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hohe Neſſel, welche verzweifelt brennt und Puſteln—
erzeugt, die oft drei Wochen lang nicht unbedeutend ſchmerzen. Doch mag lobend des Cereus peruvia- nus zu gedenken ſein, deſſen tellergroße, brennend⸗ rothe Blüthen die ſteilſten und ſonſt kahlen Abhänge ſchmücken.
Ich bemerkte es gegen Glebel, welcher erwiderte:
„Drinnen im Lande hat's Kräuter und Bäume genug, obgleich auch viele davon kratzen und ſtechen; wir haben es aber jetzt mit dem Mondſchein zu thun und müſſen uns beeilen, um die Sennorita noch zu treffen. Sie fährt bisweilen ſchon des Abends aus.“
Er ſprang flüchtig abwärts der eigentlichen Stadt zu, und als er ſich endlich gegen den Almendral wen⸗ dete, begann ich zu vermuthen, oder eigentlich beſſer, zu fürchten, daß er mich zu einer vornehmen Dame bringen werde, und machte ihm deshalb Vorſtellun⸗ gen meines Anzugs halber, welcher nichts weniger als ſalonmäßig war.
Er ſchien aber nicht auf meine Bedenken Acht zu haben, und ich ſelbſt beruhigte mich, als wir den Almendral jetzt kreuzten und uns gegen die See zu wendeten.
Feine Damen waren ganz zuverläſſig dort nicht zu fürchten, ich kannte dies bereits aus Erfahrung; als wir aber endlich auch die letzten hüttenähnlichen Häuſer der Stadt hinter uns hatten und die Sonne ſich eben in die Fluthen zu tauchen begann, ſagte ich lachend:
„Wo Teufels ſchleppen Sie mich denn hin? Hier wohnt ja keine ſterbliche Seele mehr.“
Er zeigte ſchweigend nach den reizenden Grup⸗ pen von dunklen, baſaltiſchen Felſen, welche dort kleine Buchten bilden, Höhlen und Plateau's, welche die höchſte Fluth nur eben benetzt und von denen aus man wundervolle Blicke auf Stadt und Hafen hat, und nachdem wir uns eine kurze Zeit durch das artige, kleine Felſen-Labyrinth hindurch gewunden hatten, ſtanden wir plötzlich vor einer kleinen Hütte ſtille.
Einige Körbe mit Obſt, vorzugsweiſe mit Aepfeln, ſtanden vor der Thüre auf dem Boden, und jetzt trat die muthmaßliche Beſitzerin aus derſelben.
Es war ein wirklich reizendes Geſchöpf, klein, wie faſt alle chileniſchen Frauen, mit dem blauſchwar⸗ zen Haare, den brennenden, funkelnden Augen, dem üppigen und dennoch ſchlanken Wuchſe, dem zierlichen Fuße und der noch zierlicheren Hand, welche faſt Alle beſitzen; aber alle dieſe trefflichen Eigenſchaften er⸗ ſchienen mir bei dieſem kleinen, geſchmeidigen Weſen auf die wundervollſte Art von der Welt zuſammenge⸗ ſtellt und jede derſelben ſchien nur vorhanden, um der andern als eine glänzende, liebreizende Folie zu dienen.
Novellen⸗Zeitung.
Da bekanntlich jeder Künſtler ein wenig Narr iſt, wenngleich nicht jeder Narr ein Künſtler, ſo be⸗ gann ich mich ſofort in das charmante, kleine Geſchöpf zu verlieben.
„Befehlen die Sennores von meinen Früchten?“ ſagte ſie jetzt mit einer wunderlieblichen Stimme und mit einem Ausdrucke der Unſchuld und Unbefangen⸗ heit, welche ich an dieſem Theile der Hafenküſte noch niemals getroffen.
Meine Leidenſchaft machte reißende Fortſchritte. Glebel aber ſagte:
„Nein, Sennorita Mercedes; nichts von Aepfeln und Orangen. Aber dieſer Herr, ein alter, langjäh⸗ riger Freund von drüben, wünſcht, Euch auf Euren nächtlichen Spazierfahrten zu begleiten.“
Die Sennorita ſchien keinen beſondern Anſtoß an der ziemlichen Unmöglichkeit einer langjährigen Bekanntſchaft mit mir zu nehmen, obgleich ich jenes⸗ mal ein blutjunges Bürſchchen war; ſie muſterte mich überhaupt auch nur mit einem flüchtigen Blicke, hef⸗ tete aber dafür ihre ſchwarzen Augen durchdringend auf Glebel, der ſeinerſeits beide Hände, nach Art der Herren Engländer, in ſeine Rocktaſche verſenkte und ſie ebenfalls ſtarr angaffte.
Sie ſchien indeſſen vollkommen befriedigt, ſchloß die Thüre ihres Häuschens, und nachdem ſie uns ein kleines, niedriges Bänkchen hingeſchoben, kauerte ſie
ſich, wie es hier gebräuchlich, mit dem Rücken gegen
die Lehmwand des Hauſes gelehnt, auf den Boden,
fertigte ſich mit der Geſchwindigkeit, welche man nur an der Weſtküſte kennt, eine Papiercigarre, und nach⸗
dem ſie dieſe an dem auf der Erde ſtehenden Kohlen⸗ becken— dem Braſero— in Brand geſetzt hatte, eröffnete ſie das Geſpräch.
„Kennt der Sennor Dieſes und Jenes?“
„Ausgezeichnet,“ ſagte Glebel;„es giebt keinen beſſeren Kenner von Dieſem und Jenem, als ihn.“
„Iſt der Sennor ein guter Schütze?“
„Berühmt als ſolcher in ganz Europa!“ erwi⸗ derte der Schneider.
„Kann der Sennor ſchwimmen?“
„Wie ein Fiſch!“ war Glebel's Antwort.
Die Sennorita betrachtete mich wohlgefällig und blies behaglich einige Rauchwolken in die Luft, wäh⸗
rend ich im Begriffe ſtand, ihr eine Süßigkeit zu ſa⸗
gen. Sie ließ es indeſſen nicht ſo weit kommen, ſon⸗ dern ſagte, wieder zu Glebel gewendet:
„Für den Nothfall kann der Sennor wohl auch⸗
rudern und ein Boot ſteuern?“
„Warum wird er das nicht verſtehen?“ verſetzte der Schneider mit dem Ausdrucke des Erſtaunens. „Er dient ſeit ſeiner früheſten Jugend zur See!“ 4


