Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
457
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Vierte

die gefährlichen Höhen der Grammatik; ich kehre auf unſereWelt, d. h. auf unſere Pariſer ſogenannte tonangebende Geſellſchaft zurück.

UnterWelt verſteht man die Elemente, die an Winterabenden eine Soirée bilden, mit anderen Worten: eine Verſammlung gebildeter, oder wenig⸗ ſtens anſcheinend gebildeter, erwachſener, höflicher Herren und Damen, die an einem beſtimmten Abend in dem Empfangszimmer einer beſtimmten, wenig oder gar nicht bekannten Familie planlos zuſammen⸗ treffen, die ſich weder kennen noch kennen lernen, mit einander aber verkehren müſſen, die ſich nach Herzens⸗ luſt langweilen, aus Anſtand, Höflichkeit und Pflicht⸗ gefühl aber ſtets lächeln. Das nennt man dieWelt.

Der Verkehr in dieſer Welt und mit dieſer Welt,

der auf gegenſeitiger Zuvorkommenheit und Höflichkeit beruht, iſt für jeden Menſchen, der einen ſchwarzen Frack tragen kann, ohne dabei wie ein Confirmande oder Schulmeiſter auszuſehen, äußerſt leicht. Man braucht ſich weder in Knigge'sUmgang mit Men⸗ ſchen, noch in Alberti'sComplimentirbuch zu ver⸗ tiefen; wenn man zu ſchweigen und zu lächeln weiß, iſt man ein gemachter Mann. Der ganze geſellſchaft liche Verkehr beruht auf Höflichkeit, auf Zuvorkom⸗ menheit, und ich finde gern in dieſer liebenswürdigen Eigenſchaft der Pariſer die Urſache, eine Erklärung und Entſchuldigung für ihre grauſenhaft langweiligen Geſellſchaften. Das ſieht aus wie ein Paradox, iſt aber nichts weniger als das.

Es iſt ſicherlich ein ernſtes Gebot der Höflich⸗ keit, ſich in einer Geſellſchaft, die man nicht kennt, über das allgemeine Niveau nicht zu erheben. Es iſt höflich, nicht als geiſtreiche Ausnahme zu glänzen, es iſt höflich und ſchicklich, ſein Licht unter den Schef⸗ fel zu ſtellen, ſeine Violine mit der allgemeinen Stimmung in Einklang zu bringen. Das weiß ein jeder Pariſer, der den Salon betritt; ein Jeder rich⸗ tet ſich nach dem Andern, verſchluckt ſeine Witze, weil der Nachbar noch keinen komiſchen Einfall gehabt hat, und ſteigt von ſeiner etwaigen Höhe ſo tief herab, bis er Niemanden mehr unter ſich weiß, bis auch er auf der troſtloſen Ebene der Alltäglichkeit und Ge wöhnlichkeit, wo der Geiſtesärmſte ſein unheimliches Weſen treibt, allgemach angelangt iſt. Da ſich der Geiſtesarme über ſeinen beſchränkten Horizont nicht erheben kann, muß ſchon aus Höflichkeit der Geiſtes⸗ reiche zu ihm herabſteigen, und daher die ſonderbare Erſcheinung, daß Paris, d. h. die Stadt, die nicht nur einer Mythe zufolge aus den luſtigſten, ausge⸗

laſſenſten, witzigſten Elementen beſteht, daß dieſes

frivole Lutetia die kläglichſten, langweiligſten und trockenſten Geſellſchaften giebt, die man ſich denken kann.

Folge. 45⁵7 Uns wird nun freilich aus alten Zeiten Wun⸗ ders viel erzählt von jenem behenden, leichtfüßigen, etwas hochgeſchürzten, aber doch reizend⸗graziöſen Pa⸗ riſer Salongeiſte, dem wir Deutſchen vernünftiger⸗ weiſe ſeinen heimathlichen und charakteriſtiſchen Na⸗ menEsprit gelaſſen haben. Dieſer Esprit, der wie die Lorette nur unter dem Pariſer Himmel gedeiht, iſt auch durchaus nicht verloren gegangen, was kurz⸗ ſichtige Peſſimiſten auch behaupten mögen. Nur hat er ſich aus den Salons geflüchtet und iſt in die Ver⸗ traulichkeit übergegangen, wo er ſich gewiß nicht nach ſeiner früheren Heimath zurückſehnt. Es giebt noch heutzutage eine ganz anſehnliche Zahl von Leuten, die dieſen wahren Pariſer Salongeiſt von gutem Schrot und Korn beſitzen, nur hüten ſie ſich wohl und weislich, dies in der Geſellſchaft ruchbar werden zu laſſen; ſie ziehen es vor, der allgemein anerkann⸗ ten Lebensregel zu folgen, ſich nicht hervorzuthun, unbeachtet, ungeſtört und ohne Jemanden zu beach⸗ ten noch zu ſtören, ihre Phyſiognomie in dieſelben bräuchlichen Falten zu legen, ihren Frack bei demſel⸗ ben Schneider zu beſtellen, ihr Geſpräch in derſelben Weiſe zu führen, wie die ganze nichtsſagende Umge⸗ bung um ſie herum, als in der Eigenſchaft geiſtreicher Flegel die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, und durch geiſtige Ueberlegenheit gleichzeitig auch einen entſchiedenen Mangel an Taktgefühl und Schonung, die wir Alle einander ſchulden, die alſo auch der Weiſe dem Narren ſchuldet, an den Tag zu legen.

Wenn alſo jemals der Gedanke der idealen Gleich⸗ heit einen traurigen Ausdruck gefunden, ſo iſt dies ganz gewiß in dem Pariſer Salon der Fall. Alles i*ſt gleichartig, einförmig, ein jedes heterogene Ele⸗ ment wird verurtheilt und ſondert ſich aus, wenn es nicht ausgeſondert wird. Die Leute, ihr Geſpräch, ihre Verbeugungen, ihr Lächeln, ihr Tanzen, ihre Kleider, Alles iſt nach demſelben Muſter zugeſchnit ten. Deshalb plaudert man auch nicht, man ſpricht nicht einmal, man ſagt her und lächelt, und lächelt dabei mit demſelben verzweifelnden Lächeln, das einen nervöſen Menſchen raſend machen könnte, wenn es nicht eben lächerlich wäre.

In demſelben Fracke, der von demſelben Schnei⸗ der, mit derſelben Scheere, nach derſelben Mode zu⸗ geſchnitten, in denſelben ſchwarzen Beinkleidern und gleichfarbigen Weſten, von derſelben weißen Binde zuſammengeſchnürt, bewegt ſich mit derſelben Correct⸗ heit derſelbe junge Mann. In demſelben tief, zu tief und noch tiefer ausgeſchnittenen Kleide, denſelben Fächer in derſelben Hand, ſitzt mit demſelben freund⸗ lichen Lächeln auf demſelben Seſſel in zahlreichen Ver⸗

vielfachungen dasſelbe blumengeſchmückte, mit Poudre

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