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aber als ſie auf der andern Seite auf das Pflaſter niederge⸗ laſſen worden war, drückte ſie ihre Dankbarkeit mit den Wor⸗ ten aus: Mein Herr, Sie ſind ein Unverſchämter!» Hier⸗ auf machte Herr Bouchet das Perarrgen Unrecht ſofort da⸗ durch wieder gut, daß er die junge Dame mit derſelben Vorſicht wieder auf die Stelle urückirug, wo er ſie zuerſt ge⸗ troffen hatte, und dann mit einer tiefen Verbeugung von ihr Abſchied nahm. C.
Misrellen.
Kürzlich ſtarb in London ein Sonderling vom reinſten Waſſer, Mr. Richard Th... on, einer der reichſten Negoci⸗ anten der City, in dem reſpectablen Alter von 86 Jahren und hinterließ ein Vermögen von mehr als vier Millionen Pfund Sterling.
Mr. Richard Th...on war niemals verheirathet, was ihn nicht hinderte— erſte Sonderbarkeit— eine große An⸗ zahl Kinder zu haben, welche er nicht anerkannte, die ſich aber alle noch am Leben befinden und männlichen Geſchlechts ſind. Sobald eines dieſer Kinder das unfundzovanzigt Jahr erreicht hatte, verlangte Mr. Richard von ihm— zweite Sonderbarkeit—, daß es die Seecarriere ergreifen ſollte. Er machte es zum Capitain der Handelsmarine, kaufte ihm ein Schiff, und vogue la galère!
Jedesmal wenn Mr. Richard mit der Eiſenbahn reiſte, bot er Denjenigen, welche ſich mit ihm im Coupé befanden— dritte Sonderbarkeit— eine Wette von 500 Pfund gegen 1 Pfund Sterling an, daß der Zug nicht zur richtigen Zeit ankommen werde. Er hat ſeine Wette ſtets gewonnen.
Endlich— vierte Sonderbarkeit— ſo oft einer ſeiner
Freunde, und er hatte deren viele, ſich verheirathete, wettete
er mit ihm 1000 gegen 1 Pfund Sterling, daß ſeine Frau in ihrem erſten Wochenbett nicht von Zwillingen entbunden werden würde. Er hat ſolche Wette niemals verloren.
Da die Capitains alle ihre Schiffe hatten, ging ſein Vermögen auf einige Großmefſen über, welche in Barnet lebten und ſehr angenehm überraſcht waren, plötzlich über Millionen zu gebieten.— Dies iſt all erdings nichts Son⸗ derbares!— e.
Als Foote einmal mit ſeinem Freunde Gagahan in Soho
Square ſpazieren ging, begegnete ihnen ein zerlumpter Bett⸗
ler, der ſie auf das Kläglichſte um eine Gabe anſprach. Ga⸗ gahan wollte ihm nichts geben, und als ihm Foote ein Al⸗ moſen reichte, ſagte jener:„Ich wette, der Kerl iſt ein Be⸗ trüger, der ſich nur ſo elend ſtellt.“—„Er iſt,“ verſetzte Foote,„entweder ein höchſt unglücklicher Menſch, oder der beſte Komödiant, der mir je vorgekommen, und als Eins oder das Andre muß ich mich wie ein Bruder ſeiner annehmen.“
Als der ſtolze Herzog von Somerſet, nicht lange vor ſeinem Tode, der Herzogin von Marlborough einen Beſuch machte, nöthigte ſie ihn, mit ihr ein Glas Tokayer zu trinken, den der Kaiſer ihrem Gemahle zum Geſchenk zeunzich hatte. Er ließ es ſich gefallen, und ſie redete ihn nun folgenderge⸗ ſtalt an:„Ich ſehe es als eine hohe Ehre an, Mylord, daß Sie mit mir ein Glas Wein trinken; er lauben Sie, daß ich Ihnen zwei Geſundheiten bringe, die unpopulärſten, die ſich nur erdenken laſſen, und die in den drei Königreichen außer
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uns beiden keiner trinken wird: auf Ihre Geſundheit und auf die meinige!“—
Vom dentſchen Büchermarkt.
Dienen und Verdienen. Von Meyer⸗Me⸗ rian. Leipzig, Verlag von J. J. Weber, 1865.
