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„Möͤge er ſelber darnach kommen— ich kann die Thür nicht öffnen,“ war ihre Antwort. Nieder⸗ geſchlagen nahm ſie wieder ihren traurigen Platz ein.
Welcher Gegenſatz zu einem Sterbelager, dieſer unabſehbare Zug froͤhlicher, ſchauluſtiger Menſchen, der Unter den Linden hin⸗ und herwogt, in vortreff⸗ licher Ordnung, ohne daß eine Stockung entſteht! Laut Erſuchen des Polizeipräſidiums hält Jeder ſich zur Rechten; nur Wenige handeln dieſer praktiſchen Anordnung zuwider, unter ihnen ein auffallend großer junger Mann. In einiger Entfernung hinter ihm auch ein Zweiter. Beide ſcheinen nichts zu wiſſen von den Stößen, die ihnen zuweilen zu Theil werden, und beachten nicht den Ruf der Entgegenkommenden: „Rechts— rechts!“— hören ihn vielleicht nicht ein— mal. Unverdroſſen arbeiten ſie dem Menſchenſtrom entgegen, ohne nur einen Blick auf die glänzend er⸗ leuchteten Häuſer zu werfen, auf dieſe blendenden Ma⸗ nifeſtationer des Patriotismus und des Geſchmackes, die dem Publicum laute Aeußerungen der Bewunde⸗ rung und Kindern ein helles Luſtgekreiſch entlocken. Der erſtere der beiden Männer hat einen illuminirten Balcon im Auge— der zweite kein ſo glänzendes Ziel; er verliert es indeß noch weniger aus dem Ge⸗ ſicht, theilt höchſt unhöflich Püffe aus, oder nimmt ſolche geduldig an, ehe er abläßt, der Spur ſeines Vordermannes nachzutreten, deſſen alle anderen über⸗ ragender Hut ihm als Richtſchnur dient. Allmählich nähert er ſich demſelben, ſtreckt ſchon den Arm aus, ihn zu erfaſſen; da biegt der Erſtere plötzlich ſeitwärts aus, und windet ſich durch die entgegenſtrömende Menge der Hausthür unter dem Balcon zu. Einen raſchen Blick ringsum werfend— dann iſt er drinnen verſchwunden.
Der Verfolger faßt Poſto in der Nähe, und will deſſen Rückkehr abwarten; wohl überkommt ihn Un⸗ ruhe darüber, daß Vollert vielleicht ſchon jetzt dem Hoflieferanten das Schreiben überliefert.
„Guten Abend, Herr Firſt—“ hört er ſich plötz⸗ lich anreden. Es iſt das Hausmädchen von Schultze, die am Arm ihres Galans eben wohlgemuth im Volks⸗ ſtrom daherkommt.
„Der Herr— die Herrſchaft zu Hauſe?“ fragte er raſch.
Sie war ſchon vorüber, ruft aber zurück: wahre— kein Menſch! Alle im Opernhauſe!“
Es beruhigt ihn; noch hat er alſo einige Friſt, ſein Eigenthum wiederzuerlangen. Um ſo mehr be⸗ unruhigt ihn der Gedanke an Ottilie, die bei der Todtkranken allein iſt. Er wollte ihr ſagen, daß, wie zu vermuthen, die Aufwärterin nicht zu Hauſe ſei,
„Be⸗
Novellen⸗
Jeitung.
und wollte bei ihr bleiben, als der unerwartete An⸗ blick Vollert's ſein Blut in Wallung brachte— ihn alles Andere vergeſſen ließ. Auf dem ganzen Wege konnte er ihm nicht beikommen, und mußte zufrieden ſein, daß er ihn nicht aus den Augen verlor. Das Harren wird ihm indeß gar zu lang, er denkt mit wachſender Angſt daran, daß die Mutter ſeines nicht mehr lebenden Freundes vielleicht eben den letzten Athemzug verröchelt, daß Ottilie allein iſt bei der Sterbenden, während er hier Jemand auflauert. War⸗ um— zu welchem Zweck?„Um eine thörichte junge Dame vor den Folgen eines leichtſinnigen Einfalls zu bewahren,“ antwortete er ſich ſelber voll Bitterkeit. Dennoch, es war ſein Verſehen, daß ſie mit dieſen fatalen Folgen bedroht werden durfte; es wäre nicht großmüthig, wäre ſogar unmännlich, wenn er nicht alles Menſchenmögliche verſuchte, ſie vor dieſen fata— len Folgen zu bewahren. „Vollert verzieht doch ſehr lange drinnen.“
Der Wartende macht eine Bewegung, bleibt aber wieder ſtehen.„Vielleicht geht er nun nach Hauſe—
ich komme dann faſt eben ſo ſchnell zu Benedikt's,
wie er!“ beſchwichtigt er ſeine Ungeduld. Kein Vollert! Nun muß er gehen. Ueberdies,
wenn er ihn anhält, Vollert ſich wehrt, ein Auflauf z
entſteht? Kann er ihn zwingen, das Papier heraus⸗ zugeben, ohne daß Unberufene Einſicht davon bekom⸗ men? Da iſt er endlich— wirft einen ſcheuen Blick nach dem erleuchteten Flur zurück und verliert ſich in der vorüberfluthenden Menſchenwoge. Firſt wünſcht ſich Glück, daß er Stand gehalten, und auch dazu, daß Vollert keine Ahnung davon hat, er ſei ihm auf den Ferſen. Deſſen Länge begünſtigt die Aufgabe, ihm zu folgen, ohne daß er es weiß. Vielleicht bie⸗ tet ſich doch eine günſtige Gelegenheit, ihm den Brief abzunehmen. Er muß ſich ja ſcheuen, die Tochter ſeines Principals zu compromittiren; um die gute Stelle in dem Hauſe war es dann ſicherlich geſchehen. Ein Anderes wäre es freilich, wenn er dem Vater unter vier Augen das Blatt überliefern, verkaufen würde.
So folgt er ihm denn wieder unverdroſſen, was jetzt weniger Schwierigkeit hat, als vorher, weil es mit dem Strome, nicht wider denſelben geht; folgt ihm auch dann noch, obſchon mit einem Seufzer, als er ſieht, daß Vollert nicht den Weg nach Hauſe ein⸗ ſchlägt, ſondern nach der Schloßbrücke hin. Blendend ſchimmert die Vorderfronte des⸗ Opernhauſes. Da zur Rechten, in impoſanter Einſamkeit, im Hinter⸗ grunde des dunklen Opernplatzes leuchten, mit um ſo größerer Bedeutſamkeit hervortretend, die rieſigen
Kreuze an der Hedwigskirche. Das Symbol des Lei⸗
ſns verſe Ir kann ſn; über der auch en ſcein Aber wickeln, Opernha drängt. mäßig! Unmöͤgl bunten d. dem Ar Die Mu auls, da „Go nicht Lo⸗ Mann, einen gr Mantel abkämen „O genug ſt treten,; De .5 der zarte ſchreit di nicht all Eine Wa
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