452 Novellen „Du willſt mich hier, hier einſam zurücklaſſen?“ flüſterte ſie nach langem Schweigen.
Der Maeſtro griff in ſeine Taſche und brachte eine zerknitterte Zeitung heraus.
„Kannſt Du das hier leſen?“ fragte er.„Wende das Blatt gegen das Mondlicht. Hier ſteht's,— hier!“
Livia blickte mit blitzendem Auge auf die bezeich⸗ nete Stelle.
„Es ſteht da: Geſellſchafterin geſucht!“ ſagte der Alte eifrig;„für eine vornehme Herrſchaft geſucht. Haſt Du die Zeile gefunden?“
„Hier iſt ſie!“
„Lies, lies, Signorina!“„
„Aber was geht mich das an, was hier gedruckt ſteht? Ich mag dies gar nicht wiſſen.“..
„Lies, ſage ich Dir!“.
Und das Mädchen las langſam mit bebender Stimme:„Geſellſchafterin geſucht! Für eine vor⸗ nehme Dame im blühenden Alter wird ein Geſell⸗ ſchaftsfräulein zum ſofortigen Antritt geſucht. Salär, bei völlig freier Station, Thaler Gold 100. Ver⸗
langt wird: Tadelloſer Ruf, Kenntniß des 3e
ſiſchen und Italieniſchen, Muſik, Ausbi ung in der Tanzkunſt und Declamation, dunkles Haar, dunkle Augen. Adreſſen frankirt: Graf Oldersloo auf Ol⸗ dersloo und Moora.“
„Richtig!“ ſagte der Maeſtro.„Auf Oldersloo und Moora. Ein ſchöner Name, ein verlockender Name. Was meinſt Du, Livia? Das klingt wie Italien! Corpo de Cristo! Thut es das nicht?“
„Maeſtro, Du meinſt, ich ſolle dieſe Geſell⸗ ſchaftsdame ſein?“ fragte Livia ſtaunend.
4„Wer denn ſonſt?“
„Zerlumpt, wie ich bin? O, wie iſt mir mein
zerriſſenes, abgebleichtes Kleid in dieſem Augenblicke
Zeitung.
Heimath, als das Grafenſchloß! Geh', wenn Du es wagſt!“
„Gut, Livia! Sehr gut!“ murmelte der Alte. „So gefällſt Du mir! Merke Dir's, wie Du jetzt ſprichſt, wie Du ſtolz mir gegenüber ſtehſt und die Hand gebietend ausſtreckeſt! Merke Dir's! So ſprich mit dem Grafen von Oldersloo, ſo ſprich mit ſeiner Gemahlin, ſo zeige Dich der vornehmen Dame im blühenden Alter⸗ gegenüber!“
„O Maeſtro,“ ſagte Livia mit verſchloſſenem Tone,„ich laſſe Dich nicht! Haſt Du ein Recht ge⸗ habt, mich als Deine Seclavin zu behandeln, mich mit Dir umherzuſchleppen, nach Frankreich, über die Alpen, nach Italien und jetzt hierher in dieſen öden, deutſchen Norden,— ſo haſt Du auch eine Pflicht, auf meine Worte zu hören.“
„Umgekehrt! Gentilissima; ich hatte eine Pflicht, Dich zu ſchulen, Dich nicht aus den Augen zu laſſen, und beſitze ein Recht, mich um Deinen Willen nicht,* zu bekümmern. Allegro! In einer Stunde müſſ⸗e wir auf Schloß Oldersloo ſein.“ 1
Ein lautes Aufkreiſchen antwortete dem Maeſtro. ivia war ſeitwärts geſprungen und der Alte hatte— ich raſch erhoben.
Eine rieſenhafte Mannsgeſtalt war raſch aus dem Tannendunkel hervorgetreten und warf auf den Alten und das Mädchen prüfende Blicke.
Der Fremde war barhäuptig. Sein Haar war ſcharf an der Haut weggeſchoren; Kinn und Lippen zeigten den Schatten eines kurzen, grauen Ba die Athletenſchultern waren von einer grauen umſchloſſen; dieſelbe Farbe hatten die weiten, kaum bis unter die Waden herabreichenden Beinkleider; Unterſchenkel und Füße waren nackt.
„Gute nd!“ ſagte der Ankömmling, welcher
ſo lieb! Gewiß, Du kannſt nicht den Gedanken he⸗ gen, mich einer vornehmen Dame als ihre Geſell⸗ ſchafterin vorzuſtellen.“.
„Hat die Dame getänſcht, ein Kleid als Geſell— ſchafterin zu haben?“ fragte der Maeſtro ſchneiden „Knüpfe Dein Tuch um; der Nachtwind macht ſich auf und wir haben keine Zeit zu verlieren!“
„Du willſt mich jetzt, jetzt nach dem Grafen⸗ ſchloſſe bringen, Maeſtro?“
„Si, Signora!“
„Es ſind noch zwei Stunden bis Mitternacht— ſieh' den Himmelswagen an!“
„Gut! