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Menſchen und Pferde völlig verkleben. Große Gefahren drohen dann den Reiſenden, welche nicht noch zu rechter Zeit ein Dorf erreichen. Man vermag nicht drei Schritte weit zu ſehen, und oft findet Derjenige, der es wagt, auf Entde⸗ ckung des Weges auszugehen, nach dreißig bis vierzig Schrit⸗ ten den Schlitten nicht wieder und muß erfrieren, wenn ihm nicht ein günſtiger Zufall Bauern entgegenführt, die nach jedem Schneeſturm die Felder nach verirrten Reiſenden durch⸗ ſtreifen. Auch wir fürchteten um ſo mehr, uns zu verirren, als der Weg auf eine Entfernung von ziemlich dreißig Werſt quer über die Felder führte und ſchwer zu erkennen war, da der Schnee dicht um uns herumwirbelte. Es lagen zwar zwei Dörfer auf unſerem Wege, aber wie ſollte man ſie unter den Schneemaſſen entdecken, unter denen ſie vergraben lagen? Sehr häufig gewahrt man erſt, daß man ſich in einem Dorfe befindet, wenn die Pferde mit dem Schlitten über das Dach eines Hauſes wegfahren.
Dieſe dreißig Werſt ſchienen uns wenigſtens hundert zu ſein. In jedem Augenblick kamen wir vom Wege ab, den wir zuletzt, im Schnee kriechend, in welchen wir bis an den Gürtel einſanken, gemeinſchaftlich aufſuchten. Nach ſie⸗ ben angſtvollen Stunden erreichten wir endlich den Forſt von Buzuluk, wo wir uns wenigſtens außer Gefahr befan⸗ den, denn der Schneeſturm, welcher ſoeben am heftigſten wü⸗ thete, konnte uns hier nichts ſchaden. Das Gefühl, welches wir empfanden, als wir den Wald berührten, kann nicht beſ⸗ ſer als mit dem Gefühle eines Ertrinkenden verglichen wer⸗ den, der plötzlich feſten Boden unter den Füßen fühlt.
Nach einſtündigem Marſche machten wir Raſt, um die Pferde verſchnaufen zu laſſen und uns ſelbſt ein wenig zu erholen. Obgleich es heftig ſtürmte, daß die Bäume unter den Windſtößen knackten, und große Schneeflocken herabfielen, ſo ließen wir uns dadurch nicht anfechten und raſteten ruhig in dem alten Walde, welcher einen Raum von mehr als vier⸗ zig Werſt einnimmt und inmitten der Steppen des Gouver⸗ nement Samara eine eigentliche Oaſe bildet. Wir hatten noch fünfundzwanzig Werſt zurückzulegen und ungeachtet der Windſtöße und des Schnees ſchien uns dieſer Theil des We⸗ ges im Vergleich deſſen, was wir in der Ebene gelitten hat⸗ ten, eine wahre Luſtpartie zu ſein. Gegen 10 Uhr des Vor⸗ mittags verließen wir den Wald und fürchteten trotz des wü⸗ thenden Sturmes nun nicht mehr, uns ſo nahe vor der Stadt zu verirren, die wir gegen Mittag erreichten.
Ich war noch nie in Buzuluk geweſen und daher mit der Localität ſo unbekannt, daß ich viel Zeit verlor, ein Un⸗ terkommen zu erſpähen, da die Stadt keinen einzigen Gaſthof beſitzt. Endlich fand ich bei einem Bürger einen Schuppen für die Leute und die Pferde und für mich ein Zimmer von zwei Quadratmeter Raum, deſſen eine Hälfte eine ungeheure mit Eiſen beſchlagene, bunt gemalte Truhe einnahm. Vor dem einzigen kleinen Fenſter ſtand ein Tiſch, der mit einem Tiſchtuche von ſehr zweifelhafter Sauberkeit überdeckt war, und daneben ein Stuhl mit drei Beinen. Es war um 1 Uhr, als ich von dieſem Zufluchtsort Beſitz nahm, ich mußte mich daher ſehr beeilen, denn die Wahlen waren um Mittag anbe⸗ raumt. Ich nahm mir auch keine Zeit, von dieſer ermüden⸗ den Reiſe auszuruhen, noch, trotz des Hungers, den ich ver⸗ ſpürte, einen Biſſen zu eſſen; ich wechſelte nur die Kleider und begab mich auf den Weg. Ein neues Hinderniß! In Buzuluk giebt es keine Droſchkenſchlitten, ich mußte bis an die Kniee im Schnee waten. Glücklicher Weiſe war das Haus, wo die Wähler verſammelt waren, nicht weit von meiner chambre garnie entfernt.
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Novellen⸗
Zeitung.
