Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
651
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Vierle

von Murcia und Granada meſſen. Nur dort noch einmal, und ſonſt nirgends im ſüdlichen Europa iſt der Himmel ſo blau, die Luft ſo weich und elaſtiſch und der Hauch der Natur ſo ſüß berauſchend, daß man zu Zeiten einer ſeligen Trunken⸗ heit glaubt unterliegen zu müſſen.

Nicht fern vom Eingange in die ſchöne Ebene, Vilena gegenüber, an dem Knotenpunkte, wo ſich die Straßen von Biar und Yeila kreuzen, ſtießen wir auf einen chriſtiniſchen Reiterpoſten, der ſeine Stellung neben einer den weiten Landſtrich vermöge ihrer hohen Lage beherrſchenden Feld⸗ capelle genommen hatte. Ihr Anführer reſpectirte unſere Paſſaporti um ſo mehr, als ſie noch durch einen dritten, der von dem gefälligen Commandanten des Regiments Mallorca in Caſtalla ausgeſtellt war, vermehrt worden.

In Orihuela war das Feuer des Aufſtandes und die Bemühungen der Carliſten am ſpäteſten unterdrückt worden, weil der dortige Biſchof, ein eifriger Anhänger des Alten, die Flammen mit allen ihm zu Gebot ſtehenden Mitteln am längſten genährt hatte. Zwar herrſchte für den Augenblick eine zweideutige Ruhe in jener Gegend, indeſſen rieth uns der den Poſten befehligende Officier, auf dieſer Seite nicht weiter als höchſtens bis Yeila und Vilena vorzugehen, da fortwährend noch einzelne Trupps des berüchtigten carli⸗ ſtiſchen Bandenführers Longaſtero umherſtreiften, die man einzufangen und zu zerſtreuen bisher noch vergeblich bemüht geweſen war.

Halten Sie Sich nur auf der großen Heerſtraße, Caballeros, wo ſich unſere Streifpatrouillen begegnen. Sie ſind verloren, ſollten Sie, einen Nebenweg einſchlagend, dem Geſindel in die Hände fallen. So rieth der wohlmeinende Commandant und fuhr fort:Longaſtero iſt eben ſo beutegierig und grauſam als ſein Herr und Meiſter Cabrera. Ich könnte Ihnen von den Manieren dieſes edeln Stegreifritters, der ſich einen Obercommandanten Sr. Maje⸗ ftät König Carl's V. nennt, allenfalls einige Beweiſe vor⸗ zeigen, falls Sie die Wahrheit meiner Worte als übertrieben in Zweifel ziehen ſollten. Damit rief er einen graubärtigen Wachtmeiſter herbei, dem er einige raſche Worte zuflüſterte.

Der alte Krieger entfernte ſich, wie es ſchien, nicht in der allerbeſten Laune und kehrte darauf mit ſeinem Pferde am Zügel zu uns zurück. Auf einen Wink des Officiers jog der Unterofficier langſam aus einer der Piſtolenhalftern ein Päckchen hervor, das mit einer dunkeln, klebrigen Feuchtig⸗ teit wie geronnenes Blut überzogen war.

Nun, was zögerſt Du, mein ehrlicher Pedrillo? ſcheue Dich nicht, öffne immerhin Dein Schmuckkäſtlein, damit die fremden Herren ſehen, was Du heute Morgen für ſeltſame Beute bei Deinem Gefangenen gemacht!

Carracho! fluchte der Veteran, der fortwährend jaudernd das Säckchen in der Hand hielt.

Aber der Officier lächelte und ſagte:Nur heraus da⸗ mit, presto! Tie Sanchez, bedenke, daß die Herren der⸗ gleichen nicht alle Tage mehr ſehen werden auf ihrer Reiſe durch unſer gebenedeites Königreich.

Aber wer vermag unſer Entſetzen zu beſchreiben, als der alte benarbte Krieger jetzt hineingriff und zwei noch blutige menſchliche Ohren hervorzog, in denen, grauſig an⸗ zuſehen, große goldne Gehänge mit koſtbaren Steinen prang⸗ ten, die, in allen Farben des Regenbogens ſpielend, ſich als echte Diamanten erwieſen und zugleich auf das Anſehen ihrer früheren Beſitzerin deuteten.

