Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
578
Einzelbild herunterladen

mit ihm, von dem heißen Kampf, in welchem auch Edwin fiel, von der Umgebung des Grabhügels, mit deſſen Zeichnung er ſie heute früh, ohne ſich zu er⸗ kennen zu geben, überraſchte, erfreute. Allerdings eine wehmüthige Freude, doch die höchſte, ja die ein zige, welche ſie nach ihrer Meinung noch erleben konnte. Darum machte ſie ihm noch einen Vorwurf daraus, daß er nicht ſogleich nach ſeiner Ankunft in Berlin zu ihr gekommen ſei, mit ihr geplaudert habe von ihrem Liebling.

Voll theilnehmender Sorge ſah er das Fieber, welches allein ſie noch aufrecht zu erhalten ſchien. Ottilie war gleichfalls in wachſender Angſt. Sie ver⸗ ſuchte abzulenken von dem Thema, das die Leidende und durch die Beiwohnung des Einzugs ſo ſehr Er⸗ griffene ſo gefährlich erregte; äußerte ihm ihre Ver⸗ wunderung, daß er nicht, wie die andern bereits ent⸗ laſſenen Combattanten, Theil genommen habe an der Feierlichkeit.

Ein dunkles Roth ſchoß in ſein Geſicht, wäh⸗ rend ſein Blick ſich raſch, unwillkürlich auf den ab⸗ getragenen Rock ſenkte.

O darum! Das junge Mädchen zuckte die Achſeln. Ton und Geberde drückten nicht allein Gleich gültigkeit gegen einen ſolchen Grund der Zurückhal⸗ tung aus, ſondern auch Verachtung gegen einen guten Rock und eine gute Stellung im Leben überhaupt.

Sie befanden ſich vor ihrer Wohnung.

Firſt machte eine Bewegung, hielt dann ſtutzend wieder inne. Die Röthe wich einer plötzlichen und auffallenden Bläſſe und das Auge haftete weitgeöff⸗ net an der Hausthüre..

Ottilie warf einen raſchen Blick nach derſelben. Ein Polizeibeamter verſchwand eben darin. Verwun⸗ dert wandte ſie ſich ihrem Begleiter zu.

Er hatte ſeine Faſſung mittlerweile wiedergefun⸗ den. Ottilie vergaß des kleinen Zwiſchenfalls augen⸗ blicklich, als die Mutter beim Ausſteigen wieder von einer Schwäche befallen ward, und der junge Mann ſie mehr hinauftragen als führen mußte.

Auf der Treppe zum zweiten Stock, in welchem ſie wohnten, vernahmen ſie heftiges, offenbar wieder⸗ holtes Klingeln. Der Polizeidiener ſtand vor ihrem Corridor und wandte ſich ihnen ärgerlich entgegen.

Da reiße ich umſonſt an der Klingel. Herr Vollert erſuchte den Herrn Polizei⸗Lieutenant drin⸗ gend, ihm die Karte noch heute zu beſorgen, und nun iſt er nicht da.

Mechaniſch übernahm Ottilie die Beſtellung der Paßkarte an ihren Miether. Betäubt von dem, was ſie heute erlebt hatte, erſchreckt und betrübt durch den Zuſtand der Mutter, war ſie kaum fähig, die Thür

Novellen⸗

Zeitung.

zu öffnen; die Karte entglitt ihren Händen, ohne daß ſie es beachtete. nijt Firſt, der im Corridor zurückgeblieben, nahm ſie 3 vom Boden auf. Das Datum fiel ihm in die Augen: Hütn 7 9 «Am ſiebenten December 1864. Dann durchzuckte hr 4 ihn der Gedanke:Mein Brief Vollert will ver⸗ nüht 1 reiſen, und bald ſogleich! Aufhorchend hob er nicht i den Kopf. Es war, als rege ſich etwas in dem Zin⸗ hohen mer, das Frau Benedifkt vermiethete, ſeitdem ihr Sohr wächſt einberufen worden; als er ſich aber der Thür nät benw herte, verſtummte jegliches Geräuſch. Keine Antwort deinl erfolgte auf ſein Pochen, auf die Aufforderung, zu liede öffnen; er hätte darauf ſchwören mögen, daß Vol⸗ wohl lert drinnen ſei, konnte ſich ja auch denken, weshalb nacj derſelbe ſeine Anweſenheit verleugnete. Und er beſaß 1 kein Mittel, ihn zur Herausgabe des Schreibens zu, Holle zwingen, durfte ihn nicht einmal laut dazu auffor⸗ dern! conen Ottilie öffnete verſtört ihre Thür.Ah, da ſind iſt ar Sie ja noch! Es erleichterte ſie offenbar, als ſie Firſt auf der Schwelle ihres Miethsmannes erblickte. autm Die Mutter iſt krank ich kann ſie ni llein, plaud laſſen und es muß ein Arzt geholt neni genh Er erbot ſich dazu, that es nach einem Blick Zutä auf die verſchloſſene Thür, hinter welcher es ſich ſo⸗ hatte gleich wieder leiſe zu regen begann, ſobald Firſt die einan Treppe hinabeilte. l nicht gi 7 ſas Aber liebſter Reinhold, das hätte doch 3 5 morgen oder übermorgen Zeit. Der Hoflieferant 1d blickte auf den jungen Officier neben ſeiner Tochter. nicht Wir ſind ja kaum des Wiederſehens und Beiſam⸗ niſſe menſeins froh geworden! nnend Seine Frau und Schwägerin, wie die ganze Fa⸗ Eine milie, welche die Mittagstafel einte, war ſeiner Mei⸗ don nung; nur Aſta ſchwieg. ar Ich bedauere außerordentlich, ſagte Reinhold, ſie b daß ich darauf beharren muß; habe es mir damals ihre gelobt, die Dame ſogleich aufzuſuchen, wenn ich nach auf. Berlin käme. Die Dämmerung naht, der Weg iſt ſage ziemlich weit und ein ſpäter Beſuch nicht ſchicklich, derz zumal es der erſte iſt; daher kann ich wirklich nicht leugn länger zögern, ſo gern ich auch möchte. Leug Aſta ſtimmte ihm bei. So erhob man ſich denn vom Tiſche. ſich Komme ja auch bald wieder, fügte er hinzu denn Ich ginge am liebſten mit! rief Aſta.Möcht Thei der armen Frau auch gern meine Theilnahme aus ſeelbe ſprechen. früh

Dagegen erhob ſich ein doppeltes Bedenken: daß 1 nmung trüben, und denn

dieſer Beſuch ihre heitere Stim