief an Barbaroux vor, in welchem ſich in einer ſo ſeltſamen Art der Scherz eines jungen Mädchens und der Stoicismus eines Verſchwörers in der alten Zeit vermiſcht. Morgen Mittag um zwölf Uhr werde ich gelebt haben, um die lateiniſche Sprache zu reden. Sie nimmt Abſchied von ihrem Vater und ſtellt ſich unter den Schutz Thomas Corneille's

Le crime fait la honte et non pas l'échafaud.

Der Henker kommt, um ſie abzuholen, als ſie eben ein Billet an Pontécoulant ſchreibt. Sie bittet ihn zu warten, bis ihr Brief verſiegelt ſei. Der Henker hält das rothe Hemd und die Scheere. Sie nimmt die Scheere, ſchneidet ſich eine Haarlocke ab und giebt ſie dem Maler Hauer, der eben ihr Portrait beendigt. Man wollte ihr die Hände binden; ſie bat, man möchte ihr die Handſchuhe laſſen, was man ihr ab⸗ ſchlug; ſie reichte dann ihre bloßen Hände hin und empfing das rothe Hemd über ihre Schultern.

Als Charlotte Corday mitten in der von Schrecken ergriffenen Stadt ſo ſchön, ſo ruhig auf dem Karren erſchien, empfingen ſie mörderiſche Bravos und begleiteten ſie bis an's Schaffot. Der Wagen fuhr langſam.Sie finden, ſagte der Henker zu ihr,daß es recht lange dauert?Bah, wir kommen ſicher an Ort und Stelle an.

Während dieſer langen Fahrt nahm man auf ihrem Geſichte nur dasſelbe Lächeln wahr, das ihre Richter erſtarrt hatte. Es war zugleich die Freude des Opfers und die Ver⸗ achtung alles deſſen, was ſie umgab. Man weiß indeſſen nicht, ob ſie die ferne Zukunft in dieſe Verachtung einbegriff. Die Henker näherten ſich ihr, um ihr die Füße zu binden. Sie glaubte, man wolle ihr einen Schimpf zufügen, und leiſtete Widerſtand. Als ſie erfuhr, daß das ein Theil ihrer Strafe ſei, gab ſie nach und entſchuldigte ſich. Im letzten Augenblick riß der Henker ihr das Halstuch ab, welches ihre Bruſt be⸗ deckte; ſie erröthete. Ihr Kopf fiel. Der Knecht des Henkers hob ihn noch ganz von der jungſcänlichen Scham bewegt auf. Er zeigte ihn dem Volke und ohrfeigte ihn dann. Ein lan⸗ ges Murren erhob ſich aus der Whe ge⸗ die Natur wagte, ſich einen Augenblick zu zeigen. Nach dem Tode drängten ſich der Haß und die Neugierde noch um den Leichnam; ſie konn⸗ ten nur die Jungfrau von Tauris entdecken.

Ein junger Deutſcher aus Mainz, Adam Lux, der ſie auf dem Karren hatte vorbeifahren ſehen, verliebte ſich plötz⸗ lich in ſie. Er wagte es, das Lob Charlotte Corday's,größer

s Brutus, zu veröffentlichen, und er erreichte damit, daß er desſelben Todes ſtarb, den ſie erlitten hatte. Charlotte Corday wollte nicht mit einer romantiſchen Liebe geliebt ſein; ſie gehörte nicht zu der Familie der Charlotte Werther.

(Dieſen Irrthum muß man dem Franzoſen, der von Werther's Lotte gehört hat, verzeihen.)

Und Du, großer Corneille, biſt Du mit Deiner Urnichte zufrieden und erkennſt Du Dein Blut an? Hat ſie das Trauerſpiel gut durchgeführt? Giebt es unter Deinen Römern einen einzigen, der eine römiſchere Seele gehabt hat? Mögen Deine Verſchwörer, Maximus, Cinna, neben Fräulein von