So rief mit zornfunkelnden Blicken der Officier,

pem das ſiedende Blut das Geſicht bis zur Stirn geröthet

Folge. 651 hatteſo, Caballeros merken Sie Sich's wohl ſo verfahren die Officiere von Cabrera's Truppen, die ſich die Armee Sr. Majeſtät, die Beſchützer des Glaubens, der Legitimität und altgeheiligter Rechte nennen, mit den edelſten Frauen ihres eigenen Vaterlandes, wenn dieſe zur Gegen⸗ partei gehören. Die ſo gemißhandelte Dame iſt die Gattin unſeres Oberſten Don Juan Abrantes, die ſie auf dem Wege ſich zu ihm zu begeben überfielen und die noch in dieſem Augenblicke, nach Ausſage des Gefangenen, bei dem Sanchez die Beute machte, als Geiſel bei den Briganten im Ge⸗ birge ſchmachtet Gracias a Dios! ſetzte er hochaufathmend hinzudaß ſie endlich aufgehört hat, dieſe ſchauerliche Armee, vor der man ſich im Inlande bekreuzt und die vom Auslande nach ihren allerletzten Thaten nur mit Abſcheu er⸗ wähnt wird. Die carliſtiſche Armee hat aufgehört nach der kürzlich bei Bergara geſchloſſenen Convention; aber einige ihrer verſprengten Banden werden das Gebirgsland noch ſo lange plündernd durchſtreifen, ſengen und morden, bis der allerletzte von dem Reſte, der mit Cabrera nach Ca⸗ talonien geflüchtet, den Tod durch die Garotte gefunden. Haben Sie nun noch ferner Luſt das Land nach der Gebirgs⸗ ſeite hin zu erforſchen, ſo empfehle ich Sie Ihrem Schutz⸗ patrone, Caballeros! ich habe das Meinige gethan.

Was wir hier ſo eben geſehen und gehört hatten, war aller⸗ dings wenig geeignet, unſere Sehnſucht nach den Gebirgspar⸗ tien des Landes zu fördern. Wir ſahen ſelbſt ein, daß wir ſchon

etwas keck gehandelt hatten, als wir uns in Begleitung von

zwei Dienern und eben ſo viel eingeborenen Maulthiertrei⸗ bern, welche unſere Effecten beförderten, in dieſer noch nach⸗ gährenden Zeit ſchon gegen zwanzig Stunden weit von un⸗ ſerem Schiffe und ſechs von der Hauptſtraße nach Valencia, unſerem vorläufigen Beſtimmungsorte, entfernt hatten.

Unſere gute Laune ward jedoch im Allgemeinen nicht geſtört. Etwas Gefahr gehört zum Reiſen in Spanien, im Frieden wie im Kriege. Wir kannten das aus alter Zeit, und entſchloſſen uns, unſere Reiſeroute den Umſtänden gemäß etwas zu rectificiren. Da bereits mehrere Stunden ſeit der Beſichtigung des alten Schlachtfeldes, der einſtigen Stätte britiſch-deutſchen Sieges, welches ſich von Caſtalla bis jen⸗ ſeits Biar erſtreckt, verfloſſen waren, und bei Allen ſichtbar das Verlangen nach einer Stärkung erkennbar wurde, ſchlug ich vor, eben hier unter dem Schutze des bivouakirenden Vor⸗ poſtens ein kleines Nachfrühſtück einzunehmen.

Sir Robert conſentirte und auf ſeinen Wink brachten die Arrieros die Vorräthe herbei, unter denen mir meines Kriegscameraden Leibdiener heute jedenfalls die von Alicante mitgebrachten Reſerveflaſchen empfahl, während wir uns un⸗ terweges mit dem vino tinto aus den Schläuchen begnügt hatten. Dieſe wurden beim erſten beſten Hauſe, welches⸗mit dem grünen Buſch das Weinzeichen führte, immer neu gefüllt, ſobald ſie geleert waren. Jetzt waren aus der guten Reſerve noch vier Flaſchen Keres de la Frontera und zwei echte von Velez Malaga vorhanden, von denen wir bei dem Imbiß, den wir mit den ſpaniſchen Reitern theilten, die Hälfte in Ge⸗ ſellſchaft des freundlichen Commandanten ausleerten.

Zu mehrerer Bequemlichkeit hatte dieſer das Innere der Capelle etwas adjuſtiren laſſen, ſo daß wir ganz comfortable auf den Stufen des Hauptaltares unſer Pranzo einnahmen.

Im Weine ſteckt bekanntlich eine zauberähnliche Kraft, und dieſe erwies ſich auch hier in unſerem Bivouak. Die blu⸗ tigen Ohren verloren ihre Schrecken vor den Purpurperlen des köſtlichen Weines und im Anblick des ſich vor uns entfal⸗ tenden zauberartigen Naturbildes, das, wie immer der Fall,