Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
618
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618 Novellen⸗Zeitung.

nicht ſo viel Detaillirtes über Moliére's Exiſtenz wiſſen,

als der Literatur⸗ und Culturgeſchichte ſegensreich wäre. Ohne Frage ſtimmen aber alle Facta darin überein, daß ſich Ludwig XIV. durch ſein redliches Benehmen gegen den Dichter hoch geehrt hat. Es iſt eine ſeiner ſchönſten Lebensthaten.

So lange es Theater in der Welt giebt und man nach einer wahrhaften Blüthe der Bühnenkunſt

und der dramatiſchen Production trachtet, wird Mo⸗

lière's dichteriſches Vermächtniß als ein Eckpfeiler für dieſen Bau betrachtet werden müſſen, und gerade den Deutſchen, welche die Weltbildung als deren unbefan⸗ gene Apoſtel vertreten und weiter tragen helfen, ſteht es an, ſich mit dem Geiſte des großen Poeten und Menſchenzeichners immer inniger vertraut zu machen.

Selbſt Denen, die der franzöſiſchen Sprache voll⸗ kommen mächtig ſind, verhilft zu dieſem Studium eine tüchtige künſtleriſch durchgearbeitete Uebertragung. der Molière'ſchen Werke am beſten, denn die Form des Ausdrucks iſt bei ihm zum Geiſte geworden und kann nicht durch eine flüchtige Lectüre überſehn und gewürdigt werden. Am beſten geſchieht es durch treff⸗ liche Darſtellung ſeiner Stücke. Doch wo ſie genießen? In Frankreich, wohin nicht jeder Gebildete ſich be⸗ geben kann, ſind ſelbſt nur wenige auf dem Repertoire, und in Deutſchland iſt die Schule der modernen Schauſpielkunſt nicht mehr derart, um der Muſe Molière's gerecht zu werden. Und nach welchen ge⸗ waltthätigen Bearbeitungen werden dieſe Luſtſpiele endlich bei uns gegeben!

& 0 Feui Hinter der Srene.

Nach dem Engliſchen von Friedrich Coßmann

Vier Uhr und Ellen noch nicht hier! Was mag ſie abhalten, ſie, die gewöhnlich pünktlicher als die Uhr

ſelbſt iſt?

Es war kaum ein Zimmer, worin Laura Avery ſaß weit eher ein prächtiges Bogenfenſter mit Vorhängen von ge⸗ ſtickten Spitzen.

Arme Ellen! murmelte ſie,wie verſchieden haben ſich unſre Geſchicke in dieſer Welt geſtaltet! Ihre Eltern todt ihr Reichthum unwiederbringlich verloren und ſie zu ſtolz, um nur einen Cent anzunehmen, den ſie nicht durch ihre Arbeit verdient hat! Laura ſeufzte von neuem, als die Stutzuhr eben halb ſchlug.

Sie kommt nicht, ſetzte Laura ihr Selbſtgeſpräch fort.

Es muß irgend etwas vorgefallen ſein. Vielleicht iſt ſie krank; o, ſie iſt ſicher krank geworden! Ich will James hin⸗ ſchicken und mich erkundigen laſſen doch nein, ich will lie⸗ ber ſelbſt hingehen.

Dieſe Worte waren kaum über ihre Lippen gegangen, als ſie ſich ſchon hinauf in ihr Zimmer begeben hatte, wo ſie einen weichen grauen Shawl über ihr ſchwarzſeidnes Kleid umwarf und die Bänder einer kleinen braunen Sammethaube zuband, auf welcher die eine rothe Roſe unter dem Beſatz von ſmaragdgrünem Moos der milden Röthe auf ihren Wan⸗ gen nicht unähnlich war.

Ich glaube nicht, daß es anfangen wird zu ſchneien, dachte ſie, als ſie die grauen, drohenden Wolken anſah, wäh⸗ rend ſie ihre enganſchließenden gemsledernen Handſchuhe an⸗ zog.ZJedenfalls will ich recht ſchnell gehen.

Als ſie durch die mit einem weichen Teppich bedeckte Vorhalle ſchritt, näherte ſich ihr ein Diener mit den Worten:

Ein Billet, Miß Laura; es wurde vor fünf Minuten hier abgegeben.

Die Roſe auf Laura's Haube war viel bläſſer als ihre Wangen, jetzt wo ſie das wohlriechende Siegel brach und den

lleton.

Inhalt des feinen Blattes überblickte, während ſich über ihre Lippen ein klares, halb unterdrücktes Lächeln verbreitete. Das Billet war indeſſen ganz einfach und lautete:

Meine theure Miß Avery, Darf ich mir das Ver⸗ gnügen verſprechen, Sie dieſen Abend ins Theater zu beglei⸗ ten, um die neue Oper zu hören? Wofern ich keine Botſchaft empfange, welche es mir verbietet, ſo werde ich mich halb acht Uhr einfinden, um Sie abzuholen.

Ihr ergebenſter Sclave und Unterthan Florian Richley. Laura verbarg inſtinctmäßig das Billet in ihrem B ſen, als befürchte ſie, die Bilder an der Wand möchten einen Blick auf das elegante Schreiben werfen, und ſie verfolgte ihren Weg durch die düſtere Straße mit Augen, welche ihr durch die ſtrahlende Gluth ihres Innern die dunkle Atmo⸗ ſphäre in einem roſenfarbigen Lichte erſcheinen ließen.

Zu derſelben Zeit verlor ſich das graue Octoberlicht in einem kleinen Zimmer im dritten Stockwerk eines Hauſes in einer jener Seitenſtraßen, in denen die verſchämte Achtbarkeit mit dem finſtern Mangel ſtreitet.

Einen ſonderbaren Contraſt mit dieſem kleinen, dürftig möblirten Zimmer bildete ein eben erſt gefertigtes Damen⸗ kleid von einem glänzenden purpurrothen Seidenſtoffe, das auf dem Tiſche neben dem Fenſter in der Art zuſammenge⸗ faltet war, daß man den koſtbaren Beſatz von Sanumt, an beiden Seiten mit weißen Spitzen verziert, ſehen konnte. Denn die arme Ellen Waynall war nichts weiter als eine an⸗ geſtrengt arbeitende und ärmlich bezahlte Putzmacherin.

Sie lag in dem kleinen weißen Bett in der Ecke, die hochrothen Wangen dicht gegen das Kopfkiſſen drückend, und ihre ſchlanke Figur theilweiſe mit einem groben Shawl be⸗ deckt, während das gelegentliche unwillkürliche Zuſammenzie⸗ hen ihrer Stirn den Schmerz verrieth, den ſie geduldig er⸗ trug.

Als eine oder zwei Thränen ſich ſtill aus hren geſchloſ⸗

gen herabrollten, hörte ſie einen leichten Schritt, der ſich ihrem

ſenen Augenlidern hervordrängten und ſanft auf ihren Wan-

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