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liebe Eure Tochter Hedwig wie meinen Augenſtern; gebt ſie mir zur Frau, und ich werde, überglücklich als Sohn, Euch Mutter nennen!“
Frau Oswald fragte lächelnd:„Seid Ihr denn der Gegenliebe meiner Tochter ſchon gewiß?“
„Noch nicht!“ antwortete Joſeph;„ich habe ihr Herz noch nicht beunruhigen wollen! Doch glaube ich, ihr nicht gleichgültig zu ſein.“
„Nun denn, ſo möge ſie ſelbſt entſcheiden,“ er⸗ widerte die Mutter.
Hedwig wurde gerufen. Joſeph's Herz ſchlug ge⸗ waltig gegen die Bruſt; nicht ohne Bangen ſah er der Entſcheidung ſeines Schickſals entgegen.
Die Mutter nahm Hedwig bei der Hand und ſprach:„Liebe Tochter, hier ſteht ein Mann, der um Deine Hand freit. Du haſt freien Willen, ich habe nichts dagegen; aber es iſt ein verhängnißvoller Schritt, der oft beſſer ausſieht, als er in der Folge wird. Frage Dein Herz, frage Deinen Verſtand, ob Du glaubſt, mit dieſem Manne glücklich zu ſein!“
Die Augenſterne beider Liebenden wurzelten in einander. Nach einigen Augenblicken gab Hedwig Jo⸗ ſeph ihre Hand, legte ihr Köpfchen an ſein hochſchla⸗ gendes Herz und empfing von ihm den erſten bräut⸗ lichen Kuß auf ihre ſchöne Stirn, dann ſenkten beide die Kniee und baten die Mutter um ihren Segen.
Die Mutter hatte erſt keine Worte, in Strömen fielen ihre Thränen auf das ſchöne Paar. Mit tief⸗ bewegter Stimme ſprach ſie dann:„Ich gebe Euch hier vor Gott und meinem ſeligen Mann, der aus ſeiner Höhe herniederſieht, aus vollem Herzen meinen Mutterſegen. Seid glücklich auf Eurem neuen Le⸗ benswege! Amen!“
Nach einigen Tagen, als die Familie wieder froh und glücklich beiſammen ſaß, ſagte Frau Oswald zu Joſeph:„Mein lieber Sohn! Wir kennen aus Eurem früheren Leben noch wenig, aber am allerwe⸗ nigſten etwas von Euren Eltern und Verwandten. Habt die Güte, uns das, was uns nöthig iſt, mitzu⸗ theilen.“
„Das hätte ich freilich ſchon früher thun ſollen,“ antwortete Joſeph.„Doch ſeid unbeſorgt, ich bin guter Leute Kind. Mein Vater war Pfarrer in der Nähe von Bautzen. Eine ältere Schweſter und ich waren ſeine einzigen Kinder; die Mutter ſtarb, als meine Schweſter ſo weit war, um den väterlichen Haushalt fortführen zu können; ich hatte das Gym⸗ naſium beſucht, war abgegangen und die Ferienzeit zu Hauſe, um dann auf die Univerſität zu gehen.
Da kam die Kriegsfurie über unſer Land; die Univerſitäten wurden geſchloſſen und ich mußte beim Vater bleiben. Während dieſer Zeit hatte unſer Ort
Novellen⸗Zeitung.
auch das Unglück, ein Regiment Kaiſerlicher zur Ein⸗ quartierung zu bekommen, und da jedes Haus über⸗ füllt war, erhielt auch die Pfarrwohnung einen Cor⸗ net zur Laſt. Es war ein wüſter, roher Geſelle, der, ſobald er meine Schweſter bemerkt hatte, auch gleich ſchamloſe Ausdrücke gebrauchte. Bald klagte die Schwe⸗ ſter über ſeine maßloſe Dreiſtigkeit. Durch mein ra— ſches Dazwiſchentreten hatte ich bis jetzt alle ſchlech⸗ ten Anſchläge vereitelt und der Tag des Abmarſches war da. Schon ſtand das Pferd geſattelt vor der Thür, und ich glaubte aller Sorgen überhoben zu ſein, da mußte ich zum Vater auf die Studirſtube.
Dies benutzte der ſchlechte Menſch, er ſprang in die
Küche, die Schweſter ſpringt in den Hof, dort holt er ſie ein, umarmt ſie und will ſie mit Gewalt in ein Nebengebäunde ziehen. Sie entreißt ſich ſeinen Armen, ruft um Hülfe und läuft haſtig in die im Hofe erſt neu aufgezimmerte Scheune, zwei Leitern hinauf, dann über ſchwankende auf Balken gelegte Bre⸗ ter; jetzt ſteht ſie am letzten Punkte— weiter kann ſie nicht. Da kommt der Cornet nach; ſchon hat er den vorletzten Balken erreicht, aber die Schweſter hat noch ſo viel Beſinnung, das verbindende Bret zu he⸗ ben und in die Tiefe der Scheune zu ſtürzen. Ich hatte den Hülferuf meiner Schweſter gehört und kam in dem Moment in die Scheune, als der Cornet hä⸗ miſch ſagte: Warte nur, Schätzchen, bald bin ich bei Dir; hier oben iſt es mir gerade recht!« Er wollte das rückwärts verbindende Bret überlegen.
Wie ein Stoßvogel war ich oben, riß das ſchon er⸗ griffene Bret aus ſeinen Händen und ſtürzteé es eben⸗2
falls in die Tiefe. Der Vogel war gefangen. Ohne alle Verbindung weder rückwärts noch vorwärts ſtand der Cornet auf einem frei liegenden Balken und klammerte ſich feſt an einen andern in die Höhe ge⸗ henden an. Tod und Teufel!» ſchrie er. ⸗Warte, Hund, ich will Dich ſchon kriegen!⸗
Nun holte ich mit Hülfe der Leiter erſt meine Schweſter herunter, laufe dann raſch vor das Haus, reiße die Piſtolen aus den Halftern des Pferdes und bin im Nu wieder in der Scheune. Dies Alles ge⸗ ſchah in faſt unglaublich kurzer Zeit. Der Cornet, ſeine machtloſe Lage erkennend, zappelte oben wie ein Käfer an der Nadel. Ich hätte lachen m enn die Sache nicht ſo ernſt geweſen wäre. Da tönten die Trompeten des Regiments.
„Laßt mich herunter!“ rief der Cornet; ⸗das Regiment bläſt zum Abmarſch.⸗
«Es wird nicht ſo eilig mit Euch ſein,“ erwi⸗
derte ich.
⸗Ich habe ja nur Spaß mit Euerer Schweſter gemacht.⸗ 14


