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zitternder Stimme der Cantor und Dorfſchulmeiſter Gotthard daheim in ſeinem engen Stüblein. Bei der Liturgie des eben beendeten Advents⸗Gottesdienſtes war es ihm ſicher unmöglich geweſen, glücklich auf die„Höhe“ zu gelangen ob ganz ungewöhnlicher Widerſpenſtigkeit ſeiner Kehle. Er mußte ſich wohl erkältet haben, denn genoſſen hatte er vorher nichts, als ein Schälchen ſo dünnen Gebräues aus wenig Kaffee und viel Möhrenzuthat, wie ihm ſeine würdige Hansehe eben auf den Tiſch ſetzte, und wenn Fett der Stimme ſchadet, ſo kam ihm von Rechtswegen die ſchönſte im ganzen Dorfe zu, wenigſtens aß faſt keiner der Inſaſſen ſo magere Biſſen als er.„Laß es nicht kalt werden,“ mit dieſer Mahnung trieb ihn ſeine Ehehälfte wieder von der mühſam erklommenen „Höhe“ herunter,„der Ofen war ſo nicht heiß. Lieber Himmel, das wird ein ſchöner Winter werden; Schnee und Eis genug und kein Holz; faſt das ganze Dorf iſt noch mit dem Deputat im Rückſtande.“—„Man muß arme Leute nicht drücken,“ bemerkte, ſich räus⸗ pernd, der Cantor.—„Arm!“ eiferte die Hausfrau, deren Redefluß durch keine Rückſicht auf einen etwa verbrennenden Braten beengt ward, denn dergleichen Prachtſtücke zierten nur an den höchſten Feſttagen den Tiſch, und ihre beſcheidene„Mehlpfanne“ gedieh im Commune⸗Backhaus unter ſicherer Obhut,„wer iſt ärmer im Dorfe denn der Schulmeiſter? Neunzig Thaler Gehalt und das Bischen Land, von dem keine Pacht eingeht, ſeit wir zu alt, uns ſelbſt damit zu plagen.“—„Nun, wir ſind doch noch nicht verhungert,“ begütigte der Cantor und machte den Verſuch, wieder einzuſetzen, nachdem er ſich abermals geräuspert.—„Wenn man aber am Hungern ſtürbe,“ fiel mit giftigem Tone die Antwort ſo ſchnell ein, daß ihm die Stimme verſagte,„dann wären wir ſchon längſt todt.“—„Nun, ich bin ja auch in Anbetracht des ſtrengen Winters und meines Alters um eine außerordentliche Unter⸗ ſtützung eingekommen.“—„Das wird Dir viel helfen, ſeit wir den neuen Paſtor haben. Hätteſt Du lieber die Petition mit unterſchrieben, die Dir der junge Schulmeiſter aus Etzdorf herüberſchickte.“—„Das würde mir auch nichts geholfen haben. Das Abgeordneten⸗ haus iſt ja aufgelöſt worden, ehe es darüber berathen konnte.“—„Aufgelöſt! ſie ſind davongeſchickt worden, weil ſie haben wollten, daß die Soldaten nur zwei Jahr dienen ſollen. Und das find' ich auch ganz vernünftig, denn dann käme unſer Fritz ſchon nächſten Herbſt wieder nach Hauſe, könnte Meiſter werden und hier und da uns unterſtützen in unſerer Drangſal. So aber hat er mir geſtern geſchrieben, daß er nicht einmal zu Weihnachten Urlaub bekommt. Ich möchte ihm gar ſo gern etwas ſchicken, aber—“ ſie konnte
Novellen⸗Zeitung.
nicht weiter, die Augen gingen ihr über, ein ſchwerer Seufzer entrang ſich der beklemmten Bruſt.—„Ei, ei, liebe Frau!“ entgegnete der Eheherr unter leiſem Kopfſchütteln etwas gepreßt und gezwungen, pei, ei, wie kommſt Du zu der ſündhaften Politik? Das iſt keine Weiberſache.“—„Ach was, wenn eine Mutter ihr einziges Kind unter den Soldaten hat, wird ſie das wohl auch angehen. Geleſen hab' ich's im Volks⸗ boten, den Du ja hältſt.“ Der Cantor fuhr wie vor Schreck zuſammen, ſah ſich ſcheu um, unterließ auch nicht, einen forſchenden Blick durch das Fenſter zu werfen, und erwiderte dann:„Den Volksboten halten? ich? bewahre! Allerdings ſchickt ihn der Nachbar Becker mir manchmal herüber—“—„Na,“
fuhr die Frau unwillig dazwiſchen,„mir gegenüber
wirſt Du Dich doch nicht etwa verſtellen wollen! Wir ſind hier in unſeren vier Pfählen und können reden, wie es uns ums Herz iſt, der Paſtor wird nicht an jeder Thüre horchen. Haſt vierundſechszig Jahre lang den Leuten gerade in's Geſicht geſehen und willſt jetzt auf Deine alten Tage den Duckmäuſer ſpielen! Schäme Dich! ſeine Pflicht erfüllt und Gott und den König ehrt, dem können ſie nichts anhaben!“ Diesmal ſeufzte der Cantor, ſchickte einen zweifelnden Blick zum Himmel
empor und intonirte, wie um ſeine Frau nicht wieder 3 „Ehre ſei Gott in
zum Worte kommen zu laſſen: der Höhe!“
„Herein!“ Und herein tritt mit barſchem Gruße der Polizeiverwalter und Schulzenamtsverweſer des Dorfes; der Cantor bewillkommnet ihn verbindlichſt und ſchiebt ſogleich einen der wenigen altersſchwachen Stühle hin; auch die Frau Cantorin knixt, ſich er⸗ 1 Der geſtrenge Herr dagegen findet ſich nicht veranlaßt, darauf zu rückſichtigen, oder Höflichkeit Er entblößt nicht ein⸗
hebend.
mit Höflichkeit zu erwidern. mal ſein hohes Haupt, das macht freilich die alte Gewohnheit, er war früher Gensdarm und bekanntlich darf ein Gensdarmenhelm wie jede andere militäriſche Kopfbedeckung nicht einmal im Gerichtszimmer abge⸗
nommen werden, wo doch im Namen des Königs
Recht geſprochen wird, geſchweige denn in einer ganz gewöhnlichen Dorfſchulmeiſter⸗Stube. In ſeine jetzige
Stellung war er von der Regierung beordert, die den
von der Gemeinde vorgeſchlagenen Schulzen nicht beſtätigt hatte, weil, ſo ging das Gerücht, er bei der
letzten Wahl dem ſiegreichen liberalen Candidaten, einem reichen, allgemein hochgeachteten Rittergutsbe⸗
ſitzer, ſeine Stimme gegeben hatte, doch war dies jedenfalls nur eine Verleumdung Böswilliger.„Can⸗ tor,“ ſo herrſcht mit finſterer Amtsmiene der Vielge⸗
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