nettern tön'!
toch ſeh'n.
Miene,
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Vierte Folge.
Leichname, ſargesbar,
Die mit zerzauſtem Haar Schier bilden dichte Treppen Vom Söller zum Altar.
O gnädig, gnädig ſei Gott dieſen Zeiten!
Sind's Menſchen, welche ſolche Schmach bereiten? Ein laut' Tedeum brüllt der wilde Chor
Uud wühlt im Blut und holt ein Herz hervor:
Das Herz iſt's des erdolchten Admirales,
Ein Herz, das um Kalains erlitt den Tod;
Die Menge ißt's und trinkt, freut ſich des Mahles, Schickt's um und ſpricht: Der Wein iſt's und das Brod.
Ein Mönch, deſſ' Stirn bedecket Der Helm, der ſie verſtecket, Lieſt von dem hohen Chor
Die heil'ge Meſſe vor.
Wie er am Pulte ſinget,
Daß durch den Dom es bebt, Da von den Fingern ſpringet Blut, das daran noch klebt.
„Platz!“ ruft er,„damit wir nicht das Verſprechen, Die Kirchengänger zu verſchonen, brechen;
Macht Platz! Zwei Kinder ſeh' ich nah'n da vorn; Ihr tödtet ſie noch nicht, bei meinem Zorn!
In meinem Schutz ſind die, ſo hier verweilen,
Für All' iſt, ſagt Sanet Paul, das Gotteshaus; Wir müſſen unſ're Aemter ſtrenge theilen,
Und Euer ſind ſie, gehen ſie hinaus.“
„Ich komme ohne Vater,
Doch Ihr ſeid mir ein Rather!“ Spricht Anna zweimal ſchon Mit zitternd leiſem Ton; „Hinein zur Kön'gin ſchritt er, Doch ich muß hierher geh'n, Um Gnade zu erfleh'n
Für dieſen jungen Ritter,
Den hier Ihr ſehet ſteh'n!“
„Nicht lange Zeit iſt's mehr,“ ſpricht er im Sterben, „Ich ſterbe, um den Himmel zu erwerben;
Wenn Du die Hand mir giebſt— Du haſt nicht Friſt— So ſterbe ich als guter röm'ſcher Chriſt.
Vermähl' Dich mit dem Herzog von Soubiſe,
Es ſoll Dich nicht gereu'n, wirſt Du mein Weib: Ein Tag iſt's! Weh'! es trugen meine Füße
In Eure Kirche mich, daß ich drin bleib'.
Wie's vor den Augen grauet!
Biſt Du mir angetrauet?“
—„O weh!“ ſpricht ſie d'rauf,„ja!“ Und beugt ſich zu ihm nah'.
Ein Wort ſchließt ihre Ehe.
Die Augen angeſtrengt
Zum letzten Male lenkt
Er auf Maria, ehe
Er ſie für immerſenkt.
So kam's, daß Anna Herzogin geworden, Ihr ganzes Leben gab ſie d'rauf dem Orden Der Väter Jeſu, dem ſie auch verſchrieb, Was ihr noch ſonſt an eig'nen Gütern blieb.
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Ein ſchwacher Leib, von Kummer untergraben, Er widerſteht, doch er erlieget bald.
Im Kloſter zu Sainte⸗Onge liegt begraben Die Frau und Jungfrau, zwanzig Jahre alt.
Die Ueberſetzung dieſes erzählenden Gedichtes, welche Dralle geliefert, iſt allerdings nicht eben zu loben, doch es ändert dies an der Sache wenig. Alle
Eigenthümlichkeiten der Compoſition und der ſchrof⸗ fen Uebergänge ſind doch dem Original treu nachge⸗ bildet. Und wie merkwürdig iſt dieſe Compoſition! Der Leſer erfährt allerdings, daß die Pariſer Blut⸗ hochzeit den Hintergrund bildet, und er erfährt auch, was geſchieht. Wer aber die handelnden Perſonen ſind, wird keineswegs klar, und von leitenden Moti⸗ ven, von Seelenſtimmungen, von Vorgängen im Men⸗ ſchenherzen, vom Kampfe zwiſchen formeller Pflicht und Mitleid, von all' dieſen poetiſchen Erſcheinungen iſt nicht die Rede. Wie viele unnütze Worte äußer⸗ licher Beſchreibung und Schilderung, die das Coſtume bunt machen ſoll, werden dagegen verloren! Wir er⸗ fahren das Beiläufigſte, Unnützeſte, ſogar, daß ſich die Tochter vor des Vaters ſchwarzem Hengſt fürch⸗ tet. Das Herz des ermordeten Admirals läßt der Dichter vor unſern Augen vom Volke verſpeiſen, aber um das Herz ſeiner Helden bekümmert er ſich nicht. Mit welcher großen hiſtoriſchen Schwermuth würde dagegen ein guter engliſcher Balladendichter dieſes Gemälde ausgeſtattet haben, und wie hätte ſich ein deutſcher Uhland für die plaſtiſche Ueberſichtlichkeit der Handlung, für die pſychiſche Erhebung ſeiner Perſonen bemüht! Franzöſiſche Art iſt es, bei ſolchen Vorgängen nur theatraliſche Scenerien haben zu wol⸗ len und dem Leſer ein dunkles Errathen eines mög⸗ lichen inneren Zuſammenhanges zu überlaſſen.
Der Herausgeber dieſer vorſtehenden Gedicht⸗ ſammlung verſchafft nun den Leſern vielfache Gele⸗ genheit, den Charakter franzöſiſcher und großentheils neuerer Lyrik kennen zu lernen. Sein Werk bietet den Vortheil, nicht von einer und derſelben Feder überſetzt zu ſein; im Gegentheil vereint es ſehr ver⸗ ſchiedene Ueberſetzer in ſich, darunter die beſten, deren wir uns für das lyriſche Gebiet erfreuen.
Die Zahl der berückſichtigten franzöſiſchen Dich⸗ ter iſt nicht gering und wir finden von ihnen gegen zweihundert Gedichte mitgetheilt.
Auch einige Volkslieder machen den Beſchluß. In ihnen iſt Frankreich ganz beſonders ſchwach, zumal wenn man die Grenze des Volksliedes etwas enger um den Kreis echter, gehaltvoller Productionen zieht. Das Beſte dieſer Art wurde ſchon ſeit längerer Zeit von guten Ueberſetzern mitgetheilt.


