Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
588
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588 Pergamentblätter, bis auch dieſe bald gefüllt waren. Eine an den Herzog gerichtete Bitte war fruchtlos.

Er griff nun zu einem andern Mittel ſeine Gedanken⸗ aufzuzeichnen. Mit der Spitze der Lichtſcheere beſchrieb er in möglichſt kleiner Schrift die weißen Wände ſeines Zim⸗ mers und die leeren Ränder an den Blättern ſeiner Predigt ſammlung und ſeiner Bibel. Als endlich ſeine Frau die Er⸗ laubniß erhalten hatte, an ihn zu ſchreiben, bedeckte er die lee ren Stellen und die Zwiſchenräume der Zeilen mit den Schriftzeichen ſeiner Lichtſcheere. Wenn die Spitze ſtumpf wurde, polirte er ſie an den eichenen Stühlen ſeines Zim mers. Die geiſtlichen Lieder, welche er auf ſolche Weiſe zu Stande brachte, wurden nach ſeiner Freilaſſung herausgege ben und betragen acht kleine Octavbändchen. Doch waren ſie nicht das einzige Product der geiſtigen Thätigkeit des un ermüdlichen und ungebeugten Gefangenen. Er ſchrieb eine Reihe theologiſcher und publieiſtiſcher Abhandlungen, mehr als vierzig an der Zahl, und einige derſelben von nicht ge⸗ ringem Umfang. Auch fand er muntere Augenblicke, worin⸗ er Fabeln und humoriſtiſche Aufſätze ſchrieb, z. B. politiſche und philoſophiſche Gedanken beim Hühnerfüttern, Reiſe in's Land der Alt⸗Gebräuchler.

Der ſiebenjährige Krieg war endlich 1763 durch den Hubertusburger Frieden zum Abſchluß gebracht, und Preußen benutzte ſeine neuerrungene Stellung im deutſchen Reichsver⸗ bande zum Schutze des Rechts. Auf den großen König rich tete ſich der Blick der Gedrückten. Moſer's älteſter Sohn, Frievrich Karl von Moſer, dem Vater gleich an literariſchem Ruhm und tüchtigem Charakter, verwendete ſich in Berlin für ſeinen Vater und erhielt im December 1763 die ſchriftliche Zuſicherung, daß der königliche Geſandte in Wien inſtruirt ſei, in Verbindung mit dem däniſchen Geſandten(Moſer war väniſcher Etatsrath)durch vie nachdrücklichſten Vorſtellun gen bei dem kaiſerlichen Hofe darauf zu dringen, daß des Her zogs von Würtemberg Durchlaucht von des Kaiſers Maje⸗ ſtät ernſtliche Abmahnung geſchehe, dieſen alten würdigen und hartbedrückten Mann aus ſeinem Gefängniſſe loszulaſ ſen.Seine königliche Majeſtät ſo ſchloß das Schrei⸗ ben der preußiſchen Regierungverhoffen von dieſer ihrer gethanen Vermittlung einen guten Effect, und außer der Zu⸗ friedenheit, welche Sie darüber haben werden, einem unſchul vig leivenden und hart gehaltenen Mann ſein Schickſal auf den Reſt ſeiner Tage zu erleichtern, ſo wird es Ihnen beſon ders angenehm ſein, demſelben und ſeiner Familie durch dieſe Vermittlung ein Zeichen Hochdero gnädigſter Propension gegeben zu haben.

Bei der demnächſt ſolgenden Wahl des Römiſchen nigs Joſeph II. verſprach der würtembergiſche Miniſter Graf von Montmartin dem kaiſerlichen Miniſterium unverzügliche Loslaſſung; es geſchah aber nicht. Darauf wandte ſich die würtembergiſche Landſchaft an den Reichshofrath mit einer ausführlich motivirten Klageſchrift, die mit dem Geſuch⸗ ſchloß:förderſamſt durch ein geſchärftes Mandutum poonale des regierenden Herrn Herzogs Durchlaucht gemeſ⸗ ſenſt aufzugeben, den ſchon in das fünfte Jahr in harter Feſtungs⸗Gewahrſame und Arreſt unverhört und unverſchul deter Dinge enthaltenden landſchaftlichen Conſulent Moſer allſogleich und ohne Entgelt daraus zu entlaſſen und des halb alle gebührende Satisfaction und Schadenserſetzung zu leiſten.

Herzog Karl ſchickte darauf im Auguſt 1764 ein eigen händiges Schreiben an den Commandanten von Hohentwiel.

Kaum traut man ſeinen Augen, wenn man Folgendes lieſt:

Novellen⸗Zeitung.

