Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
475
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2.

Vierte

werfen oder mich in die Betrachtung der Schönheiten der lieb⸗ lichſten Landſchaft, auf die mein Auge je blickte, zu verſenken. In dieſer Art entfernten wir uns allmählich von unſern Ge⸗ fährten und nach Verlauf von ein paar Stunden befanden wir uns etwa drei engliſche Meilen von unſerm Boot und ganz allein. Das beunruhigte uns aber nicht im geringſten, denn Jeder von uns war mit einer Flinte, ein paar Piſtolen und einem großen Meſſer bewaffnet und wir glaubten daher, einem Jeden, der uns anzugreifen wagte, die Spitze bieten zu können.

Wir kamen an einen Bach, deſſen klares Waſſer von einer vomantiſchen Anhöhe in ſeinem Felſenbett unter einem Baldachin von Laubwerk, Gebüſch und Weinreben herab⸗ ſtürzte; und die Verſuchung, die Ufer desſelben eine kur⸗ ze Strecke in dem kühlen Schatten zu erforſchen, war zu groß, als daß wir ihr hätten widerſtehen können.

Wir wollen nicht weit gehen, Butler, ſagte mein Ge fährte zu mir,und überdies laufen wir dabei keine Gefahr uns zu verirren, weil der Bach uns immer wieder hierher zu⸗ rückführen wird.

Es kam mir nicht in den Sinn davon abzurathen, und ſo drangen wir ſofort in das dichte Buſchwerk ein. Anfangs ſchritten wir mit großer Vorſicht voran, und ich geſtehe, ich blickte in der uns umgebenden Düſterheit mit ziemlicher Furchtſamkeit um mich her, und mehr als einmal ergriff ich, wenn ſich irgend ein Geräuſch vernehmen ließ oder irgend ein Thier, das wir in ſeiner Ruhe geſtört hatten, durch das Gebüſch floh, mit zitternder Hand das Gewehr und hielt mit einem ſeyr zweifelhaften Muthe Stand; als wir aber bei dem weitern Voranſchreiten fanden, daß wir durch nichts beläſtigt wurden, und entdeckten, daß wenigſtens eins der wilden Thiere, die uns geängſtigt hatten, ein ſehr hübſches, kleines Reh war, ſo gewannen wir wieder Vertrauen und fühlten, daß der kühne Geiſt des rüſtigen Waidmanns von uns Beſitz nahm, der auseerrantrieh um Wildpret aufzuſuchen. Exwürde gar kein ſchlechteer Genanke ſein, Ned, ein⸗

e Kſches Fleiſch zu haben, ſagte mein Begleiter.

Ich dachte ſo eben ganz dasſelbe, entgegnete ich,und

hon unſre Flinten in keine große Entfernung reichen, ſo mögen wir doch glücklich genug ſein, wenn wir gut aufpaſſen, irgend ein Wild zu erlegen.

Wir hatten unſern Weg an dem Bache hinauf ohngefähr eine halbe Meile weit fortgeſetzt, als wir an eine Stelle ge⸗ langten, die an wilder, düſterer Schönheit Alles übertraf, was wir bis dahin irgendwo auf der Erde geſehen hatten. Wir hatten ſchon ſeit einiger Zeit den anhaltenden Ton von rauſchendem Waſſer gehört und waren darauf vorbereitet, unſer weitres Vordringen plötzlich durch einen Waſſerfall

aufgehalten zu ſehen; aber die Scene, die wir unerwarfet

vor uns ſahen, übertraf an maleriſcher Erhabenheit alle unſre Erwartungen.

Eine ſehr große Mauer von ſchwarzen, ſchroffen Fel⸗ ſenmaſſen erhob ſich plötzlich in einer Höye von 75 bis 100 Fuß vor uns, von der jede Seite ſo dicht mit Laubwerk bedeckt war, daß das Auge nicht durchzudringen vermochte. Von dieſer ſteilen Höhe ſtürzte ſich rauſchend, ſchäumend und brul lend das Gewaſſer hinab, an deſſen Ufern wir eben voran⸗ geſchritten waren, und das ſchäumende Waſſer fiel in eine Art von Becken von einer bedeutenden Tiefe, das mehr als funf⸗ zig Fuß im Umfang hatte, wo es wirbelte, Blaſen bildete und ſich zuletzt beruhigte und dann in ſeinem Bette, das bei⸗ nah einen ganz ebenen Canal bildete, weiter floß, bis es den nächſten Abhang erreichte, von wo es mit verdoppelter Schnel⸗

Folge. 475 ligkeit ſeinen Lauf den Berg hinab nach der ſalzigen Tiefe unten fortſetzte.

