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ben, um nach meinen Verfolgern zu ſpähen und fri⸗ ſchen Athem zu ſchöpfen.
Zu meinem großen Vergnügen gewann ich aber bald die Ueberzeugung, daß Niemand auf meiner Fährte war, und ich kann wohl ſagen, daß die„hei⸗ lige Stille der Nacht“ kaum jemals einen erquick⸗ lichern Einfluß auf mich ausübte, als eben jenesmal. Kein Fußtritt, kein Laut einer menſchlichen Stimme war zu hören, nur leiſe— leiſe flüſternd mit den ſchwarzen Felſengebilden flog bisweilen ein ſchwacher Hauch des Nachtwindes durch das Geklüfte, und aus der Ferne drangen hier und da einzelne dumpfe, grol⸗ lende Laute zu mir, der Kampfesruf der gegen das Land anſtürmenden See, der Schlachtruf der Brandung.
Das war mir lieb zu hören und ich machte mich jetzt ſehr getröſtet auf den Weg, um wo möglich auf eine Straße zu gelangen, welche nach Valparaiſo führte; aber ich lief wohl zwei Stunden lang, wahr⸗ ſcheinlich häufig in der Runde, bis es mir endlich gelang, einen Fahrweg zu finden, welcher die Straße nach Guillota war, und endlich gegen Morgen er⸗ reichte ich todtmüde und abgemattet meine Wohnung. Als ich ſpät und faſt zur Mittagszeit erwachte, fühlte ich einigermaßen den moraliſchen Katzenjammer, der ſich unſer nicht ſelten bemächtigt, wenn man des Tags zuvor unliebe Mißhelligkeiten mit der Polizei oder ähnlichen Inſtituten gehabt hat.
Vielleicht kam man auf meine Spur durch meine Malergeräthſchaften, welche Ramon in die See ge⸗ ſchleudert, ja es war möglich, daß man mich ſogar geſtern deshalb nicht weiter verfolgte, weil man mich ganz bequem heute in der Stadt faſſen konnte.
Das ſchlug ich mir zwar ſo ziemlich wieder aus dem Sinne, aber unangenehm war mir in hohem Grade der Verluſt meiner Mappe, der Leinwand, des Papiers und der Farben, lauter Dinge, welche hier kaum zu erſetzen waren und welche faſt die Hälfte meines Vorraths ausmachten.
Der Gedanke an Mercedes ließ aber auch dieſe Verluſte in den Hintergrund treten, ſie wollte es ja „wett machen“, und ich ſtand jetzt auf, um möglichſt verführeriſche Toilette zu machen und mich ſofort zu dem reizenden Kinde zu verfügen. Wer beſchreibt aber meinen Schrecken und Aerger, als ich an den Spiegel trat! Meine rechte Backe war in Folge der— verwünſchten ſtoßenden Musquete auf ſchmähliche Art geſchwollen, und obgleich ſie mich kaum noch ſchmerzte, ſo war doch an ein Ausgehen kaum zu denken,— an ein Wandeln auf Liebespfaden aber unbedingt nicht!
In ſtiller und beſchaulicher Einſamkeit brachte ich nun drei Tage zu, denn Glebel, welchem ich meine hart mitgenommenen Kleider zum Ausbeſſern und
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Novellen⸗Zeitung.
mit der Bitte ſchickte, mich am Abende zu beſuchen, ſendete zwar die hergeſtellten Kleidungsſtücke, blieb aber ſelbſt unſichtbar.
Am vierten Tage endlich war die Geſchwulſt an der Wange faſt vollſtändig verſchwunden, und ich
machte mich auf, den Lohn der Minne von den ſüßen
Lippen meiner Mercedes zu ernten.
„Er wird nicht in Worten allein beſtehen,“ ſagte ich zu mir ſelbſt;„die Frauen ſind heißblütig hier im Lande und zögern nicht lange, wenn ihr Herz ſpricht. Sie wird vielleicht anfänglich den Verluſt meiner Malerſachen bedauern, dann aber fällt ſie mir plötzlich ungeſtim um den Hals und ſtammelt mit glühenden Worten ihren Dank wegen der heroiſchen Art, mit welcher ich ihr den Rücken deckte. Ich werde nicht blöde ſein, auf Ehre nicht! und was mich am meiſten freut, iſt, daß ſie auf alle Fälle den elenden Menſchen— den Ramon— abgedankt hat.“
Unter dieſen und ähnlichen Gedanken hatte ich die Felſen erreicht und kurz darauf ihr Haus.
Genau an der Stelle, wo ſie vor einigen Tagen das erſte Mal, auf den Hacken kauernd, mit mir ge⸗ ſprochen und ihre Cigarre geraucht hatte, ſaß dies⸗ mal Ramon, ebenfalls kauernd und Tabak rauchend, jedoch, wie es ſchien, wenig zum Plaudern aufgelegt, denn er hatte die Hände über den Knieen gekreuzt, kniff die Augen zu und blies von Zeit zu Zeit, in⸗ dem er den Kopf rückwärts bog, eine dichte Rauch⸗ wolke von ſich. Mein Kommen ſchien er gar nicht bemerkt zu haben.
Daß ich äußerſt unangenehm berührt war, iſt begreiflich, da ich aber unmöglich ſo ohne Weiteres wieder gehen konnte, ſagte ich: 5
„Guten Morgen, Sennor! Mercedes zu Hauſe?“
Er blinzelte mich jetzt von der Seite an, blies Rauch in die Luft, gab aber keine Antwort.
„Hört Ihr nicht?“ ſagte ich;„ich wünſche zu wiſſen, ob die Sennorita zu Hauſe iſt!“
„Nein, ſie iſt nicht zu Hauſe,“ verſetzte er jetzt.
„Zu welcher Zeit kann ich ſie wohl treffen?“
„Quien sabe?“ ⸗wer kann es wiſſen?⸗ ſagte er, und da ich bereits wußte, daß, wenn ein Chilene einmal dieſes„quien sabe?“ ausgeſprochen hat, kaum etwas mehr aus ihm herauszubringen iſt, gab ich es auf, von Mercedes zu ſprechen, und ſagte:
„Ich möchte gerne wiſſen, ob Ihr die Waaren gut nach Hauſe gebracht habt??“?
Der unverſchämte lange Schlingel legte den Fin⸗ ger an die Naſe und that, als ob er nachſänne.
„Welche Waaren?“ ſagte er dann.
„Und das Boot,“ fuhr ich, meine Ungeduld be⸗
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