Mein lieber Generalmajor und Commandant von Roman!

Demſelben gebe hiedurch die Ordre, dem Arreſtanten und ehemaligen Landſchafts⸗Conſulenten Moſer zu eröffnen, daß ich durch die vielſeitige Vorbitte von den Seinigen und Anderen bewogen worden, den Entſchluß zu faſſen, denſel⸗

ben, ohnerachtet er ſich durch deſſen mancherlei ſchwere Ver⸗

brechen einer ſchärferen Ahnung ſchuldig gemacht, ſeines bis⸗ herigen Arreſtes zu entlaſſen, wann gedachter Moſer ſothane Entlaſſung als eine unverdiente Gnade erkennen, um ſolche nochmalen ſchriftlich, unter Bereuung ſeiner großen Fehler und Vergehungen, bitten, auch einen nach deſſen bereits An. 1759 beſag des in originali beigeſchloſſenen und ſofort nach davon gemachtem Gebrauch zu remittirenden Bittſchreiben anerbotenen Revers ausſtellen wird. Weſſen ſich nun mehr⸗ berührter Moſer hierauf erklären wird, ein ſolches hat der Herr Generalmajor des nächſten an Mich unterthänigſt zu berichten. Ich bin, mein lieber Generalmajor und Comman⸗ dant, deſſen freundwilliger Karl.

Auf dieſes Anſinnen erwiderte Moſer freimüthig und im Bewußtſein eines unbeſcholtenen Lebens: Stets habe er ſich ſeinem Herzog wie dem Lande treu erwieſen, und ihm ſei bis jetzt noch nicht kund gegeben, worin ſeine Verbrechen be⸗ ſtehen ſollten, man habe ihn noch nicht einmal zu einer Ver⸗ theidigung zugelaſſen. Als ein Mann, der 44 Jahre mit Ehren in der Welt genannt werde und dem Grabe nahe ſei, könne er ſich nicht entſchließen, ſeine Freiheit mit dem Ver⸗ luſt ſeiner wohl und ſauer erworbenen Ehre zu erkaußen. Indeſſen wolle er gern auf alle ſeiner Ehre unnachtheiliger Art und Weiſe die Hände dazu bieten, daß dieſer Vorfall in Güte beigelegt werde, wolle auch das Vergangene zu vergeſ⸗ ſen ſuchen. Uebrigens ſei er auch ebenſo feſt entſchloſſen, mit einem der Gnade Gottes verſicherten gelaſſenen Herzen Alles ſtandhaft abzuwarten, was der Herzog über ihn beſchlie⸗ ßen und der Herr aller Herren zulaſſen werde. Er legte die⸗ ſem Schreiben einen kurzen Revers bei, worin er gelobte, wegen des Vorgefallenen an Niemand Rache nehmen, ſowie ſich zu einer gerichtlichen Unterſuchung jederzeit ſtellen zu wollen.

Kurz hernach lief der Beſchluß des Reichsraths ein, wo⸗ rin dem Herzog die Weiſung ertheilt ward,den Conſulenten⸗ Moſer, wofern ſich ſämmtliche von denen Landſtänden ange⸗ zeigte Umſtände angebrachtermaßen verhalten ſollten, ſeiner fünfjährigen gefänglichen Haft unverzüglich zu entlaſſen.

Der Herzog ſchickte darauf einen ſeiner Regierungsräthe

nach Hohentwiel, der Moſer ſchließlich über einige Punkte

zu vernehmen hatte, wobei die Hauptſache darauf hinauslieſ, er habe der Landſchaft abgerathen, die geforderten Summen zu bewilligen, und in dieſer Sache einige reſpectswidrige Schriften verfaßt. Moſer konnte dieſe Beſchuldigungen leicht, zurückweiſen: In der Geldangelegenheit habe Stimmenein⸗ helligkeit geherrſcht; in den an die Regierung gerichteten Schreiben ſei er nur der Concipient der Beſchlüſſe geweſen, und eins derſelben ſei nicht einmal von ihm ſelbſt ausgefer⸗ tigt, es enthalte übrigens nichtsIrreſpectuoſes. Nachdem er darauf noch eine ſchriftliche Caution ausgeſtellt hatte, er wolle ſich jederzeit auf Verlangen zu weiterer Unterſuchung ſtellen und ſich dem endlichen Rechtserkenntniß geziemend un⸗ terwerfen, ward er am 25. September 1764 ſeiner Haft ent⸗ laſſen. Von weiteren Rechtsförmlichleiten war ſo wenig die Rede, daß man ihm vielmehr die Caution bald wieder zurück⸗ gab und er ſein Amt als Landtagsconſulent wieder antrat,

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