Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
742
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Nach drei oder vier Tagen ſtand Petermann an Sander's Wohnung.

Alles ſtill wie das Grab, murmelte er, nach dem er an der Glocke gezogen hatte.Niemand kommt, wie ſonſt, mich freundlich zu empfangen; es ſchnürt mir die Bruſt zuſammen und ich habe faſt nicht den Muth, über die Schwelle zu ſchreiten.

Endlich erſchien eine Magd.

Wo iſt der Doctor? fragte er.

Das Frällein befindet ſich im Wohnzimmer.

Das Fräulein?

Und Petermann eilte, irgend ein Unglück ahnend, über den Flur und trat haſtig in das ihm wohlbe⸗ kannte Gemach. Amalie ſaß am Fenſter. Als ſie den bewährten Freund erblickte, ſtieß ſie einen Schrei der Freude aus und eilte auf ihn zu. Dann blieb ſie plötzlich ſtehen, ſenkte den Kopf und ihre Augen füllten ſich mit Thränen.

Um Gotteswillen, was iſt geſchehen? rief der Künſtler.Wo iſt Ihr Bruder?

Verhaftet!... ſtöhnte Amalie drei Wochen verhaftet!

Und Herr von Steinau?

Ich glaube, es geht ihm ſchlecht.

Und Hedwig?

Sie iſt wieder bei ihrem Vater.

Und der Referendar?

Er iſt jetzt Aſſeſſor geworden. Beide haben ſich in unſerem Unglück treu und feſt, als unveränderte Freunde bewährt.

Das iſt doch wenigſtens Ein Troſt, murmelte Petermann,aber daran habe ich auch nie gezweifelt. Nun, bei allem Unglück iſt es mir lieb, daß ich wie⸗ der hier bin, denn, fuhr er fort,zu thun werde ich wohl genug bekommen, und ich ſehe wohl, ich habe keine Zeit zu verlieren, um mich auch darüber zu unterrichten, wie es drüben im Schloſſe ſteht.

Er nahm Hut und Stock, drückte der Schweſter des Doctors bewegt die Hand, verſprach morgen wie⸗ derzukommen und eilte mit ſeiner bekannten Beweg⸗ lichkeit auf dem kürzeſten Wege nach dem Herren⸗ hauſe.

ſchon ſeit

(Schluß folgt.)

Ein Tag des Herrn!*)

Es flieht die Nacht; und wunderhold Legt ſich der Sonne erſtes Gold Als Purpur um die Wolkenſäume; Hell zieht der Morgen in die Räume

*) Aus: Schwanen⸗Lieder. Gedichte von Hermann Waldow. Leipzig. Druck und Verlag von Alexander Waldow. 1864.

Novellen⸗ZJeitung.

Umſtrahlt von Glanz und Sonnenſchein

Als jugendlicher Herrſcher ein,

Und wo er naht, da tönt als Segen Ein Gruß der Liebe ihm entgegen. Den Wald durchzieht ein leiſes Weh'n, Und herrlich ſtrahlt es rings und ſchön, Als ob erſt heut' des Ew'genWerde In's Daſein rief die junge Erde!

Der Himmel ſtrahlt ſo licht, ſo blau, An jedem Halm das Tröpfchen Thau, Es wird im Morgenſonnenſcheine

Zur Perle und zum Edelſteine,

Daß man als reiches Diadem

Sie gerne mit nach Hauſe nähm!

Nach Müh' und Arbeit mancherlei Kam heut der Tag des Herrn herbei; Drum liegt auf dieſer Schönheitsfülle Auch rings die heil'ge Sabbathſtille. Nichts ſtört den Frieden der Natur;

Es ſchwingt empor aus Wald und Flur, Vom Halm und aus den Blüthenzweigen Sich das Gebet in ernſtem Schweigen!

Da plötzlich durch den ſtillen Wald Es wie von Roſſeshufen ſchallt! Wo ſchattig ſich die Zweige breiten, Da nahen von verſchied'nen Seiten Zwei Männer finſtern Angeſichts. Sie fühlen von dem Frieden nichts, Der rings auf Flur und Thal und Hügel Gedrückt ſein heil'ges Gottesſiegel. Es rief ein unbedachtes Wort Zum blut'gen Kampfe ſie, zum Mord, Und haßerfüllt in ſchnellen Kreiſen Schwingt Jeglicher das ſcharfe Eiſen!

O, daß der Menſch ſo leicht vergißt, Wie göttlich jener Funke iſt, Den er nur rauben kann, nicht geben, Der heil'ge HimmelsfunkeLeben! Sieh, Jeder ſucht in wilder Luſt Mit ſcharfem Stahl des Feindes Bruſt; Die Stelle ſucht er, wo entgegen

Das Herz ihm pocht mit heißen Schlägen!

Ein zartes Rehlein kam herbei; Doch bald enteilt es, bang' und ſcheu. Die Vöglein auch in weiten Kreiſen Flieh'n vor dem Klang der ſcharfen Eiſen; Es ſtehen als ob ihnen graut' Die Bäume ſelber ohne Laut Rings in des Waldes weiten Hallen! Die Beiden merken nichts von allem, Und Jeder, in ſtets neuer Wuth, Lechzt gierig nach des Andern Blut!

Da ſchwingt ſich eines Glöckleins Klang Herab vom nahen Bergeshang, Und bald ringsum von allen Seiten

Erhebt ein Klingen ſich, ein Läuten,

Zu künden Allen, nah und fern: Herbei, heut iſt der Tag des Herrn!

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