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„„Es giebt auf einem unermeßlich kleinen Theil⸗ chen der großen Welt in ihrem kleinſten Theile ein Bruchtheilchen, auf dieſem Bruchtheil ein Fleckchen, das jetzt Paris heißt, und auf dieſem Fleckchen eine ge⸗ wiſſe Anzahl von Erdenbewohnern, deren kleine Mi⸗ norität ſich ohne Scheu getroſt„die Welt“(le Monde), ja ſogar die„große Welt“, die„ſchöne Welt“ zu nennen beliebt. Wie die Pariſer gebildete Geſellſchaft dazu gekommen iſt, ſich den unerhört prätentiöſen Namen der„großen Welt“ beizulegen, iſt mir ſtets ein Räthſel geblieben. Vergeblich habe ich mich an gar gelehrte Franzoſen gewandt, um den Urſprung dieſer befremdenden und ungenauen Bezeichnung zu erfahren; vergeblich habe ich das Wörterbuch der Akademie um Aufſchluß gebeten, vergeblich eine in⸗ tereſſante Abhandlung„über den Genius der fran⸗ zoͤſiſchen Sprache und über Gallicismen“ nachgeleſen, die Etymologie dieſer vermeſſenen Hyperbel iſt mir immer unklar geblieben.
Die Zeit, wo das Wort„monde“ ſynonym mit „guter Geſellſchaft“ wurde, ſcheint in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu fallen. Die Schriftſteller aus der Zeit Ludwig's XIV. gebrauchen das Wort „monde“, meines Wiſſens, noch nicht in dieſem enge— ren Sinne. Ich erinnere mich nicht, in einem Buche aus dieſer Zeit Phraſen wie„Je vais dans le monde“, „un homme du monde“ u. ſ. w. gefunden zu haben, wohl aber hat La Bruyère in ſeinen„Charakteren“ ein langes Capitel geſchrieben, welches die Schwächen und Sonderbarkeiten in dem geſellſchaftlichen Verkehr ſeiner Epoche geißelt und das er„De la ville“ über⸗ ſchrieben hat. Ein franzöſiſcher Schriftſteller aus un⸗ ſerer Zeit würde dieſe Abhandlung entſchieden„Du monde“ betitelt haben. La Bruyère ſpricht darin von„femmes de la ville“,„moeurs d’ la ville“ u. ſ. w. und verſteht darunter offenbar nur die Frauen aus der Geſellſchaft, die Sitten in der Geſellſchaft. Die Gleichbedeutung des Wortes„la ville“ mit dem heute üblichen„le monde“ hat ſich noch in einigen weni⸗ gen Redensarten bis auf den heutigen Tag erhalten.
Auch am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ſcheint das Wort„le monde“ noch nicht gebräuchlich für„Geſellſchaft“ geworden zu ſein. Montesquieu wendet„le monde“ nur in des Wortes alter und eigentlicher, niemals in der neuen und übertragenen Bedeutung an. Aber wenige Decennien nach dem Dahinſcheiden dieſes ſcharfen Beobachters erzählt uns Mercier in ſeinem„Tableau de Paris“(1782 bis 1788) plötzlich Ausführliches und Intereſſantes„de la langue du monde“,„du ton du monde“, d. h. über die in der Pariſer Geſellſchaft übliche Sprache, über den daſelbſt herrſchenden Ton, ohne der Revolution,
Novellen⸗Zeitung.
die die Sprache durchgemacht hat, und ohne der Ei⸗ genthümlichkeit in der von ihm gebrauchten Bezeich⸗ nung gewahr zu werden. Dieſer Ausdruck iſt ſchon zu Mercier's Zeiten ſo gang und gäbe geworden, daß das Uebertriebene, Aufgeblaſene darin die Fran⸗ zoſen gar nicht mehr verletzt. Und dieſer Mißbrauch geht über ein halbes Jahrhundert in der franzöſiſchen „Welt“ ruhig und unbeachtet vorüber. Man geht in die„Welt“, man empfängt die„Welt“, man bewun⸗ dert die ſchöne und reiche„Welt“, und man bemerkt gar nicht, daß dieſe kosmopolitiſchen Ausdrücke nichts als ein Deckmantel für den dürftigſten, beſchränkteſten Particularismus ſind, bis endlich einem großen Schrift⸗ ſteller unſerer klugen Tage, einem Dichter mit eini⸗ gen verſchrobenen Ideen, aber vielen hervorragenden Eigenſchaften, der Frau George Sand, die dünkel⸗ hafte Unnatur dieſes großen Wortes für eine kleine Sache auffällig wird.
In einem„Briefe an den Teufel“ ſpricht ſich die ſcharfſinnige Frau Sand ungefähr in folgender Weiſe über ihre Entdeckung aus:„Im Schooße von Paris lebt eine freie und im Genuß ihrer Empfin⸗ dungen ohne Ideal beglückte Geſellſchaft. Man nennt das die ⸗Welt⸗. Was ſagſt Du, freier Segler in den Sphären der Unendlichkeit, dem die ganze große Unendlichkeit, dem die ganze große Erde wie ein ver⸗ lorenes Pünktchen im ungeheuren Raume erſcheint, was ſagſt Du zu dieſem ehrgeizigen, eingebildeten Namen? In einem kaum bemerkbaren Theilchen die⸗ ſes Atoms Erde giebt es nun eine kleine Kaſte, die ihren frivolen Vereinigungen, ihren Feſten ohne Geiſt, ohne tiefern Sinn, den Namen sdie Welt⸗ beilegt, und ein jedes ihrer Individuen ſagt, wenn es ſich in den Wagen ſetzt, um ſich in einigen Gruppen von Müßiggängern begaffen zu laſſen, die in gewiſſen Salons der ßen Arbeits- und Elends⸗Stadt ver⸗ kehren:»Ich gehe in die Welt«, aich beſuche die Welt», zich bin ein Weltmann⸗.“ 3
Das zuletzt gebrauchte Wort„Weltmann“ iſt ſeit einiger Zeit auch in die deutſche Sprache übergegan⸗ gen; aber es iſt deſſenungeachtet nichts weniger als deutſch, es iſt und bleibt eine freilich wörtliche, aber ſehr unbeholfene Ueberſetzung des franzöſiſchen „homme du monde“, die dem Geiſt der deutſchen Sprache widerſtrebt. Ebenſowenig wie wir eine Frau aus der guten Geſellſchaft eine„Weltfrau“ nennen können, ebenſowenig ſollten wir einen Mann aus der guten Geſellſchaft mit der unſinnigen Beneunung „Weltmann“ beehren. Wir haben keine„Weltmän⸗ ner“, keine„Weltfrauen“, weil wir keine„Welt“ in der franzöſiſchen Bedeutung dieſes Wortes haben.
Man verzeihe dieſen unwillkürlichen Ausflug in
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