Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
670
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Tanze auf ſich hat, und was für ein vollendet äſthetiſcher Rüpel ſo ein deutſcher Tänzer zu ſein pflegt. Du wirſt ja das Elend heute Abend noch betrachten, du wirſt Polen und Deutſche nebeneinander und zuſammen tanzen ſehen. Die deutſche Gründlichkeit, Förmlichkeit und Schwerfälligkeit, ja die deutſche Oekonomie macht da eine verzweifelte Figur. Während an ſo einem Polen der kleine Finger, das Auge und jeder Blutstropfen mittanzt, die ganze Geſtalt im Schmelz der Leidenſchaft und des Vergnügens erſcheint, ſo daß man vollkommen begreift, warum ſo einer tanzt, und wie er's nicht laſſen kann; während am Polen die Körperbewegungen die Verſinnlichung des rhythmiſchen und leidenſchaftlichen Lebens ſind, von welchem ſeine ganze Seele hingenommen wird: ſo gebehrdet ſich der gute Deutſche auch beim Tanzen wie ein Oekonom. Er ſtrapazirt ja ſchon die Beine, ja er kann ſogar die Arme nicht jeder Bewegung entziehen, was ſoll er da den Reſt des Leichnams noch incommodiren. Er ſtirbt alſo, wenn er ein richtiges deutſches Tanzexemplar iſt, von dem Geſicht bis zu den Hüften allmählich während des Tanzens ab; und wie überhaſtet auch das Pedal ſein Penſum im Galopp oder Schottiſch herunterhaspeln muß, der Rumpf gehört nicht zum Geſchäft und wird geſchont. So geſchieht es denn, daß, während die mit dem Tanzvergnügen beſchäftigten Beine un⸗ verdroſſen ihre mechaniſche Schuldigkeit thun, ſich in dem Antlitz des Galoppirenden eine Todtenernſthaftigkeit auszu⸗ prägen pflegt, die ſich bei abgeäſcherten Perſonnagen bis zum Leichengeſicht mit Glasaugen ſteigert, und um die Mitter⸗ nachtsſtunden den Ball in einen Baſeler Todtentanz verwan⸗ deln kann, bei welchem die lebendigen und graziöſen Weſen nur durch die Frauen vertreten ſind.

Dieſe Polen ſind aber nicht nur ſchöne Tänzer, talent⸗ volle und angenehme Geſellſchafter, ſie ſind auch zärtliche Eheleute, Eltern, Kinder und Geſchwiſter; ſie haben einen tiefern Sinn für Familienleben und Landwirthſchaft. Aber für alles, was Vernunft im engern Sinne heißt, für alles, was zur Lebensgrammatik, zur Gedankenklarheit, zu Syſtem und Methode, zu einem die Sinnlichkeit verleugnenden, keu⸗ ſchen, grundſätzlichen Leben gehört, hat dieſe allzu natürliche Race nur ein unmächtiges Organ, und oft nicht mal eine Idee.

Dieſe Polen ſind talentreich, liebenswürdig, graziös, muſikaliſch, aufgeweckt, vortreffliche Schauſpieler; ſie ſind freigebig, freimüthig, prächtig, großmüthig, vertrauend, nobel, ritterlich, todesverachtend, vaterlandsliebend, oft ſogar inſpi⸗ rirt; aber ſie ſind auch in gleichem Maße unwiſſend, leicht⸗ fertig, ausſchweifend, übermüthig, gewiſſenlos und ſtolz. Und was das Schlimmſte iſt, ſie haben außer der Tüchtigkeit und Vorliebe für den blos praktiſchen Betrieb der Landwirthſchaft ſelten eine Ausdauer und Verleugnung für irgend ein ande⸗ res ſolides Gewerbe, Handwerk oder Geſchäft, für eine tiefere Wiſſenſchaft und Kunſt, falls ſie zumal Edelleute vom rechten Korn und Schlage ſind.

Man ſieht alſo in Polen, mehr als in irgend einem Lande, einen Zuwachs von jungen Leuten mit Cavalierma⸗ nieren, mit allerlei Talenten und mit einer Antinousgeſtalt. Wenn man aber wiſſen will, was dieſe Cavaliere eben be⸗ treiben, was ſie produciren, erlernen und in Wirklichkeit ſind, ſo iſt ſelten von ihnen Jemand ein Doctor oder Apotheker, ein Schriftſteller oder Buchbinder, ein Künſtler oder Techni⸗ ker, ein Regierungsrath oder Secretär, ein Schulmeiſter oder Profeſſor, ſondern nur ein Pan Marian, Pan Joſeph, Pan

Franziszek; und wenn man auf's Poſitive dringt, ſo iſt der pappelſchlanke, aus dem Antikenſaal der modellirenden Natur

Novellen⸗Zeitung.

