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Literariſche Briefe von Otto Banck.
Geſammelte Romane von Marie Sophie Schwartz. Leipzig, F. A. Brockhaus.— Der große Kurfürſt von Louiſe Mühlbach. Jena und Leipzig, Hermann Coſtenoble.— Graf von Benjowsky von Louiſe Mühlbach. Jena und Leipzig, Hermann Coſtenoble.— Der deutſche Krieg von Heinrich Laube. Leipzig, bei Häſſel.
Wenn Sie die Erſcheinungen des Buchladens ge⸗ nauer beobachten, ſo wird ſich darunter eine ſo große Anzahl von Romanen und Novellen, beſonders hiſto⸗ riſchen und biographiſchen, zeigen, daß ſelbſt der Schrift⸗ ſteller von Fach als Einzelner nicht mehr im Stande ſein kann, ſämmtliche Editionen genau zu verfolgen und ſich mit dem Werth oder Unwerth jedes Productes ſpeciell vertraut zu machen.
Unter all' dieſen hundertfältigen Erſcheinungen zeigt ſich ſelten ein Werk, welches aus der Sphäre der gewöhnlichen Unterhaltungsliteratur in eine höhere poetiſche Kunſtgattung hinübergreift. Selbſt was im Gebiete der wirklichen, weihevolleren Romandichtung gegenwärtig geſchaffen wird, pflegt dem Bedürfniſſe des Publicums nach Nervenſpannung und materiellem Effect mehr Conceſſionen zu machen, als im Sinne der Muſen für das Wohl der Sache ſelbſt heilſam iſt. Die Poeten würden, wenn ſie nur ihrem eigenen Ge⸗ ſchmack folgten, ihrer Schöpfungskraft jedenfalls ganz andere Bahnen und eine viel maßvollere Oekonomie in der Schürzung der Intrigue und in den Nebenepiſoden vorzeichnen. Wir ſehen dies ſelbſt an der Art und Weiſe vorzüglicher Leiſtungen, z. B. an Freytag’s„ver⸗ lorner Handſchrift“ und Auerbach's„auf der Höhe“. In beiden Werken wird auf dem Altar des Mode— geſchmacks manches für die idealen Anforderungen der Aeſthetik nicht eben wohlgefällige Brandopfer dar⸗ gebracht.
Wenn die beiden genannten Werke, denen ſich leider kein drittes gleichberechtigtes zugeſellen läßt, mit Ausnahme der viel ſtylvoller, viel ſubtil gewählter, aber auch draſtiſch viel weniger ausgiebig geſchriebenen Erzählungen Melchior Meyr's,— wenn dieſe Werke nur dann und wann dem Moloch des romantiſchen Materialismus gefällig entgegenkommen, ſo widmen ſich dagegen die meiſten andern ganz ausſchließlich dieſem Baalsdienſt. Sie gehen in Stofflichkeit auf, um nicht zu ſagen unter, denn auch das iſt eine Hul— digung der rein ſtofflichen Richtung, wenn der Roman⸗ ſchriftſteller, wie z. B. Marie Sophie Schwartz, eine moraliſche Tendenz zu vertreten ſucht, aber zur Er⸗ läuterung derſelben ſich nicht ſcheut, die abenteuerlichſten
Novellen⸗
Zeitung.
Begebenheiten aus allen Winkeln des täglichen Lebens zuſammen zu ſpindiſiren.
Ich will bei dieſer Gelegenheit gleich erwähnen, daß der 4., 5. und 6. Band von den geſammelten Romanen der eben genannten Schriftſtellerin kleine Erzählungen enthält, von denen man nur einige Titel: „Wollen iſt Können“,„ein mündiger Mann und eine unmündige Frau“,„Vorurtheil und Vernunft“ ꝛc. zu leſen braucht, um die moraliſchen Abſichten der Schreiberin im Voraus durchſchimmern zu ſehen. Der 7. Band bringt ihre Novelle„die Ehe“, eine in Schweden ſehr beliebte Darſtellung, welche den jungen Leſerinnen die natürliche Lebensſtellung des Weibes und die daraus ſich ergebenden Pflichten als Gattin und Mutter zur Erkenntniß zu bringen ſucht. Ich habe ſchon früher
wiederholt bemerkt, daß die großen Leſerkreiſe die Werke
dieſer Schriftſtellerin nicht ohne Unterhaltung genießen werden.
Das Letztere läßt ſich bekanntlich auch von den Schriften der Louiſe Mühlbach ſagen, wenngleich in ganz anderem Sinne. Die Verfaſſerin iſt unermüdlich in dem Beſtreben, die Specialgeſchichte nach allen
Seiten hin für die Nutznießung der Romanliteratur Bei einer ſolchen Beſchäftigung kann
auszubeuten. es natürlich nicht an Gegenſtänden fehlen, die ſich mit dem Anſchein von hiſtoriſcher Treue und unter der Selbſtempfehlung des geſchichtlichen Intereſſes novelliſtiſch bearbeiten laſſen. Es iſt in den letzten paar Jahrhunderten unter den gebildeten Nationen Europa's ſo viel vorgefallen, daß man mit der dialogi⸗ ſirten Darſtellung dieſer Thaten und Unthaten ganze Bibliotheken füllen kann, zumal wenn man noch ein gleiches Quantum von Begebenheiten und handelnden Perſonen höchſt ungenirt hinzu erfindet.
Um ihr Material noch ausgiebiger zu machen und dem Publicum gewiſſermaßen in müßigen Stunden ein Stück Weltgeſchichte vorzudemonſtriren, hat die Ver⸗ faſſerin ganze hiſtoriſche Epochen in ihrer Feder flüſſig werden laſſen. Dahin gehören z. B.„Friedrich II. und ſeine Zeit“ und„der große Kurfürſt und ſeine Zeit“. Die uns vorliegende zweite Abtheilung dieſes breit angelegten Romans heißt:„der große Kurfürſt und ſein Volk“, und umfaßt vier Bände.
Wer ſich mit der ſogenannten freieſten Behandlung, die jetzt im hiſtoriſchen und biographiſchen Roman üblich geworden iſt, erſt abgefunden hat, kann ſich
keineswegs über einen Mangel der Quellenſtudien von
Seiten der Verfaſſerin beklagen. Daſſelbe gilt auch für den Mühlbach'ſchen Nomnan „Graf von Benjowsky“, der nicht in einzelne
theilungen zerfällt, ſondern ſchon in vier Bänden ein für allemal beendigt iſt. Der Held empfahl ſich für
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