Zum Frommen und guten Beiſpiel der dienenden Claſ⸗ ſen iſt dieſe an moraliſcher Tendenz nicht arme Dienſtboten⸗ geſchichte erſichtlich geſchrieben. Der Verfaſſer gehört in gewiſſem Sinne zu der Richtung, die Jeremias Gotthelf ver trat, und neigt ſich mit Vorliebe der Dorfgeſchichte zu. Weit entfernt von dem großartigen Talent des Genannten gehört* eer doch zu den literariſchen Vertretern des ſchweizeriſchen Dorf⸗ und Bauernlebens und der dortigen Volksnatur. Er dient einer kirchlich engen, aber liebevollen und treuherzigen religiöſen Richtung. Seine Sprache iſt kurz und einfach, dabei rauh, hart, weder ſchön, noch künſtleriſch correct, aber ſie hat eine kerngeſunde Natürlichkeit und paßt zu der plaſti⸗ ſchen Charakterzeichnung, die in dieſen nicht poeſieloſen Beſ⸗ ſerungsgeſchichten herrſcht. Das Büchelchen iſt ſehr geſchmack⸗ voll ausgeſtattet. O. B.
Ernſtes und Heiteres. Von Wilhelm Angel⸗ ſtern. Bremen, bei Geißler, 1865. l
Der Verfaſſer tritt hier nicht zum erſten Male an de Oeffentlichkeit. Wir glauben, daß im Allgemeinen ſeine Er zählungen heiteren Inhalts den ernſten vorzuziehen ſind, denn obgleich in jenen durchaus kein feiner Humor, ſondern mehr ſ eine Situationsburleskerie zu finden iſt, ſo ſcheinen ſie doch natürlicher empfunden und mit mehr Leichtigkeit als die übri⸗ d den anshefichr zu ſein. Im Ganzen beſteht die kleine Samm⸗ 1 lung aus fünf Novellen. O. B
Von drei Mühlen. Lindliche Geſchichten von Wolfgang Müller von Königswinter. Leipzig, bei
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Guo Srieduch Dürr in Leipzig.— Verlag der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig.— Druck von U. Edelmann in Leipzig. 1
Brockhaus, 1865. Er Schon ſeit den Erzählungen eines„Rbaieicar eee' niſten“, die verſchiedene trefflich gefaßte— hervorragende Perſönlichkeiten behandeln, ᷑‿ orſgpung wul⸗ ler ein gern geleſener Schriftſteller in engen und weiteren Kreiſen. Er iſt ſeitdem nicht unthätig geweſen, und vorzüg⸗ 1 lich waren es zwei Bände mit ſehr charakteriſtiſchen deutſchen Adelsgeſch üden, unter dem Titel„Vier Burgen“, welche mit Recht durh hre Befriedigung höherer und feinerer Anſprüche ſich Nebha effen Beifall erwarben. V In gewiſſem Sinne bildet der ſtarke vorliegende Band ein Pendant dazu. Auch hier zeigt ſich der talentvolle Autor 1 als ein guter Charakkerdarſteler und ſcharf beobachtender Genremaler für die Scenen des ländlichen Lebens, für das 1Re Treiben und eigenthümlich gefärbte Fühlen und Denken des V Bauernſtandes. Manche Seelenzuſtände ſind dabei ſo na⸗ Ahe. türlich gezeichnet, daß ſie vielen Dorfgeſchichtsſchreibern zumm auf Muſter dienen könnten. O. B. pord 1 d Inhalt: Der Zimmermann von Saalfeld. Im Jahre 1639 und 1640. d * Von Schüler.(Schluß.)— Sie ehrte tief des Vaters Wor9ʃ.“ Gedicht von Otto Heinrich Caspari.— Literariſche Briefe von Otto Banck. iw” Feuilleton. Der Mord in der Ceder⸗Thalſchlucht. Nach dem Eng⸗ det liſchen von Friedrich Coßmann.— Culturhiſtoriſche Mittheilungen über den Elephanten.— Amerikaniſche Prüderie.— Die Pyramide der erſ Erkenntlichkeit.— Heirathen in England.— Amende honorable.— ſie Miscellen.— Vom deutſchen Büchermarkt. 3 1 lich Sö


