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„Ottilie, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich niemals daran dachte—“
„Leugnen Sie nicht unnütz! Wir ſind ſcharfe Beobachterinnen, mein Herr; mir entgingen gewiſſe vielſagende Blicke nicht, die Sie mit der Dame wech⸗ ſelten. Und dieſe Ohnmacht— ſollte ſie rein zufäl— lig geweſen ſein? Das Fräulein ſieht gar nicht darnach aus, als leide es an dergleichen Zufällen. Die uner⸗ wartete Begegnung mit Ihnen— oder war es etwa keine unerwartete Begegnung? Ich entſinne mich nun, daß Sie Eile zu haben ſchienen, daß ich Sie gleichſam mit Gewalt zwang, mir oder vielmehr mei⸗ ner armen Mutter Beiſtand zu leiſten. Verzeihung dafür! Ich werde Sie nicht mehr nöthigen zu der⸗ gleichen Dienſtleiſtungen. Sie ſelber waren ſo ergrif⸗ fen, daß Sie wankten. Vorhin fiel mir der Grund davon nur nicht bei, erſt jetzt iſt mir Alles klar.“ Ihr Ton war mit jedem Satz bitterer geworden. Raſch erhob ſie ſich.
Er hielt ſie zurück, wortlos— blickte ſie nur an. Die ſtumme Sprache mußte indeß ſehr beredt ſein. Da ihre Mutter fortſchlummerte, ſetzte ſie ſich wieder.
„Meinem Principal thun Sie auch Unrecht mit dieſem Verdacht,“ ſagte Firſt;„er verlangt mit Recht Ordnung und Pünktlichkeit, iſt in dieſer Hinſicht viel⸗ leicht etwas zu ſtrenge, doch ein ehrenhafter Mann, ſolcher Manipulationen durchaus nicht fähig. Ueber⸗ dies fehlt ja der Grund, den Sie vorausſetzen. Doch obwohl keine zärtliche Beziehung zwiſchen mir und der jungen Dame beſteht, haben Sie darin Recht, daß überhaupt eine Beziehung exiſtirt. Welche— darnach dürfen Sie mich nicht fragen, denn ich kann es nicht ſagen, wenigſtens jetzt nicht. Auch iſt es wahr, daß mir etwas obliegt— eine ernſte Verpflichtung. Ich habe eine unverantwortliche Nachläſſigkeit gut zu ma⸗ chen, ſoweit ſich eine ſolche überhaupt gut machen läßt!“ Das Reden wurde ihm augenſcheinlich ſchwer.
Betroffen hatte ſie zu ilsn aufgeſchaut.„Wie blaß Sie ausſehen— wie erſchreckend blaßl
Ein Anflug von Lächeln umſpielte ſeinen Mund. „Ihnen will ich's geſtehen— als Beweis des Ver⸗ trauens,“ erwiderte er.„Dieſe Schwäche vorhin, deren Sie erwähnten, mag denſelben Grund haben. Seit dem Kaffee Morgens nahm ich nichts zu mir!“
Ottilie eilte zum Schrank.„Auch als Beweis des Vertrauens!“ ſagte ſie. Dieſes Wort ſchlug ſeine Bedenken nieder.
Und das Vertrauen ſchien vollſtändig zu ſein, obwohl er in einem Punkt zurückhalten mußte. Sie fragte nicht, als er erklärte, daß er Vollert je eher je lieber ſprechen müſſe; ſagte nur:„Ich glaube, er
Novellen⸗
Zeitung.
wird bald verreiſen. Als Sie nach dem Arzt und dann in der Apotheke waren, hörte ich ihn leiſe hin⸗ und hergehen und Schubladen aufziehen, wie beim Einpacken. Uebrigens fiel mir auf, daß er ſich ge⸗ räuſchlos entfernte; wenigſtens hörte ich ihn nicht fortgehen.“
„Er ſcheut eine Begegnung mit mir,“ ſagte Firſt. „Zufällig war ich einen Augenblick oben, als ich die Arzenei geholt hatte. Er vermuthete mich nicht dort, daher traf ich ihn. Leider entſchlüpfte er mir doch.“
„Wer kann das ſein?“ unruhig bei dem leiſen Klingeln auf.„Etwa Vollert? Der hat ja ſeinen Schlüſſel!“
Firſt ging hinaus— Niemand da; er warf einen Blick über das Treppengeländer— nichts. Hatte ſich Jemand einen Scherz gemacht? Kopfſchüttelnd ſchloß er die Thür, indem er ſagte:„Es beunruhigt mich, daß ich Sie allein laſſen ſoll; es paſſtrt ſo Mancher⸗ lei in der großen Stadt— und ich muß fort, muß ſehen, ob ich Vollert nicht vielleicht in der Reſtaura⸗ tion treffe, die er zu beſuchen pflegt.“
„Ich fürchte mich nicht,“ erwiderte Ottilie;„bin ja an das Alleinſein mit meiner Mutter gewöhnt, und ich öffne nie, ohne zu wiſſen, wer Einlaß begehrt. Aber wenn Sie die Güte hätten, unſere Aufwärterin herzuſchicken! Es könnte doch nöthig ſein, daß ich Jemandes bedarf!“ 1
Firſt's Blick folgte dem ihrigen nach dem Bette der Kranken. Tief röchelnd ging deren Athem, das Geſicht war ſpitzig, eingeſunken.
Das Mädchen unterdrückte nur mit Mühe die Thränen. Er ſchwankte, ob er gehen ſolle, und ging endlich doch— ſo eingenommen von ſeinen Gedanken, daß er nicht beachtete, wie Jemand hinter ihm her⸗ austrat aus dem Raume unter der Treppe, wohin das Gaslicht nicht drang, und raſch dieſelbe hinauf ſchlich.
Ottilie öffnete die Stubenthüre. Es ſchien ihr, als knarre die Corridorthüre. In der That war Vol⸗ lert eingetreten und hatte ſchon ſein Zimmer aufge⸗ ſchloſſen. Sie ſah einen Reiſekoffer in der Mitte desſelben.
„Ich komme in einigen Tagen wieder— es han⸗ delt ſich nur um eine kleine Geſchäftstour,“ redete Vollert ſie an.„Wollen Sie die Güte haben, Fräu⸗ lein, dem Dienſtmann, welchen ich ſogleich herſchicken werde, den Koffer und die Reiſetaſche zu übergeben. Auch bitte ich mir meine Paßkarte aus; der Schutz⸗ mann übergab ſie Ihnen ja!“
„Die Paßkarte!“ zugleich dachte ſie darauf, wie ſie ihren Miether zu⸗ rückhalten könne; leider war dazu nur keine Möglich⸗
Ottilie blickte etwas
Ottilie mußte ſich beſinnen;
keit vorhan wiederkäme zu verweile „Ja, duldig. 7Jch an ſich.“
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