lichen zu. Sie ſuchen ſich mehr als unſere Poeten hiſtoriſche Stoffe, Sagen und moderne Lebensbege⸗ benheiten auf, und es macht ſich durch dieſe Richtung in der franzöſiſchen Lyrik etwas mehr Objectivität geltend, als wir ſie heut zu Tage bei uns gewohnt ſind, indem unſere Sänger ſich in einen ſubjectiven Duftſchleier bis zur Unkenntlichkeit, bis zum Unper⸗ ſönlichen einhüllen.
Doch nur bei einigen Franzoſen wird dem Leſer durch dieſe ſich der Ballade anſchließende Objectivität wohl, weil ſie zugleich mit einer gewiſſen Einfachheit der Compoſition, mit Klarheit der Motive verbunden iſt. Zu ihnen gehören Delavigne, vor Allem der als Compoſiteur ökonomiſche, mit dem Tactſtock des Re⸗ frains um ſich ſchlagende, fanatiſch⸗patriotiſche Beran⸗ ger und Victor Hugo. Trotz ſeiner oft höchſt vor⸗ waltenden Romantik iſt der Letztere doch ein Kenner desjenigen Effects, der durch dramatiſche Steigerung im Kunſtwerk hervorgerufen wird, und ferner erquickt er mit ſeinem Gedankenreichthum ſelbſt da, wo man den einzelnen von ihm ausgeſprochenen Ideen mehr Originalität und manierirte Pointirung als Wahrheit und ernſte Tiefe zuerkennen muß.
Wie aber die meiſten andern Dichter ihre Stoffe zu geſtalten pflegen, das kann man am beſten durch ein glänzendes Beiſpiel, durch eine Romanze de Vig⸗ ny's, eines großen Talentes erſehn, der die Art ſchroff abſchattirter, theatraliſch⸗fragmentariſcher Compoſition eigenthümlich vertritt.
Wie merkwürdig iſt es, was er aus dem ſchö⸗ nen Stoff:„Die Frau von Soubiſe“ gemacht hat. Hören wir:
„Den Haken ladet mir, Arkebuſiere,
Landsknechte zieht vorbei, deckt endlich ihre
Harniſch' ein rothes Kreuz? Wie ſtehts ſo gut!
's iſt doppelt, glaub' ich, und ſo roth von Blut.
Zu ſpät iſt's jetzt; bin ich bei dem Geläute
Von Notre⸗Dame denn nur halb erwacht?
Bei Gott! wir zechten viel zu lange heute, Doch galt's Bartholomäusnacht.
Mein Schwert mit gold'nen Griffen Gebt mir, doch ſcharf geſchliffen. Dann bringet mir Gewehr
Und Roſenkranz daher.
Schon ſeh' ich's dämmern, tagen Fern auf des Louvres Dach,
Und Aufſchluß bringt der Tag.
— Laßt's meiner Tochter ſagen, Daß ſchnell ſie werde wach.“
So hört man's aus des Schloſſes Fenſter tönen, Wer kennt nicht ſeiner Stimme mächtig Dröhnen? Lauft Pagen, Schweizer, Schenken, lauft geſchwind! Ihr Armbruſtſchützen, lauft, ruft das Geſind'! Schon ſeh' ich von des hohen Thurms Altane Maria Anna nah'n; ſie geht vorbei;
Novellen⸗Zeitung.
Senkt bis auf's Pflaſter eure Partiſane, Grüßt ſie voll Ehrfurcht Jeder nach der Reih'.
Das ſanfteſte der Roſſe
Steht für ſie vor dem Schloſſe,
Da ſie gefürchtet längſt
Des Vaters ſchwarzen Hengſt.
Die Linke an den Mähnen, Schwingt der ſich auf das Pferd, Und ſeine Hand am Schwert, Spricht er:„O Schande, Thränen? Wer hat Dich das gelehrt?
Mein Kind, bedenk, Du biſt von hohem Adel;
In meinem Stamme trifft ein ſtrenger Tadel
Ein Weib, das meint, und denk' ich das mit Recht, Sie könnt''nen Feigling bringen in's Geſchlecht. Sei ſtark! Birg mit dem Schleier Deine Thräne! Vorwärts Geſind'! Des Hornes Schmettern tön'! In dieſem Nebel hüllt vor mir die Seine
Die blut'gen Wellen... Ich will mehr noch ſeh'n.
Seht düſter ihr ſich heben
Des Kloſters Thurm und Streben, Und dort vom Königsbau
Die Mauern hoch und grau?
In's Louvre laß uns ſteigen;
Ich glaub' Du zitterſt ſchon
Bei dieſer Glocken Ton?
Den König ſieh' ſich neigen, Grüß' ihn!“ ſpricht der Baron.
Und dann, bekreuzend ſich mit frommer Miene, Geht er hinein zur Königin Kathrine,
Indeß im Hof die Tochter bleiben muß.
Sie ſetzt ſich— einen Leib berührt ihr Fuß: —„Ich lebe noch, ich lebe noch! Erbarmen! O wartet, helft mir, neiget zu mir Euch!
Mich rettend, rettet Ihr den Geiſt mir Armen, Denn morgen hör' ich eine Meſſe gleich.“
„Unheil'ger Hugenotte,
Beug' Dich dem wahren Gotte!“ Spricht ſie verleg'nen Blicks; „Hier iſt ein Crucifix,
Der Jungfrau gieb Dein Herze, Den König bitte ich;
Hier iſt ein Pferd für Dich. Vor Allem nimm die Kerze
Und dann begleite mich!“
Drauf ſagt ſie dem Gefolge ihren Willen,
In eines Pagen Mantel ihn zu hüllen,
Läßt löſen ihm des Panzers ſchwer' Gewicht, Deckt mit der Sammetkappe ſein Geſicht.
Ein Tuch legt ſie ihm dann auf ſeine Wunde Mit einem Kreuz, und ſpricht ſo feſt ſie kann: „Daß er kein Ketzer iſt, wird Euch zur Stunde Hier in der Kirche zeigen dieſer Mann.“
Von St. Euſtach ihr Hallen! Wie ſich die Haufen ballen, Die in dem düſtern Gang Die Pfeile zieh'n entlang; Die hier auf Karren ſchleppen
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