Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
682
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Novellen⸗Zeitung.

Feuilleton.

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Genrebild aus dem Kriegsleben der Spahis.

Guſtav Henning, ein Deutſcher aus dem Elſaß, der aus Drang zu Abenteuern in die franzöſiſchen Legionen eintrat und als Officier derſelben ein gutes Stück afrikaniſchen Kriegs⸗ lebens mitmachte, gab davon unter dem Titeldie Araber des Sahels eine Reihe von Skizzen, die ſich durch realiſtiſche Treue auszeichnen und Intereſſe verdienen. Nachdem der Verfaſſer ſeinen Abſchied genommen hatte, ſchloß er ſich einer Expedition an, welche unter dem arabiſchen Scheich Meſſaud nach den Senegalniederungen ging, um die Verbeſſerung der Pferdezucht im Gouvernement Algerien zu bewirken. Es kam dort zu vielen Kämpfen mit den Berbern und Mau⸗ ren, den Urbewohnern der Sahara. Eine Schilderung eines ſolchen Kampfes mag hier mit ſeinem genrebildlichen Zube⸗ hör folgen, da er ein Beiſpiel auch für die Kriegführung der Franzoſen in Afrika iſt. Man fand nach langen anſtrengen⸗ den Märſchen nur verödete Dörfer der Dowiſchmauren, und der Scheich Meſſaud ließ ein Lager aufſchlagen. 1

Mit eintretender Dunkelheit bot das Lager einen inter⸗ eſſanten Anblick. Die Araber hatten aus den harzigen Zweigen der Djeddia Fackeln verfertigt und leuchteten ſich damit zu ihrer Abendmahlzeit. Das flackernde Licht ſpiegelte ſich auf den Waffen, die neben den Reitern an den Stäm⸗ men lehnten, und beleuchtete die weißen Burnus und wilden Geſichter der ſchmauſenden Gruppen, über welchen die Kro⸗ nen der Gummi⸗Akazien ein dichtes Blätterdach wölbten, das, von dem ſchwachen Lichtſtreif kaum erreicht, nur um ſo dunk⸗ ler erſchien. Am Saume des Waldes hatte ich mein Zelt aufſchlagen laſſen, und in einiger Entfernung davon, vor der Mitte des Bivouacs, ſtand das große Zelt des Scheichs. Die Führer der Abtheilungen waren dort verſammelt, und einige Sclaven waren beſchäftigt, ihnen zu leuchten und das Zelt den von Kundſchaft zurückkehrenden Reitern kenntlich zu machen. Weiter hinaus auf dem freien Raume, der den Kin⸗ dern der geflüchteten Mauren zum Spielplatze gedient haben mochte, brannten gewaltige Feuer. Küche und Schlachthaus waren hier vereinigt, ganze Hammel brieten an langen Lan⸗ zen, und Ochſen und Kühe wurden hierher getrieben und näherten ſich, von dem Blutgeruch geängſtigt, brüllend und widerſtrebend der Stelle, wo halbnackte Neger mit lautem Geſchrei das Schlächtergeſchäft verrichteten. Seitwärts die⸗ ſer Scene lag ein verwüſtetes Dorf, und neben demſelben lagerten die Pferde der Araber in den niedergetretenen Saat⸗ feldern. Der Oſtwind, der ſich mit der Dunkelheit erhob, hatte die glimmenden Brände der zerſtörten Hütten wieder angefacht; eine helle Lohe ſchlug von Zeit zu Zeit aus dem ſchwelenden und glühenden Schutte empor, und ihr grelles Licht erſchreckte die Pferde, die mit langen Hälſen nach den ſprühenden Funken ſchauten oder in wildem Galopp um den Pkahl jagten, an den ſie gefeſſelt waren.*)

Ich hatte meine Decken vor das Zelt tragen laſſen und beobachtete von hier aus mit aller Behaglichkeit das nächt⸗ liche Treiben, als plötzlich ein lautes Geſchrei der Neger meine Aufmerkſamkeit nach der Schlachtſtätte richtete. Ein gewaltiger Bulle hatte dort die Männer, welche ihn hielten,

*) Die Araber feſſeln ihre Pferde auf zwei verſchiedene Arten; entweder einen Vorderfuß und einen Hinterfuß derſelben Seite,

oder einen Vorderfuß mittelſt eines an einen Pfahl befeſtigten lan⸗ gen Strickes.

