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„Weshalb nicht? Was ich darüber weiß, darf Jeder erfahren,“ erwiderte der Beamte ruhig.„Ernſt Schneider hat in der erſten Zeit ſeines Aufenthalts in Heidelberg Niemandem Anlaß zu einer Klage und Beſchwerde gegeben. Er beſuchte die Collegien regel— mäßig, und wenn auch ſeine Ausgaben mit dem Ein⸗ kommen ſeines Vaters nicht ganz in Einklang ſtan⸗ den, ſo konnte das Niemand dem flotten Bruder Studio übel nehmen. Jugend muß austoben, und der junge Mann würde mit der Zeit ſchon zur Ein⸗ ſicht gekommen ſein. Nach einem Jahre verlobte ſich Schneider mit dem ſchönſten Mädchen Heidelbergs. Sie war nur ein Schenkmädchen, aber ebenſo tugend⸗ haft als ſchön, das mußten ihr ſelbſt ihre Gegner laſſen, deren ſie in Anbetracht der zahlreich ausge⸗ theilten Körbchen ſehr viele beſaß. Sie können den⸗ ken, daß man dem jungen Manne dieſen Sieg nicht gönnte; ſelbſt die Damen Heidelbergs, und ganz be⸗ ſonders die, in deren Familienkreifen Schneider Zu⸗ tritt hatte, opponirten gegen dieſe Verlobung. Ein Schenkmädchen, man weiß es ja, iſt ſtets in den Augen wohlerzogener Bürgerstöchter eine Perſon von niedriger Herkunft und niedrigen Geſinnungen; ſchon der Gedanke, daß der Bruder oder ein naher Be⸗ kannter ein ſolches Mädchen heirathen könne, macht ſie ſchaudern. Die Verlobung des Studenten mit der ſchönen Anna rief einen Sturm der Entrüſtung und des Neides hervor, und von dieſem Augenblick an war der junge Mann in der Achtung ſämmtlicher Bürger Heidelbergs, ſämmtlicher Commilitonen und ſämmtlicher Bürgerinnen um ein Bedeutendes geſun⸗ ken. Die Beiden wollten ihre Verlobung geheim hal⸗ ten, bis Schneider ſeine Studien beendet und eine Anſtellung erhalten hätte. Da hieß es eines Tages plötzlich, die Verlobung ſei gelöſt, und zwar habe Schneider ſeiner Braut abgeſchrieben. Der Vorwand dazu ſollte eine Untreue geweſen ſein, welche der Bräutigam in der verwichenen Nacht zufällig entdeckt hatte. Er ſei ſpät in der Nacht an der Schenke vor⸗ beigekommen, ſagte man, und habe bei dieſer Gele⸗ genheit geſehen, daß eine Leiter an dem Fenſter des Schlafzimmers ſeiner Braut ſtand. Näher tretend, habe er auf der Spitze dieſer Leiter einen Mann be⸗ merkt, der in eifriger Unterhaltung mit der hübſchen Anna begriffen geweſen ſei. Schneider wollte augen⸗ blicklich ſeinem Nebenbuhler handgreifliche Beweiſe ſeines Mißfallens geben, ſeine Freunde aber wußten ihm begreiflich zu machen, daß man dieſe Untreue nur mit Verachtung ſtrafen könne und überdies die Blamage nur auf ihn zurückfallen werde, da er ja von allen Seiten gewarnt worden ſei. Am nächſten Morgen löſte Schneider das Verlöbniß; er ſandte ſei⸗
Novellen⸗Zeitung. ner Braut die Briefe und Geſchenke zurück und trat
darauf mit einigen Cameraden eine Reiſe an, von der er erſt nach vier Wochen zurückkehrte. war für Anna die Möglichkeit einer Vertheidigung abgeſchnitten; dem Rathe einiger Studenten folgend, die ſich zahlreich einfanden, um ſie ihrer Theilnahme zu verſichern, reiſte auch ſie ab. Als Schneider zu⸗ rückkehrte, war ſie bereits verſchollen. Der junge Mann ergab ſich jetzt, wohl aus Verzweiflung über die Untreue ſeiner Braut und aus Gram darüber,
daß die, welche für ihn das Ideal der Menſchheit geweſen war, ſein Vertrauen ſo entſetzlich mißbraucht
hatte, einem liederlichen Lebenswandel, und er fand gewiſſenloſe Commilitonen genug, denen es ein Ver⸗ gnügen bereitete, auf ſeine Koſten zu zechen und zu ſchlemmen. Wen kann's wundern, daß er unter die⸗ ſen Umſtänden immer tiefer und tiefer ſank, daß ſeiner Schuldenlaſt ſich mit jedem Tage mehrte und Klagen über Klagen bei dem Univerſitätsgericht einliefen? Carcer und andere Strafen fruchteten nicht mehr, und als Schneider ſich endlich ſo weit vergaß, eine Dame auf öffentlichem Markte zu inſultiren, griff man zum letzten Mittel, zur Relegation. Der Grund dieſer Inſultation war aber einfach der, daß Schneider ver⸗ nommen hatte, dieſe Dame habe ſich im Kreiſe ihrer Kaffeeſchweſtern ſehr ehrenrührige Aeußerungen über die ſchöne Anna erlaubt, und es kann wohl möglich ſein, daß ihm gleichzeitig einige Mittheilungen über die Machinationen der Gegner Anna's gemacht wur⸗ den, die ihn ſo ſehr erbitterten, daß er Anſtand und Rückſicht ganz vergaß. Er wurde relegirt und iſt ſeit dem Augenblicke verſchollen!“
„Aber jene Machinationen?“ fragte Hartwig fieberiſcher Aufregung.„Sind ſie Ihnen bekannt?“
„Ich erfuhr ſie ſpäter; im Rauſche erzählten mir einige Studenten das als einen wohlgelungenen Witz, was ich nur eine empörende Niederträchtigkeit nennen kann. Man hatte ſich förmlich gegen das Brautpaar verſchworen, Schneider ſollte die ſchöne Anna nicht heimführen. Einestheils ärgerte es ver⸗ ſchiedene ſeiner Commilitonen, daß er ſie aus dem Sattel gehoben habe; anderntheils verzichtete man ungern auf das Vergnügen, mit dem hübſchen Mäd⸗ chen zu ſcherzen und zu tändeln, und das mußte nach der Verlobung natürlich ein Ende nehmen. Auf das jähzornige Temperament des Bräutigams bauend, hatte man in einer dunkten, ſtürmiſchen Nacht die Leiter an das Fenſter geſetzt, einer der Studenten war hinaufgeſtiegen, und während dieſer ſich gebehr⸗ dete, als ob er mit Anna ſich angelegentlich unter⸗ halte, führten Andere den Bräutigam durch dieſe Straße. Ohnedies durch geiſtige Getränke aufgeregt,
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