Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
770
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Knebelbart à la Henri IV., von der Schwärze des Ebenholzes, umkränzte die friſchrothen Lippen. Der Anzug, nach damaliger Sitte der Zeit, beſtand aus einem ſchwarzen Sammetwams, das bis zu den Lenden ging und hier, wie am Oberarm, ſtarke Puffen bildete. Der bloße Hals, von einem weißen Kragen umrahmt, deſſen Enden bis auf Nacken und Bruſt hernieder⸗ fielen, wurde nach hinten zu von dunkelſchwarzen, dichten Locken verdeckt, die bis auf die Schultern in kunſtloſen Ringeln niederwallten. Dunkelſeidene Tri⸗ cots und niedrige Schnabelſchuhe, mit kleinen Silber⸗ ſchnallen verziert, vollendeten die kleidſame florentiniſche Tracht.

Jetzt ſchien der junge Mann aus ſeiner Träu⸗ merei zu erwachen; er murmelte:Das iſt Dein Auge, das ſind Deine Züge, ich möchte mich in Deine Seele verſenken! Gleich darauf zeichnete er mit einer Emſigkeit weiter, daß ſeine Mitſchüler lächelten.

Glaub's nur, Zecco, rief Domenico,in Deinem Freund ſteckt ein großer Geiſt ſeine Arbeiten lobt ſtets der Meiſter.

Groß iſt ſein Eifer, erwiderte der Angeredete, aber ihm fehlt Talent.

Weil der Herzog Medici ihn gebracht und weil er dem Haus Canoſſa entſproß, meinſt Du? Meiſter Girlandajo malte ihm ſeine Bilder und eben darum lobt ihn alle Welt. Heut' zu Tage iſt ſelbſt die Kunſt käuflich geworden und des Künſtlers Preis wird eine Dornenkrone, rief Domenico.

Kaum hatte er dieſe Worte vollendet, als ſich die Thüre öffnete und Meiſter Bartoldo in die Werk⸗ ſtatt trat. Alle verſtummten, jeder beſchäftigte ſich mit ſeiner Arbeit. 4

Meiſter Bartoldo war ein nicht mehr junger Mann mit ausdrucksvollem, ariſtokratiſchem Geſicht. Seine hohe Stirne umrahmten faſt graulockige Haare, die in Ringeln hinter beide Ohren fielen. Die Adler⸗ naſe, das graue, ehrfurchtgebietende Auge paßten ſehr wohl zu dem langen weißen, den ganzen Mund über⸗ ſchattenden Bart..

Gott zum Gruß, rief er, nachdem er ſein Barrett abgelegt;ſo fleißig, Ihr Schüler, ſo vertieft in Eure Werke! Das iſt zu loben, denn Fleiß ſchafft Gedeihen.

Seht nur, Meiſter, flüſterte Domenico, indem er auf den noch immer emſig zeichnenden Angelo hin

wies,der brütet beute ſchon den ganzen Tag. Sein

Ideal ſcheint er zu ſuchen! Ob er's noch findet?

Bartoldo ſchüttelte ſein graues Haupt, ſchritt auf den Bezeichneten zu und klopfte ihm auf die Schulter, indem er ſagte:Mein Knabe Angelo, was ſchaffeſt Du dort?

Novellen⸗Zeilung.

Angelo ſprang ſchnell auf und überreichte dem zum Meiſter den Carton.. Ka

Sehr brav, rief dieſer,ſehr brav. Iſt das Per die Mater Doloroſa,

welche ich Dir zu zeichnen du aufgab?: e Ja, ſtammelte Angelo verlegen,ſie iſt's. vnndh Ich bin zufrieden mit Dir, ſehr zufrieden, M fuhr Bartoldo fort, indem er das Bild genau be⸗

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trachtete.Ihr wißt's, geliebte Schüler, begann er du auf's Neue,daß mir der heilige Vater aufgab, für gakgt St. Peter eine Schmerzensmutter aus Marmor zu Fobülee formen. Die betreffenden Engelsgruppen ſind fertig, Nande. nur fehlt noch das Haupt der Maria. Ich verlangte 3 von Euch eine Kopfzeichnung, welche ideal die Schmer⸗ ſcütte zensmutter darſtellt. Lange ſind die andern Schüler nelte: fertig, und Du, Angelo, bleibſt immerfort im Rück⸗ 3 ſtand! Man ſieht's Dir an, daß Meiſter Gir⸗ Marma landajo Dich Licht und Schatten lehrte, daß Du die f Form der Perſpective dem großen Meiſter abgelauſcht.hier Sag' mir, noch einmal ſchaute der Meiſter prüfend her, i auf das Bildkam dieſer Kopf aus Deiner Phan⸗ das In taſie, oder ſahſt Du ihn lebend, mein Knabe? ſormen Michael Angelo ſchwieg und ſtarrte vor ſich hin. ſeVien Warun ſchlägſt Du die Augen nieder? fragte ſi und beſorgt der Meiſter.Schämſt Du Dich Deiner b Kunſt?. dauend Wiederum ſchwieg der Schüler. dte Die Kunſt lehrte uns die Natur. Des Schö⸗ 8 pfers Allmacht formte die Blume des Feldes, in der 4

unſer Geheimniß ſchlummert. Das Höchſte der gött⸗ lichen Kunſt, gegenüber der menſchlichen, die nichts Neues ſchafft, ſondern nachbildet, iſt der Menſch, dem Gott die unſterbliche Seele eingehaucht. Warum 9 3 ſollſt Du als Jünger Deiner Kunſt nicht malen, was Dir der Schöpfer vorgeführt? In einem ſchönen Menſchenantlitz gab uns Gott ſelber ſein Ebenbild darum ſag' mir, mein Knab', ſag' mir, woher G entnahmſt Du dieſes Bild?

Angelo antwortete:Laßt mich ſchweigen, o

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Meiſter, laßt mich ſchweigen! n Gut, ich ehre Dein Geheimniß, lautete ſeine m Antwort,aber ich warne Dich, Knab', ich warne et. M Dich, lieben darf der Künſtler, aber nur ein Ideal! de lan

Warum nur ein Ideal? 1 di Hör' mich an. Die Mutter aller Künſte bleibt

die Phantaſie, die zur Erde alles Göttliche zieht. Sie iſt der Spiegel der Schöpfung, in der der Menſch täglich, ſtündlich blättert! In ſeinem Schaffen ſieht der Meiſter, daß die Gottheit freie Formen bildet. Der den Donnerſtürmen und der Windsbraut d trotzende Felſen thürmt ſich frei zum Himmel empor; 4 tn

das Meer rollt in ungebundener Freiheit die Woge