Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
676
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676 Novellen⸗

zündete eine Fackel an und ſtieg, von Hartwig und zwei Bauern begleitet, vorſichtig die ſteile, ſchlüpfrige Treppe hinunter. Dieſe führte in einen kleinen ge⸗ wölbten Raum, der ganz das Ausſehen eines unter⸗ irdiſchen Kerkers hatte.Das Neſt iſt leer, ſagte der Inſpector, während er die Fackel in einen Mauer⸗ ſpalt ſteckte;aber daß hier vor Kurzem, vielleicht noch vor einer Stunde, Menſchen gehauſt haben, be⸗ weiſt die Atmoſphäre, die hier herrſcht. Sieh, ſieh, da haben wir ja Alles, was wir zur Falſch⸗ münzerei gebrauchen, fuhr er nach einer Weile fort, während der er den Raum mit einer Genauigkeit, die ſeinem Spürtalent Ehre machte, durchſucht hatte, zerſtoßenes Glas, Blei, Silber, einen Schmelztiegel, verſchiedene Formen, einen Prägeſtock ah, ich wußte wohl, daß ich hier den Schlupfwinkel dieſer Schurken finden würde. Und Alles, wie es da liegt und ſteht, deutet darauf, daß noch geſtern hier gear⸗ beitet worden iſt.

Hartwig war überraſcht näher getreten; er hatte nicht erwartet, daß es dem Inſpector ſo wenig Mühe koſten werde, die Beweiſe zu finden; jetzt mußte er auch fürchten, daß unter dieſen Werkzeugen irgend etwas ſich vorfand, was zur Ermittlung der Perſon des Falſchmünzers führen konnte.

Ah, das überraſcht Sie? fragte der Inſpector, über deſſen Lippen ein bedeutſames Lächeln glitt. Ich hoffe, bei genauerem Nachforſchen irgend etwas zu finden, was uns den Verbrecher in die Hände liefert, und dann würde ihm Ihr Beiſtand nichts ge⸗ nützt haben, ſetzte er mit einem lauernden Seiten⸗ blick auf den jungen Mann hinzu.

Mein Beiſtand? erwiderte der Maler, eine Ruhe heuchelnd, die ſeiner Seele fremd war.Ich muß Sie erſuchen

Das wird ſich finden! unterbrach ihn der Be⸗ amte kalt und gemeſſen.Mitgefangen, mitgehan⸗ gen! Sie kennen ja das Sprüchwort.

Hartwig zuckte die Achſeln und trat zurück; er hatte unter den umherliegenden Sachen nichts ent⸗ deckt, was Röschens Bruder compromittiren konnte. Darauf aber rechnete der Inſpector, und als er ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht ſah, erbitterte ihn das umſomehr gegen den Maler, der nach ſeiner feſten Ueberzeugung die Verbrecher gewarnt hatte, wohl gar ihr Mitſchuldiger war.

Hartwig ahnte, was in der Seele des Beamten vorging; es überraſchte ihn nicht, als der alte Herr ihm erklärte, daß er ihn verhaften müſſe.

Bedenken Sie die Folgen, erwiderte er ruhig; mein Vater wird zu einer ſolchen Ueberſchreitung Ihrer Amtsbefugniſſe nicht ſchweigen, und

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Dafür habe ich allein die Verantwortung zu tragen, fiel der Inſpector ihm barſch in's Wort. Ich möchte dem Herrn Regierungsrathe gern dieſen Kummer erſparen, aber ich muß meine Pflicht thun, das werden Sie ſelbſt wiſſen!

Gewiß, erwiderte Hartwig mit derſelben ſchar⸗ fen, verletzenden Ironie, welche vorhin der Inſpector in ſeine Antworten gelegt hatte,das wird Ihnen Niemand beſtreiten, auch dann nicht, wenn Sie einen unbeſcholtenen Mann auf offener Straße verhaften, nur um den ehrlichen Namen desſelben, Gott weiß aus welchem Grunde, zu ſchänden!

Herr Hartwig, das iſt eine Injurie! fuhr der Inſpector auf.

Von derſelben Sorte, von welcher Sie vorhin.

mir einige in's Geſicht warfen! erwiderte der junge Mann.Ich hoffe aber, Sie werden mir erlauben, von meiner Braut Abſchied zu nehmen, mein langes Ausbleiben

Weshalb nicht? unterbrach ihn der Inſpector. Jedeufalls aber werde ich Sie begleiten!

Röschen erwartete mit fieberhafter Unruhe und namenloſer Angſt die Heimkehr ihres Bräutigams. Es wäre eine Erleichterung für ſie geweſen, hätte ſie den Eltern mittheilen dürfen, was ſie ſo ſehr ängſtigte; aber dadurch würde ſie auch den alten Leuten eine vielleicht unnöthige Aufregung bereitet haben, und deshalb unterließ ſie es. Wenn das, was ſie befürchtete, eintraf, dann war es immer noch früh genug, den Eltern durch die Hiobspoſt, daß ihr Sohn, eines infamirenden Verbrechens überführt, ver⸗ haftet ſei, die letzte Hoffnung auf eine beſſere Zu⸗ kunft zu rauben, und mit Entſetzen dachte Röschen an dieſen Augenblick, der, wenn ſie ihrer Ahnung glauben wollte, noch in dieſer Nacht kommen mußte. Zu verſchiedenen Malen ſchon hatte ſie die alten Leute aufgefordert, zu Bette zu gehn, aber es ſchien, als ob auch ſie von bangen Ahnungen bedrückt ſeien, denn der Pfarrer wanderte, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ruhelos in der Stube auf und ab, und die Mutter wiſchte von Zeit zu Zeit verſtohlen eine Thräne aus den Augen.

Es ſchlug Mitternacht, die Lampe brannte ſchon trübe, noch immer wanderte der alte Mann durch das Zimmer, noch immer ſaßen Röschen und die Mutter in düſtres Sinnen verſunken am Tiſche.

Ich wollte, dieſe Nacht wäre vorüber, ſagte der Pfarrer endlich, während er an's Fenſter trat. Das Eis war gebrochen Röschen warf ſich ſchluch⸗ zend an die Bruſt der Mutter.

Es liegt mir auf der Seele, wie damals, als