zu Boden geworfen und eilte in vollem Laufe dem Walde zu. Ein Schwarm ſchreiender Neger folgte ihm, Brände und Holzſparren wurden ihm zwiſchen die Füße geſchleudert und ſtachelten ihn zu grenzenloſer Wuth auf. Das erleuchtete Zelt Meſſaud's mit den rothen Bändern, die von dem Giebel deſſelben flatterten, erregte ſeine Aufmerkſamkeit; er ſenkte den Kopf, hob den Schweif und rannte, ſo ſchnell ihn die kurzen ſtämmigen Beine tragen wollten, auf das Zelt zu. In dem Zelte aber ſaß der Scheich auf einem Kameelſattel und rauchte aus langer Pfeife den weſtindiſchen Tabak, den ich ihm ge⸗ ſchenkt hatte, und um ihn her auf dem Boden kauerten die Angeſehenſten der Schiah und lauſchten den Worten der Weisheit, die aus dem Munde ihres Stammesälteſten kamen. Da fuhren plötzlich zwei lange Hörner durch die Zeltwand, die Stangen und Stützen brachen krachend zuſammen, und über den erſchreckten Inſaſſen, durch eine dünne Lederdecke von ihnen geſchieden, wälzte ſich mit dumpfem Brummen eine ungeſchlachte Maſſe und ſuchte ſich zappelnd aus den Leder⸗ riemen zu befreien, in denen ſie ſich gefangen hatte. Ich kam gerade zeitig hinzu, um über die verblüfften Geſichter der Würdenträger lachen zu können, die von ihren jubelnden Untergebenen unter dem eingeſtürzten Zelte und dem darauf liegenden Ochſen hervorgezogen wurden. Der Ochſe wurde an Schweif, Hörnern und Beinen triumphirend durch das Lager geſchleppt und an dem Schlachtplatze für ſeinen Angriff auf das Zelt des Scheichs mit dem Tode beſtraft.

Im Laufe des folgenden Tages kehrten die letzten auf Kundſchaft geweſenen Abtheilungen mit der Nachricht zurück, daß die Mauren alle Dörfer geräumt und ſich mit Heerden und Vorräthen in ein Verſteck geflüchtet hätten, das nach Aus⸗ ſage der Gefangenen ſchon bei früheren Kämpfen benutzt und vertheidigt worden war. Dies war eine ärgerliche Nachricht für die Araber. Die Ausſicht, eine Feſtung angreifen zu müſſen, hatte wenig Verlockendes für Leute, die gewohnt waren, dem Feinde zu Pferd entgegen zu treten. Meſſaud beſchloß, einen Verſuch zur Ueberrumpelung der verſchanzten Gegner zu machen, ließ das Gepäck zurück und befahl den ſo⸗ fortigen Aufbruch der Reiter, die einen berittenen Gefangenen als Wegweiſer mitnahmen und ſich in einen Galopp ſetzten, der mit kurzen Unterbrechungen den größten Theil der Nacht über anhielt.

Ich ritt thörichter Weiſe an der Queue der Colonne, wo ſich die durch das Terrain bedingten Veränderungen des Tempos und der Gangart doppelt bemerklich machten. Nach wenigen Stunden war ich wie gerädert, ließ die Bügel fallen, deren Kürze mir unerträgliche Schmerzen verurſachte, und überließ meinem Pferde die Zügel. Die ſchwüle Nachtluft drückte ſchwer wie Blei auf meine Augenlider, die ſich ſchloſ⸗ ſen, ſowie die Spitze des Zuges in Schritt fiel, und ſobald ich den unvermeidlichen Anprall an meinen Vordermann überſtanden hatte. Ich ſchlief dann, bis der Scheich ſeinen Rappen von Neuem in Galopp ſetzte, bis meine Vorderleute, um die verlorene Diſtance wieder zu gewinnen, in voller Carrière davon jagten, und mein Pferd mit einem Sprunge folgte, der mich aus dem Reiche der Träume in die Wirklich⸗ keit und aus dem Sattel auf die Croupe des Roſſes verſetzte.

Wir erreichten gegen Ende unſeres nächtlichen Marſches eine ausgedehnte Gummiwaldung, wie ſie in der Nähe des rechten Senegalufers häufig vorkommen. Die Bäume waren

ſich Schi ben wire ce vlſt. mit un Alazie Stach vom einen wurd ſchre hierd ſich