Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
665
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Vierte Folge.

beſten führen, und nichts war ſo geeignet, als ein Krieg, ein neues, glanzgebendes Licht um ſich zu ver⸗ hreiten.

Wer die allerdings ſelbſtgeſchmiedeten ſchweren Schickſale von Friedrich's Kronprinzenzeit lieſt, fühlt dieſe Conſequenzen deutlich, und wir werden in Be⸗ zug darauf unſern Leſern einen Abſchnitt des Bolan⸗ den'ſchen Referats über ſeine Verurtheilung zum Tode nd mühevoll herbeigeführte Begnadigung mittheilen. Dieſes geſchichtliche Ereigniß, das durch ſeine unauf⸗ gehellte Dunkelheit einen Reiz mehr behalten hat, iſt eün ſo ſpannendes als merkwürdiges Capitel.

Ein für alle Mal lehrreich und den Fortſchritt der Zeit deutlich machend bleibt es überhaupt, wenn man in jene dunkle Entwickelungsepoche Preußens zurückblickt. Der Verfaſſer hat ſie in ihren Einzel⸗ heiten nicht zu grell geſchildert. Wenn Friedrich I die Pracht liebte und große Schätze für unnützen

Luxus vergeudete, ſo liebte ſein Sohn Friedrich Wil⸗

helm I. vor Allem die Soldaten und verachtete da⸗ neben als geiziger Staatsökonom und Anfüller ſeiner Gaſſen allen äußerlichen Prunk. Sein Haushalt war ſo knapp, daß er Alles bis auf den Pfennig berech⸗ nete. Er ſtieg ſogar bis zur täglichen Durchſicht des Küchenzettels herab, von dem er alle theuren Speiſen wegſtrich. Aber er verſchwendete dagegen viele Mil⸗ lüonen auf ſeine«blauen Kinders, uniformirten Soldaten ſeiner Armee nannte.

Dabei waren dieſe 64,000 blauen Kinder noch unnützer, als ſeines Vaters Friedrich's I. königliche Pracht, denn er ſchuf ſeine Soldateska nicht zum Kriegsdienſte, ſondern lediglich zur Parade. Wie der Bater das Auge ergötzte am Glanze eines verſchwen⸗ deriſchen Hoflebens, ſo ergötzte Wilhelm das Auge

an den lebendigen blauen Puppen.

Dieſe wurden zum exacteſten Gamaſchendienſt gedrillt; ſte mußten täglich paradiren, der König ſchwelgte im Anblicke der lang hingeſtreckten blauen Linien, die ſich wie ein Mann bewegten, deren Ge⸗ wehrläufe im Sonnenſchein blitzten, deren Exercitien die höchſte Vollendung erreicht hatten. Dieſe Liebha⸗ berei erſchöpfte das Land und die Aushebungen ſtei⸗ zerten ſich zu unerträglichen Erpreſſungen. Jeder

dienſtfähige Burſche war keinen Augenblick ſicher, von

1 ſifern. Die Pfarrer wurden ergriffen, in

Werbern ergriffen und unter die Soldaten geſteckt zu werden. Gegen die Gewaltthat der Werber ſchützte jein Geſetz, keine Schranke, kein Heiligthum. Im Fahre 1720 überfielen die Werber einige Gemeinden Weſtphalens während des Gottesdienſtes; n e1 ar⸗ jer wagten es, gegen dieſe Gewaltthätig n

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Berlin gebracht und von dem grauſamen Miniſter Katſch zur Amtsentſetzung und zur Prügelſtrafe ver⸗ urtheilt. Das Volk murrte; Friedrich Wilhelm er⸗ kannte die Nothwendigkeit einer Abhülfe, darum führte er das Cantonalſyſtem ein. Es beſtand aus folgen der merkwürdigen Einrichtung, die einem Hohn gegen die menſchliche Gerechtigkeit nicht unähnlich ſieht.

Ganz Preußen wurde nämlich in Bezirke einge⸗

theilt, und dieſe Bezirke wieder in verſchiedene Haupt⸗ mannſchaften. Jeder Bezirk war einem beſtimmten Regimente zugetheilt, dem er die Mannſchaft zu ſtel⸗ len hatte. Jeder Preuße war kriegsdienſtpflichtig. Alljährlich kamen Officiere der Regimenter in ihre Bezirke; alle neugebornen Knaben wurden aufge ſchrie⸗ ben, die Verſtorbenen von der Liſte geſtrichen. Mit der Einſchreibung trat das Kind in das Verhältniß der Abhängigkeit; denn bis zur Dienſtfähigkeit ſtand es unter der Botmäßigkeit der Grundherrſchaft. Die Inhaber der Regimenter und die Spitzen der Haupt⸗ mannſchaften, welche Ländereien beſaßen, hoben ganze Dörfer aus nicht für den König, ſondern für ſich. Die Ausgehobenen trugen den Titel«Ergänzungs⸗ mannſchaft-; unter dieſem Titel dienten ſie den Jun⸗ kern als Köche, Reitknechte, Bediente, Bauern. In Preußen gab es daher ſo viele Selbſtherrſcher, als es Bezirke und Hauptmannſchaften Kh Verabſchie⸗ dete kehrten in dasſelbe Verhältniß der Abhängigkeit zur Grundherrſchaft zurück. Der ruſſiſche Leibeigene war frei, nachdem er zwanzig Jahre den Czaren ge⸗ dient hatte; den preußiſchen Leibeigenen befreite erſt der Tod.

Bekanntlich hatte König Wilhelm's Liebhaberei noch den Beigeſchmack, daß ſein Garderegiment im⸗ mer aus den längſten Leuten in ganz Europa beſte⸗ hen ſollte. Selbſt Aſten gab zur Befriedigung dieſer Liebhaberei ſeine Rieſen heraus. Aber jene Längſten mußten oft nicht nur mit Gold aufgewogen, ſondern auch mit Gewalt entführt werden. Beinahe hätte die Frechheit und Gewaltthätigkeit preußiſcher Werber einen Krieg zwiſchen England und Preußen entzün⸗ det; kleine Fürſten mußten ſich die längſten Unter⸗ thanen geduldig ſtehlen laſſen. Sie konnten nicht drohen wie Hannover oder die Niederlande.

General Seckendorf, öſterreichiſcher Geſandter in Berlin, ſchrieb an den Prinzen Eugen nach Wien: Man kann dem Könige kein größeres Vergnügen bereiten, als mit langen Lümmeln, wie denn bisher Rußland, England, Frankreich, Dänemark und Schwe⸗ den gleichfalls gethan, und auf dieſe Art des Königs Gemüth gewonnen haben; denn bei Ihro preußiſchen Najeſtät kann man mit langen Leuten mehr ausrich⸗ en, als mit allen Vernunft⸗ oder Rechtsgründen.