In drei niedrigen, mit Tabaksrauch angefüllten Zim⸗ mern, von denen das eine etwas größer war, als die beiden andern, drängten ſich die Wähler auf einander; Edelleute, Kaufleute, Geiſtliche und Bauern, in Summa 73 Perſonen. Die Bauern und die Kaufleute hielten ſich zuſammen und ſaßen ruhig auf den in dem größeren Zimmer hingeſtellten Bänken. Sie ſtreichelten ſich den Bart, warfen verwunderte Blicke nach rechts und nach links, und raunten ſich einander leiſe ihre Bemerkungen zu. Die beiden andern Zimmer nahmen die adeligen Wähler ein, welche ſich mit Lebhaftigkeit unterhielten, ohne daß man etwas davon verſtehen konnte, denn ſie ſprachen alle auf ein Mal. Der Clerus hielt ſich zwiſchen dem zweiten und dritten Zimmer auf, als ob er un⸗ gewiß wäre, wohin er ſich wenden ſollte, obgleich er die ent⸗ ſchiedenſte Neigung hatte, ſich unter den Adel zu miſchen.
Nachdem ich mit dem Adelsmarſchall und mehreren Be⸗ kannten einige Händedrücke ausgetauſcht hatte, prüfte ich die Wahlliſten. Es gab im ganzen Diſtrict 181 größere und 69 kleinere Grundbeſitzer, welche wahlberechtigt waren. Zur Stelle befanden ſich 73 Perſonen, unter ihnen 28 große Grundbeſitzer, von denen 16 Edelleute, 5 Kaufleute, 5 Bau⸗ ern, 1 Prieſter und 1 Bürger waren; und 45 kleine Grund⸗ beſitzer mit 5 Edelleuten, 4 Kaufleuten, 11 Prieſtern 1 Bür⸗ ger und 24 Bauern. Da aber mehrere Adelige zwei Stim⸗ men hatten, betrug die Geſammtzahl der Stimmen 86, von welchen 34 dem Adel, 29 den Bauern, 12 dem Clerus, 9 der Kaufmannſchaft und 2 der Bürgerſchaft angehörten. Nach⸗ dem die Liſten feſtgeſtellt und genehmigt waren, lud man uns ein, in das große Zimmer zu treten. Der Adelsmarſchall, mit einem Papier in der Hand, folgte uns, blieb aber auf der Thürſchwelle ſtehen und las mit ſehr ſchwacher Stimme ſeine Rede ab. Er ſah blaß aus und ſchien leidend zu ſein.
Die Rede handelte hauptſächlich von den Pflichten der Bauern als Wähler und als Abgeordnete. Sie war an ſich nicht übel, da ſie aber vorzüglich an Bauern gerichtet war, hätte ſie weniger dieſen unverſtändliche, gewählte Ausdrücke enthalten ſollen. Wegen der ſchwachen Stimme, mit welcher ſie vorgetragen, und namentlich da ſie abgeleſen ſtatt geſpro⸗ chen wurde, machte ſie keinen erheblichen Eindruck. Nach der Rede las uns der Adelsmarſchall die Hauptartikel des Reglements über die Inſtitutionen und die Wahlliſten vor, und trug darauf an, drei Perſonen zu bezeichnen, die ihn bei Vornahme der Wahlen unterſtützen ſollten. Dies geſchah ſofort und es wurden drei Edelleute zur Aſſiſtenz des Mar⸗ ſchalls gewählt.
Jetzt ſollte zur Wahl ſelbſt, d. h. zur Wahl von 36 Ab⸗ geordneten und einigen Stellvertretern geſchritten werden. Alsbald machte ſich eine Schwierigkeit geltend. Welche Na⸗ men ſollte man wählen? Dieſe Schwierigkeit mag Denen ſeltſam erſcheinen, die in die Myſterien der Wahlen nicht eingeweiht ſind. Ich für meine Perſon war ſehr erſtaunt, meinen Antrag abgeworfen zu ſehen, der darin beſtand, daß jeder der Anweſenden die Namen Derjenigen aufſchreiben
ſollte, die er als Abgeordnete gewählt zu wiſſen wünſchte, und
daß über dieſe 36 Namen nach dem Zufall oder nach alpha⸗ betiſcher Ordnung abgeſtimmt werden möchte.
Dieſer Antrag begegnete einer heftigen Oppoſition, denn er trat, wie ich ſpäter erfuhr, dem Plane des Adels entgegen, der nach demſelben weniger Chancen hatte, gewählt zu wer⸗ den, als nach dem Modus, der darauf wirklich angenommen wurde. Eine lebhafte Debatte entſtand über die Ordnung, nach welcher ballotirt werden ſollte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Bauern, denen das Alles etwas ganz Neues war, ſich
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