Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
515
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Valparaiſo aufhielten, gaben mir allerlei künſtleriſche Aufträge, einfach aus dem Grunde, um mich auf eine anſtändige Weiſe zu unterſtützen; ich erhielt auch Einladungen von ihnen und ſie waren überhaupt Diejenigen, denen ich vorzugsweiſe mein Fortkommen danke.

Aber die Abende konnte ich nur ſelten in ihren Familien zubringen. Da man aber hier im Lande

des Abends auch nicht ⸗kneipt⸗, wenigſtens nicht auf

unſere Art und Weiſe, ſo wäre ich ohne Glebel ein Opfer der furchtbarſten Langweile geworden.

Bei ihm aber war ich ſtets willkommen, und häufig ſaßen wir, plaudernd bis tief in die Nacht, in ſeinem kleinen Hauſe oder vor deſſen Thüre, Pläne ſchmiedend oder der Heimath gedenkend.

Glebel war die ſonderbarſte Perſönlichkeit von der Welt; klein, hager und behende, beweglich und lebhaft, pflegte er nicht ſelten ohne alle weitere Ver⸗ anlaſſung Capriolen auszuführen und Luftſprünge zu machen, welche unabweisbar an den Vierfüßer erin⸗ nerten, mit welchem man einfältiger Weiſe ſeit alten Zeiten ſeine Collegen zu necken pflegt; ja er ahmte, befand er ſich in guter Laune, mit edler Selbſtver⸗ leugnung wohl auch deſſen Stimme nach.

Dabei beſaß er einen Gefälligkeitsſinn, der an das Krankhafte ſtreifte, beſorgte leidenſchaftlich gerne

Aufträge und Commiſſionen aller Art, und ſeine

größte Liebhaberei beſtand im Ertheilen von Rath⸗

ſchlägen, welche er unaufgefordert und ohne ſonder⸗

liche Wahl aller Welt zu ertheilen pflegte.

Sein lebhaftes Temperament und ſeine Gefäl⸗ ligkeit gegen Jedermann machte ihn beliebt bei ſeinen Nachbarn und chileniſchen Kunden, und man verzieh ihm, daß er einen Namen führte, den Niemand an der ganzen Weſtküſte auszuſprechen im Stande war, und den man auf die grauenhafteſte Weiſe verſtüm⸗ melte, ohne daß ihn das im Mindeſten zu kümmern ſchien.

An meinen künſtleriſchen Leiſtungen hatte Glebel außerordentliches Vergnügen. Er gerieth ſtets in Entzücken, wenn ich ihm des Abends mein Skizzen⸗ buch zeigte, und natürlicher Weiſe waren es die Far benſkizzen, welche ihm am meiſten zuſagten; daß es aber an guten Rathſchlägen nicht fehlte, läßt ſich den⸗ ken, und ebenſo, daß er an Sonntagen mit mir in die Berge lief, um mir hübſche Partien von Fern⸗ ſichten zu zeigen.

Ich hatte einmal verſucht, von der Höhe der Quebrada de Juan Gomez aus, welche jetzt mit rei⸗ zenden Villen bedeckt iſt, einen Theil von Valparaiſo

und der See im Mondlicht zu malen, und ſagte ihm, 4 ich ihm dieſe Stizze zeigte, daß ich wünſche, den

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Hafen, die Stadt und die Berge, mehr aber noch einen Theil der felſigen Küſte bei gleicher Beleuch⸗ tung zu ſkizziren, das heißt vorzugsweiſe die Licht⸗ effecte zu ſtudiren und mir die vorzüglichſten Töne zu bemerken, aber ich fügte bei, daß aus mir unbe⸗ kannten Gründen bereits zwei Fiſcher es mir ab⸗ geſchlagen hätten, mich bei Nacht hinauszurudern.

Ah, rief Glebel erfreut,das iſt herrlich, aus⸗ gezeichnet! Ich beſorge Ihnen das. Ganz famos be⸗ ſorge ich es Ihnen, und es koſtet Ihnen keinen Medio!

Das ließ ſich hören, und ich fragte ihn, ob er unter den Fiſchern vielleicht Bekannte oder Freunde habe.

Nein! verſetzte Glebel;Menſchen, welche nur dieſen lumpigen Poncho tragen und höchſtens alle zehn Jahre ſich ein Paar neue Hoſen anſchaffen, kön⸗ nen niemals die Freunde eines Schneiders ſein. Aber ich kenne ein Frauenzimmer, welches für nächtliche Spazierfahrten auf dem Waſſer ſchwärmt, und die nimmt Sie mit hinaus, wenn ich es ihr ſage.

Ein Frauenzimmer? verſetzte ich erſtaunt.

Ja, rief Glebelein Frauenzimmer, oder wenn Sie lieber wollen, eine junge Dame, am beſten aber eine Sennorita, wie ſie hier im Lande alle Schürzen heißen.

Es iſt aber doch ſonderbar, ſagte ich,daß eine junge Dame ſo beſonderes Vergnügen an nächt⸗ lichen Seefahrten findet. Was kann ſie damit be⸗ zwecken?

Glebel ſah mich mit einem mißbilligenden Blicke an.Pfui, wer wird ſo neugierig ſein? Aber ich will Sie ſogleich der Sennorita vorſtellen. Kommen Sie!

Die Sonne neigte ſich ohnedem bereits ſtark dem Meere zu, und da es Glebel nicht mehr auf einer Stelle litt, wenn er einmal einen Auftrag zu beſorgen hatte, ſo nahm er, was ſeine Gewohnheit war, wenn er ausging, ein Paar fertige Kleidungs⸗ ſtücke über den Arm, und wir machten uns ſofort auf den Weg.

Welche prachtvolle Streiflichter warf die ſinkende Sonne auf die unter uns liegende Stadt, und wie glänzte die See, vergoldet von ihren ſcheidenden Strahlen! Valparaiſo könnte in Bezug auf land⸗ ſchaftliche Schönheit eine nicht unbedeutende Neben⸗ buhlerin Rio Janeiro's werden, wären die Hügel, an und auf welchen es liegt, nicht kahl, verbrannt und faſt aller Vegetation baar. Aber nur an wenigen Stellen hat ſich einiges Geſträuch feſtzuſetzen geſucht, und unter dieſem ſpielen die Hauptrolle eine ſtachlige Diſtel und die Ortiga*), eine drei bis vier Fuß

*) Loasa acerifolia.