Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
678
Einzelbild herunterladen

678

Ernſt ſeine Vergangenheit bereut, ſo ſoll ihm von ganzem Herzen verziehen ſein.

Hartwig ſah ſich in ſeiner Erwartung nicht ge⸗ täuſcht. Kaum erfuhr der Regierungsrath die Ver⸗ haftung ſeines Sohnes, als er auch ſofort Schritte zur Befreiung desſelben that. Das konnte ibm nicht ſchwer fallen, abgeſehen davon, daß ſeine bürgerliche Stellung ein nicht unbedeutendes Gewicht in die Wagſchale warf, denn ſchon nach dem erſten Verhör ſah der Unterſuchungsrichter ein, daß die Anklage haltlos war. Daß man den Maler in dunkler Nacht und ohne Hut in der Ruine betroffen hatte, konnte nicht als Beweis für ein Einverſtändniß mit den Verbrechern dienen; Jedem ſtand das Recht zu, in der Ruine zu träumen, ſo lange er wollte. Auch wurde der Verdacht des Inſpectors ſehr dadurch ent⸗ kräftet, daß man die Werkſtätte der Falſchmünzer in vollſtändiger Ordnung gefunden hatte; jedenfalls würden die Verbrecher, wenn ſie vorher gewarnt wor⸗ den wären, ihre Werkzeuge und ihr Material mitge⸗ nommen haben, um an einem andern Orte einen neuen Schlupfwinkel zu ſuchen. Die Zeugniſſe, welche außerdem von allen Seiten für die Ehrenhaftigkeit des Gefangenen einliefen, mußten ebenfalls die An⸗ klage entkräften, demzufolge wurden die Acten ge⸗ ſchloſſen und der Angeklagte auf freien Fuß geſetzt. Der Polizei⸗Inſpector aber erntete einen derben Ver⸗ weis, nicht allein, dieſer Verhaftung wegen, man warf ihm auch vor, er ſei nicht mit der nöthigen Umſicht zu Werke gegangen; er würde ſeinen Zweck beſſer erreicht haben, wenn er, ſtatt einen Unſchuldigen zu verhaften, die ſämmtlichen Geräthe in dem Gewölbe gelaſſen, die Fallthüre wieder geſchloſſen und darauf dieſen Schlupfwinkel einige Wochen hindurch ſtreng überwacht hätte.

Dieſer Vorwurf erbitterte den Beamten; er zog genauere Erkundigungen ein und ließ es ſich nicht verdrießen, die Rolle eines Hauſirers zu ſpielen, um die Bauern zu vertraulichen Mittheilungen zu bewe⸗ gen. Da lautete denn das einſtimmige Urtheil, daß zu jener Zeit nur ein einziger Vagabund in dieſer Gegend geweſen ſei, und zwar der tolle Student, der Sohn des Paſtors, den man ſeit der Verhaftung des Malers nicht mehr geſehen habe.

Die Vermuthungen, welche dieſe Mittheilungen in der Seele des Inſpectors weckten, kamen der Wahrheit ſehr nahe. Der Polizei bleibt ſelten etwas verborgen, ſo erfuhr denn auch der Inſpector ſchon nach einigen Wochen, daß Ernſt Schneider in Bres⸗ lau immatriculirt war und durch ſeinen Fleiß und nüchternen Lebenswandel ſich unter ſeinen Commili⸗

Novellen⸗

Jeitung.

tonen rühmlich auszeichnete. Sofort reiſte der Be⸗ amte nach Breslau, und der Zufall wollte, daß Hart⸗ wig, welcher nach ſeiner Entlaſſung aus dem Gefäng⸗ niſſe zu ſeiner Braut geeilt war und den Pfarrer überredet hatte, ihn nach Breslau zu begleiten, da

eine mündliche Ausſöhnung herzlicher und wirkſamer

ſei, als eine ſchriftliche, in demſelben Augenblick den Gaſthof verlaſſen wollte, in welchem der Inſpector den Oberkellner erſuchte, ihm ein Zimmer anzuweiſen.

Hartwig eilte augenblicklich zu Ernſt, um ihn vorzubereiten; denn daß dieſem der Beſuch des In⸗ ſpectors galt, bezweifelte er nicht. Was die Beiden erwarteten, geſchah. Der Beamte beſuchte noch an demſelben Tage den Studenten und ſuchte ihn durch Liſt in eine Falle zu locken. Ernſt hörte ihn ſchwei⸗ gend an und zeigte ihm darauf die Thüre. Der In⸗ ſpector wüthete, ſeine Wuth ließ ihn jede Vorſicht vergeſſen. Er theilte der Behörde in Breslau ſeinen Verdacht und die Gründe dafür mit, und unternahm, da er einen Verhaftsbefehl nicht erwirken konnte, auf eigene Verantwortung die Verhaftung des Studenten. Aber ſchon nach dem erſten Verhör entließ ihn der Unterſuchungsrichter, und dem Inſpector wurde be⸗ deutet, wenn er fortfahre, in dieſer Weiſe ſeine Amts⸗

befugniſſe zu überſchreiten, ſo müſſe er gewärtigen,

ſeines Amtes entſetzt zu werden.

Ein Jahr ſpäter führte Hartwig ſeine Braut heim. Er hatte die Hochzeit aus mehreren Gründen ſo lange verſchoben. Auf der einen Seite wünſchte er, daß an dieſem Tage der Friede in das Pfarrhaus zurückgekehrt ſein möge, und auf der anderen wollte er vorher ſich eine geſicherte Exiſtenz erringen. Das war ihm gelungen. Sein Bild, welchem er den für alle Uneingeweihten geheimnißvollen Titel: Durch Kampf zum Frieden!» gegeben hatte, erregte in der Kunſtausſtellung Aufſehen; zahlreiche Beſtellungen liefen ein und das Bild ſelbſt wurde von einer hoch⸗ geſtellten Perſönlichkeit angekauft.

Dieſes Bild veranſchaulichte den Augenblick, in welchem der Polizei⸗Inſpector die Fallthüre in der Ruine aus ihren Angeln heben ließ; es mußte feſ⸗ ſeln, weil jeder Beſchauer ſich durch die Angſt und die geſpannte Erwartung in den markigen Zügen der Bauern, die theils als Poſten im Vordergrunde, theils neben dem hohen, ſchlanken Manne im grauen Ober⸗ rock ſtanden, und durch das alte, düſtere Gemäuer, deſſen ernſte Ruhe mit dieſem geheimnißvollen Be⸗ ginnen ſeltſam contraſtirte, eigenthümlich angeweht fühlen mußte.

Auch ſeinen zweiten Wunſch ſah Hartwig erfüllt. Seitdem Ernſt ſich mit den Eltern ausgeſöhnt und ihre Einwilligung zu ſeiner Verlobung mit Anna er⸗

halt ſein Stu erj gnü ſeine 1 t weig ſenie glei Gl ihr ſein ein