Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
705
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Vierte Folge.

Erſcheint regelmäßig jeden Freitag.

III. Jahrgang.

Abonnementspreis jährl. 5 ½ Thlr.

Politiſche Gegenſäte.

Ein Zeitbild deutſcher Zuſtände vor dreißig Jahren von Carl v. Keſſel.

(Fortſetzung.)

Lachmansky erſchien häufig bei dem Geheime⸗ rath, aber meiſt des Nachts, wenn er unbemerkt zu demſelben gelangen konnte, und klagte hier und da der Baron unter vier Augen darüber, daß das revo⸗ lutionäre Treiben, wie er es nannte, nun auch ſchon in ſeiner unmittelbaren Nähe auftauche, ſo klopfte ihn der Bruder auf die Schulter und ſagte mit einem beſonders markirten Lächeln:

Sei nur ruhig, keine Sache darf übereilt wer⸗ den; Du ſollſt Deine Revanche erhalten, aber erſt müſſen wir Beweiſe in den Händen haben, und hier⸗ zu ſind bereits die nöthigen Einrichtungen getroffen.

Auch Conſtantia ſpielte bei dieſer Angelegenheit

eine nicht unthätige, wenn auch nur verſteckte Rolle. Dieſer ländliche Ausflug war von ihr in der Hoff⸗ nung und mit dem ſtillen Vorſatze unternommen wor⸗ den, die Eroberung ihres Vetters in aller Muße zu vollenden und mit dem Geſtändniß ſeiner Liebe oder, wenn Alles nach Wunſch ging, als die verlobte Braut des jungen Mannes in die Reſidenz zurückzukehren.

Dieſer Letztere zeigte aber nicht die geringſte Luſt, ſeine Stellung als Verwandter mit der eines Anbeters zu vertauſchen, und die Tochter des Ge⸗ heimeraths, in deren Charakter es nicht lag, einem tiefen, warmen Gefühl Raum zu geben, fühlte ſich hierdurch in ihrem Stolze verletzt und ſuchte ſich im Stillen durch ſchadenfrohe Einwirkungen auf Vater und Oheim für dieſe Empfindungen zu rächen.

Der alte Herr von Steinau, aufbrauſend, wie ſein Charakter war, hatte bei verſchiedenen Gelegen⸗ heiten über die Zuneigung ſeiner Kinder zu dem Doctor und deſſen Schweſter laute Klage geführt; dieſe, welche ſich in der letzten Zeit nur noch enger an einander angeſchloſſen, ſetzten ſolchen Vorwürfen