Um dieſes Waſſerbecken herum ſtanden rieſenhafte Bäume von einer außerordentlichen Höhe, deren ſehr große Aeſte ſich nach allen Richtungen ausdehnten und mit einander verwi⸗ ckelten und die ſo dick mit Blättern, Weinreben und mit einem langen, grünen, glänzenden Mooſe bedeckt waren, daß nicht ein einziger Strahl der heißen, ſenkrechten Sonne ſeinen Weg zu dem Waſſerbecken unten finden konnte, das ſelbſt zur Mit⸗ tagszeit auf ſeiner Oberfläche den tiefen Schatten einer nörd⸗ lichen Dämmerung trug.

Während ich auf dieſe maleriſche Stelle des Waldes blickte, wurde ich plötzlich daran erinnert, daß ich mich in einem Lande befinde, das mit vielen Gefahren drohe, denn mein Gefährte ſprang mit einem Schreckensſchrei einige Fuß zurück und ich befolgte inſtinctmäßig ſein Beiſpiel.

Um des Himmels willen, was giebt es? rief ich aus, indem ich mit zitternder Hand meine Flinte erhob.

Sieh! ſagte er, indem er auf eine bleifarbige Schlange mit einem platten Kopfe von einer ſehr giftigen Art wies, die ſich um einen Buſch gewickelt hatte und ſich nicht mehr als einen oder zwei Fuß von der Stelle, wo ſein Geſicht in dem Augenblick war, als er ſeine Entdeckung machte, in der Luft ſchwang.

Ich fühlte einen Schreckensſchauer bei dem Gedanken, daß er nur mit genauer Noth der Gefahr, gebiſſen zu werden, entgangen war. Ich näherte mich dem Reptil mit großer Vorſicht und hieb es mit meinem Meſſer herab, und es gelang mir, den giftigen Kopf desſelben mit dem Kolben meiner Flinte zu zerſchmettern. Kaum hatte ich das gethan, als mein Gefährte mir zurief, mich ganz ruhig zu halten, und ſo⸗ fort eine große Spinne von meiner Perſon entfernte, deren Biß, ſoviel ich weiß, ebenſo tödtlich geweſen ſein möchte, als der der Schlange.

Komm, ſagte ich mit einem Schauder von Furcht und Ekel,laß uns dieſen Platz ſofort verlaſſen.

Wir beſchleſſen indeſſen, die Anhöhe zu erklimmen, wenn ſich ein Weg fände, um den Gipfel zu erreichen, und zu dieſem Zweck drangen wir nrir Vörſicht in die Dſchungles ein. Nach Verlauf einer halben Stunde hatten wir unſre Abſicht erreicht, und als wir zuletzt auf dem Felſen über dem Waſſerfall ſtan⸗ den, wurden wir für unſre Anſtrengung durch eine pracht⸗ volle Ausſicht auf die See und einen großen Theil der Inſel reich belohnt. Ein Reh, das auf der andern Seite des Fel⸗ ſens unten durch die Büſche lief, zog nun unſre Aufmerkſam⸗ keit auf ſich und erweckte von neuem in uns den Wunſch nach friſchem Rehbraten, und ſofort begannen wir eine regelmäßige Jagd in dem Gedanken, daß wir, wenn uns das erblickte Reh entgehen ſollte, doch wohl ein anderes finden würden.

Das wurde die Veranlaſſung zu großer Angſt und Noth, denn während wir das Rey eifrig verfolgten, verirrten wir uns bald in den Dſchungles; und als wir uns endlich ent⸗ ſchloſſen, nach der Bai zurückzukehren, ſo ſtellte es ſich ſpäter heraus, daß wir gerade den ganz entgegengeſetzten Weg ein⸗ geſchlagen hatten und immer tiefer in die Wälder eingedrun⸗ gen waren. Anfangs glaubten wir auf dem rechten Wege zu ſein und fühlten dayer gar keine Beſorgniß; nachdem wir aber ein paar Stunden marſchirt waren, ohne irgend eine Spur von der See zu entdecken, kamen wir an den Rand eines großen Sumpfes, um den ringsherum eine ſolche üppige Vegetation herrſchte, wie man ſie in der Regel in der Tiefe eines unerforſchten Urwaldes findet. Bei dieſem Anblick ſtanden wir ſtill und blickten einander forſchend an, während

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