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470 Novellen
antwortete Frederic und ſchritt, ſeine Verblüfftheit kunſtvoll verbergend, zur Thür hinaus.
Livia warf ſich auf einen Stuhl. Sie konnte nicht weinen, ſelbſt nicht einmal ſeufzen— viel we— niger denken. Als ihr Blick zufällig ſeitwärts fiel, ſaß an einem Tiſche ein kleines, ſchlankes Mädchen mit dichtem Haar neben einer Kerze und ſtarrte ſie an— ihr Bild.
Gleich einem Rehe, das urplötzlich aus dem Dickicht auf den mit Lauben, Guirlanden und farbig ausgeputzten Netzen verſehenen Schießplatz geräth, blickte Livia um ſich. Ihre erſte Sorge war, ſich Gewißheit darüber zu verſchaffen, daß ſie hier nicht in Gefangenſchaft gerathen ſei. Livia eilte nach den Flügelthüren des Saales— ſie waren angelehnt, wie der Diener ſie verlaſſen hatte. Die Thüre, welche vom Schlafcabinet nach den inneren Gemächern des Schloßflügels führte, war verſchloſſen; aber inwendig ſteckte der reichverzierte, alterthümliche Schlüſſel. Die Fenſter des Cabinets waren geöffnet; der friſch her⸗ einquellende Nachtwind ſpielte mit den goldfäden⸗ durchzogenen, klaren Vorhäͤngen eines in eine meer⸗ grüne, flache Niſche geſtellten Bettes.
Frei war Livia alſo und ihre erſte Empfindung war, von dieſer Freiheit den meiſten Gebrauch zu machen— das heißt, ſo ſchleunig als möglich ſich zu entfernen. Gewiß konnte ihr der Park kein ernſtliches Hinderniß der Flucht entgegenſtellen; ſie hatte bei ihrer Ankunft einen ſchmalen, obwohl tiefen, trocke⸗ nen Graben und eine etwa vier Fuß hohe Mauer— dieſelbe, welche den Park einſchloß— ſehr wohl be⸗ merkt. Der tiefe Schloßgraben reichte nur bis unter die Fenſter des Schlafcabinets und ließ die ganze Fronte des Flügels, die nach dem Parke ſchaute, frei.
Die Nacht war zauberiſch mild, lockend mit ihren Nebeltalaren. Wenn Livia ſofort ſich aufmachte, würde ſie noch vor dem tiefen Niederſinken des Mon⸗ des den Meilenzeiger an der Heerſtraße erreichen— dort ſaß, das fühlte ſie mit überzeugender Gewalt, der alte Maeſtro, genau auf der Stelle, wo ſie ſelbſt geſeſſen hatte, den Hut über's Geſicht gezogen und tief in ſeine bitteren Empfindungen verſenkt. Die er⸗ ſten Augenblicke ſeines Zornes mußten tapfer ertragen werden— dann aber, wie ſelig würde ſie Derjenige bewillkommnen, der ſie mit ſolchem grauſamen Weh' im Herzen verlaſſen hatte!
„Auf!“ ſagte Livia,„und fort von hier! Was auch der Maeſtro geſagt haben mag, hier iſt nicht mein Platz! Ich erinnere mich nie, einem Verbrecher in's Auge geblickt zu haben, aber Graf Oldersloo hat den kalten, dämoniſchen Blick eines Menſchen,
der kein Geſetz, als ſeinen eigenen Willen achtet!
„Zeitung.
Ahnungen ſchrecklicher Ereigniſſe gehen in mir auf, wenn ich daran denke, daß ich hier länger verweilen ſoll.“—
Ihr Blick fiel auf die Schätze, welche der Maeſtro Livia als Ausſtattung gegeben hatte. Stets hatte Tonno die bitterſte Verachtung gegen Alles zu erken⸗ nen gegeben, was Reichthum und Pracht hieß. Er war durch Livia's Bitten nie zu bewegen geweſen, auch nur einige Groſchen auf das Bedürfniß der näch⸗ ſten Tage zu ſammeln. Welche gewaltige Urſachen mußten eingetreten ſein, um den eiſenköpfigen Muſi⸗ ker zu zwingen, aus ſeiner langjährigen Verborgenheit hervorzutreten, öffentliche Concerte zu veranſtalten und eben für den Zweck, Geld zuſammenzuraffen, ſeine Pflegetochter mit all dem Prunk auszuſtatten, den der Capellmeiſter in tiefſter Seele haßte! Sollte Livia hier ihre Kleider, ihren Schmuck zurücklaſſen, oder mit ihren Schätzen fliehen?
Kleinliche Umſtände, wahre Nebenſachen üben oft auf die wichtigſten Entſchlüſſe einen entſcheiden⸗ den Einfluß aus. Was der Maeſtro ſo lange und ſo bitter gehaßt und verachtet hatte— Livia durfte es nicht haſſen oder gar verachten; denn es war eine Gabe, welche Tonno ſich ſelbſt nach gewiß ernſten Kämpfen abgerungen hatte. Und der Zoeck dieſes Opfers war kein anderer geweſen, als daß Livia auf Schloß Oldersloo ſich einbürgern ſollte!
Sie mußte hier bleiben!
Die Jugend iſt muthig, unverwüſtlich hoffnungs⸗ reich! Auch Livia faßte Muth und wagte es, über die erſten künftigen Tage ihres Aufenthalts auf Ol⸗
dersloo hinauszuſchauen. Stand ihr ſpäter die Flucht
nicht eben ſo wohl, wie in dieſer Nacht offen? Wer konnte ſie, wenn ſie doch nicht hinter Schloß und Riegel gebracht werden ſollte, ſo genau bewachen, daß ſie nicht den Weg in's Freie fand? Sie blickte ſeitwärts, wo die Geige lag. Raſch ging ſie vor⸗ wärts, nahm das Inſtrument und ſetzte dasſelbe, wie liebkoſend, an ihren zarten Hals, indeß ſie, als wolle ſie eine Cadenz marquiren, den Bogen aufrecht hielt und vibriren ließ. Sanft hüpften die Finger auf den Saiten und die Pizzicati zwitſcherten leiſe, wie die Toͤne der Schwalben am früheſten Morgen.
„Gute Nacht, amica mia,“ flüſterte Livia, die Geige zur Seite legend.„Du wenigſtens haſt mich nicht verlaſſen; du wirſt mir getreu bleiben, du haſt Muth, um mit mir den kommenden Ereigniſſen zu trotzen!“
Livia ſetzte ſich auf einen der ſchwellenden Di⸗ vans. Ihre Gedanken fingen an, in’'s Unermeßliche zu ſchwimmen.(Fortſetzung folgt.)
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