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Novellen
ihre ſchönen blauen Augen, die ein Strohhut beſchat⸗ tete, blickten fragend den jungen Herrn an, der lä⸗ chelnd ihr die Hand bot.
„Das hätte ich ja gleich vermuthen können,“ erwiderte ſie ſo zutraulich, als ob ſie einem alten Freunde nach jahrelanger Trennung wieder begeg⸗ net ſei.„Willkommen in unſerer Heimath, Herr Hartwig; mein Vater wird mir Dank wiſſen, wenn ich ihm plötzlich den lang erwarteten, lieben Gaſt
»Jeitung.
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„Im erſten Augenblick wollte es hagen, in dem ſtillen Hauſe eines Geiſtlichen mein Quartier aufſchlagen zu ſollen; ich fürchtete die Stille und Einförmigkeit, die mich umgeben würde; nun ich aber entdecke, daß eine ſo liebenswürdige und ſchöne Wirthin für mein leibliches Wohl ſorgen und, wie ich zuverſichtlich hoffe, dann und wann auf meinen Ausflügen mich begleiten wird—“
„Dieſe Bedingung, Herr Hartwig,
mir nicht recht be⸗
iſt in unſerm
n A bringe.“ Vertrage nicht vorgeſehen,“ ſagte das Mädchen raſch. ud „Wiſſen Sie das ſo gewiß?“ fragte Hartwig,„Deſto beſſer; ich werde es alſo meinem eigenen oll während er dem Mädchen ſeinen Arm bot.„Es iſt Verdienſte zuſchreiben dürfen, wenn die Erfüllung pir! wahr, mein Vater war auf der Univerſität ſein beſter dieſes Wunſches mir gelingt. Daß Sie eine Freun⸗ hen. Freund, aber ſeitdem die Herren Philiſter geworden din der Natur ſind, und wir in dieſer Beziehung ſind, haben ſie einander nie wiedergeſehen, und da—“ alſo ſympathiſiren, beweiſt mir die Andacht, mit der wie „Denken Sie, die Empfehlung Ihres Herrn Va⸗ Sie in dieſem herrlichen Sonnenuntergang verſunken kam; ters werde kein beſonderes Gewicht haben?“ unter⸗ waren.“ Nand i brach das Mädchen ihn raſch.„Ei, ei; glauben Sie, Ein Schatten trüber Wehmuth glitt flüchtig über a, die Jugendfreundſchaft habe einen ſo ſchlechten Mör⸗ die Stirne des Mädchens.„Es iſt nicht Alles Gold, geſeh tel, daß ſie ſchon nach wenigen Jahren zerfallen ſein was glänzt,“ erwiderte ſie;„vielleicht— aber Sie A bleib müſſe? Ich erinnere mich noch genau des Augen⸗ haben Recht, die Natur mit ihren großartigen, ewig blicks, in welchem mein Vater uns— der Mutter neuen und unvergänglichen Schönheiten iſt ein Buch, aufm und mir— den Brief des Herrn Regierungsraths in welchem ich täglich und ſtets mit neuer Liebe leſe. eklei vorlas, und wie froh und glücklich er war, daß ſein Doch hier ſind wir an Ort und Stelle.“ ſeiwer beſter Jugendfreund ſich ſeiner noch erinnerte. Da Es war ein kleines, freundliches Häuschen, vor auch war mancher Satz, der Ihnen nicht beſonders gefal⸗ welchem die Beiden ſtanden. Rings umgeben von Zim len hätte, Herr Hartwig!“ einem großen Garten, der mit Geſchmack angelegt Ueberraſcht blickte der Maler in das ſchelmiſch und mit großer Sorgfalt gepflegt war, machte es mit aber lächelnde Antlitz ſeiner Begleiterin. ſeinen grünen Jalouſien, den blendend weißen Gar⸗ daß „Nun, nun; im Grunde war es ſo ſchlimm dinen hinter den Fenſterſcheiben und den mit Reben Nach nicht,“ fuhr das Mädchen in begütigendem Tone fort. umlaubten Seitenwänden einen gar freundlichen, wohl⸗ an's „Ihr Herr Vater ſchrieb nur, Sie ſeien ein Wild⸗ thuenden Eindruck. ur fang, aber im Uebrigen ein kreuzbraver, gutmüthiger„Das iſt ja eine allerliebſte Wohnung!“ ſagte⸗ 1 ſbaſ Menſch, den man leicht leiten könne; mein Vater der Maler entzückt, während er an den hohen, mt* mit möge ſich Ihrer recht warm annehmen.“ Blüthen und Knospen beſäeten Roſenſtoͤcken vorbei⸗ Obſ „Und um dieſen Wunſch ſeines Jugendfreundes ſchritt.„Wie herrlich blühen dieſe Roſen, wie üppig eine recht treulich zu erfüllen, bot Ihr Vater mir ein Ob⸗ wuchern dort die Geranien und Fuchſien, mein Fräu⸗ r dach in ſeinem Hauſe an?“ fragte Hartwig.„Ich lein; dieſe Blumen, dieſer Garten, dieſes ganze En⸗-⸗ in erinnere mich, daß mein Vater mir damals ſchrieb, ſemble ſtellt Ihrem Gemüth, Ihrem Geſchmack und den er habe ſich wegen meines Logis an einen Jugend⸗ Ihrem Fleiße ein glänzendes Zeugniß aus, um wel⸗ freund, den Paſtor Schneider in Rheindorf, gewandt, ches manche—“ 3 ſce und darauf zur Antwort erhalten, ich könne ein Zim⸗„Ich bitte Sie, keine Schmeicheleien, Herr Hart⸗ Se mer in ſeinem Hauſe haben; auch, wenn ich mit wig; hier auf dem Lande ſind wir das nicht ge⸗ dc einem bürgerlichen Tiſche vorlieb nehmen wolle—“ wohnt,“ unterbrach das Mädchen ihn erröthend. ſti „Das, mein lieber Herr, geſchah weniger aus„Willkommen! Willkommen!“ rief in dieſem Au⸗ A freundſchaftlichen, als aus ökonomiſchen Rückſichten,“ genblicke der ehrwürdige Pfarrer, während er dem jer fiel das Mädchen ihm in's Wort.„Wir haben ſchon jungen Manne entgegen eilte.„Das iſt brav, Herr Gln oft einen Maler beherbergt, weil. das Wirthshaus in Hartwig, daß Sie doch noch gekommen ſind; ich be⸗ Go unſerem Dorfe keine Annehmlichkeiten bietet, und da fürchtete ſchon, Ihr Vorhaben, die Schönheit unſerer 1 3 das Zimmerchen gerade leer ſtand, ſo dachten wir—“ romantiſchen Gegend zu ſtudiren, ſei Ihnen wieder „Und ich ſegne dieſen Gedanken,“ fuhr der Ma⸗ leid geworden.— Siehſt Du, Röschen, das ſind m ler, ſeine redſelige Begleiterin unterbrechend, fort. ganz die Züge ſeines Vaters,“ fuhr er, ſich zu ſeiner Nluc