hervorgegangene Jüngling nur ſeiner Eltern hoffnungsvoller, herumromancirender Herr Sohn, daneben ein Kartenſpieler, Jäger, Zukunftsgenie, Weltreiſender, der mit Vaterlands⸗ malheur hauſiren geht; und beileibe nicht zu vergeſſen, Vir⸗ tuoſe in der Mädchenjägerei. Dies iſt die Demoraliſation, das innere Elend des Landes. Mit ſolchen Leuten bringt man keinen Staat zu Stande. Hier fehlen die ſittlichen Grundlagen für Kirche und Staat. Während aber der Deutſche im Auslande zu entarten pflegt, ſo gewinnt der Pole im Exil und unter dem Drucke eine Vertiefung und Thätigkeit, einen Gemeingeiſt und Ernſt, die er in guten Tagen und im Vaterlande ſelten beſitzt. 3

Der Pole iſt nur Ackerbauer und Viehzüchter, kein Kaufmann und kein ſonderlicher Fabrikant. Daß er das Erſte nicht iſt, beweiſen die Juden, die ſich in keinem Lande der Welt ſo in ihrem Eſſe befinden und Polen für ihr zwei⸗ tes gelobtes Land anſehen. In Rußland, wo der Bauer und Jedermann ein geborener Handelsmann iſt, kommt der Jude nicht fort. Wären die Polen Fabrikanten, ſo hätten ſie be⸗ reits trotz aller Hinderniſſe Fabriken und wenigſtens kunſt⸗ fertige und fleißige Profeſſioniſten, aber es iſt beides nicht der Fall.

So fehlt denn dieſem Volke von Anbeginn der eigent⸗ liche Mittelſtand, der Kaufmann, der Fabrikant, der Gelehrte, der Künſtler, der Techniker und ſelbſt der gewöhnliche Pro⸗ feſſioniſt. Es fehlt ihm alſo der Bürgerſtand als freie mäch⸗ tige Staatscorporation; es fehlt ihm das ſolid begründete Selbſtgefühl und Anſehen dieſes Standes, ſeine förmliche Repräſentation im Staate, in welchem er ebenſo ohnmächtig hinvegetirt, hinſiecht und entartet, wie der grundſätzlich und thatſächlich mit Füßen getretene Bauernſtand, wenngleich ſeine natürlichen Kräfte ſo zäh und unverwüſtlich ſind wie die Natur ſelbſt, die, im Sumpf⸗ und Elſenholze fortwährend geköpft, immer wieder aus der Wurzel ausſchlägt.

Dieſe himmelſchreienden Thatſachen, die unnatürlichen und monſtröſen Verhältniſſe bildeten die Elemente der Ge⸗ ſchichte Polens von Anbeginn und ſind ſomit der wahre Grund ihres politiſchen Mißgeſchicks und Ruins. Denn eben auf dieſe innere Demoraliſation, auf dieſe zerſetzenden Elks mente im Schooße des Staates ſelbſt, im Großen wie im Kleinen, auf den ſprüchwörtlich gewordenen polniſchen Reichs⸗ tag, auf die heilloſe Eiferſucht, Selbſtſucht, Unvernunft und Liederlichkeit der Edelleute, auf die verderbliche, das letzte Mark des Bauern ausſaugende Juden⸗, Schulden und Branntweinwirthſchaft, auf das unglaubliche Wirr⸗ und Irr⸗ ſal in ganz Polen wurde zunächſt von dem verſchlagenen und politiſch anwachſenden Rußland von Anbeginn ſyſtematiſch und conſequent mit vollkommenem Erfolge ſpeculirt. Die polniſchen Edelleute waren und ſind bis zu dieſem Tage Ver⸗ ächter des Handwerks, der Arbeit und der⸗arbeitenden Claſ⸗ ſen. Sie lernen und treiben ſelten etwas gründlich im Le⸗ ben; noch weniger auf Schulen und Akademien. Ein äſthe⸗ tiſcher Dilettantismus giebt ihnen einen Bildungsfirniß, es fehlt ihnen aber jedes Fundament, nicht aur in Künſten und Wiſſenſchaften, ſondern auch im Geſchäft, weil ihnen die häusliche Erziehung gebricht. Wo die Mütter den Ernſt des Lebens nicht kennen, wo es keine ſoliden Schulen, keinen Fleiß, keine Lehrjahre und nur romantiſch⸗ritterliche Wan⸗ derjahre giebt, da giebt es keinen ſoliden Staat.

Polen verendete alſo, wie einſt Rom, an ſeinem eigenen Elend und ſeiner innern Unmacht. Politiſch genommen war es nur noch ein in Zuckungen liegender Körper; der

ruſſiſche Koloß gab ihm mit einem Gnadenſtoß ohne Anſtren⸗

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