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Pierte Folge.
Herbei, ihr Reichen und Beglückten,
Herbei, ihr Armen, Schmerzgedrückten,
Ihr, die ihr liebend euch umfaßt,
Auch du, der ſeinen Bruder haßt!
Hier wird der eitle Stolz zur Demuth, Hier wird der heiße Schmerz zur Wehmuth, Hier zieht ſtatt wilden Haſſes Pein
In jedes Herz die Liebe ein.
Herbei, ihr Alle, nah und fern!
Herbei, es iſt der Tag des Herrn!
Dies Wort, das mahnend rings erklungen, Auch zu den Beiden iſt's gedrungen! Und milder wird ihr Angeſicht, Sie mögen wollen, oder nicht; Sie müſſen, ohne dran zu denken, Die blutgefärbten Eiſen ſenken, Es dringt zu wunderbar, zu rein, Der Ton in ihre Seelen ein!— Das feierliche Glockenläuten, Die Bilder weckt's vergangner Zeiten, Und manches Wort und manchen Spruch Aus der Apoſtel heil'gem Buch. Schau, wie ſie ſchuldbewußt erröthen! Es mahnet ſie:„Du ſollſt nicht tödten!“ Es ſpricht:„Nicht ſollſt du Rache üben, Und die dich haſſen, ſollſt du lieben, Dem, der dich kränkt, ſollſt, du vergeben, Dann gehſt du ein zum beſſern Leben!“— Und noch durchweht manch' ſchöner Spruch Ihr Herz aus jenem heil'gen Buch!— Da färben höher ſich die Wangen, Da faſſet ſie ein heiß Verlangen, Da hebet plötzlich ſich der Fuß, Nicht, weil er will, nein, weil er muß, Und bald im heißen Liebesdrange Glüht Herz am Herzen, Wang' an Wange!
Da brauſ't es durch des Waldes Dom Wie Lobgeſang, wie Orgelſtrom, Als ob die Bäume ſich beſeelen; Da jubelt es aus tauſend Kehlen, Es jubelt nah, es jubelt fern: Geſegnetſei, du Tag des Herrn!
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Tannenreiſer. Von Albert Traeger. Wien,
Verlag von Schönewerk.
Albert Traeger hat ſich, wie Sie mit Vergnügen beobachtet haben werden, als lyriſcher Dichter in einem weiten Kreiſe des poeſieliebenden Publicums
ſehr vortheilhaft bekannt gemacht, indem ſeine ange⸗ nehmen, wohlklingenden Lieder ſinnige Herzlichkeit und Friſche der Phantaſie überraſchend mit einander
verbinden und immer nach ethiſchen Zielen ſtreben,
auch in der ſo zahlreich von ihm gepflegten Erotik
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das leidenſchaftliche Element gegen das der gefühlvoll ſchmerzlichen Reſignation maßvoll zurückdrängend.
Es kann nicht fehlen, daß wir die trefflichen, in der Lyrik des Verfaſſers hervortretenden geiſtigen Eigenſchaften auch in ſeinen novelliſtiſchen Darſtel⸗ lungen wieder antreffen.
Aber es kommt hier noch manches hinzu, was ich hhöher veranſchlagen möchte: es iſt das ebenſo frei⸗ ſinnige als echt ſittliche Hineingreifen in die Schatten⸗ ſeiten unſerer modernen politiſchen und ſocialen Zu⸗ ſtände, in die großen und kleinen Krebsſchäden der Geſellſchaft, in die innerſten krankhaften Stockungen der Lebensharmonie und des bürgerlichen Wohlbe⸗ hagens.
In der Lyrik iſt es ſchwierig und nicht immer möglich, zur Bloßlegung dieſer Uebelſtände einen poe⸗ tiſchen und zugleich real natürlichen Zugang zu finden; die breiteren Wege und die vielen erlaubten Neben⸗ pfade der Novelliſtik führen leichter und zwangloſer zu dieſem Ziele hin; es ſind da hundert Häkchen und Motivchen zu erörtern, die, an ſich proſaiſch, unromantiſch und ſcheinbar bedeutungslos, doch die Kraft des Waſſertropfens haben, der den Felsblock aushöhlt.
Einen Blick auf ſo manches heimliche Leid ringen⸗ der Exiſtenzen, auf ſo manche Ungerechtigkeit unter dem Schutze der Geſetze, auf ſo manchen tragiſchen Kampf des Herzens gegen die Schranken der Noth⸗ wendigkeit zu werfen, dazu fand Albert Traeger in ſeiner Stellung als Advocat und Vertheidiger eine überaus vielſeitige Gelegenheit, die er mit Scharf⸗ blick und echt humaniſtiſcher Tendenz emſig benutzt hat.
Die„Tannenreiſer“, unter denen man ſich keine ſpecifiſchen Weihnachtsgeſchichten zu denken hat, da ſie für jede literariſche Jahreszeit paſſen, bringen ſolche kleine Studienbilder aus dem täglichen Leben, und wenn auch darin hin und wieder ſentimentale Liebe und Romantik mitagirt und die Veilchen und Roſen der Sehnſucht auf dem für die Jugend bereit⸗ ſtehenden Altar ihres ewigen Liebesfrühlings geopfert werden, ſo ſind doch bei weitem die meiſten Darſtel— lungen jenem Ernſte des Lebens gewidmet, an deſſen Capital wir Menſchen ſo viel Ueberfluß haben, daß es ſtets vom Schickſal ohne Nieten unter uns ausge⸗ ſpielt wird. Wer das Glück hat, blos ſeinen Einſatz wieder zu gewinnen, kommt mit blauem Auge davon.
Um zu zeigen, auf wie wenig Raum man bei kürzeſter Faſſung ein kleines preußiſches Zeitbild er⸗ greifenden Inhaltes geben kann, theile ich hier die trefflich geſchilderte, aber verzweifelte Situation eines von Traeger beſchriebenen Dorfcantors mit.
„Ehre ſei Gott in der Höhe!“ verſuchte mit


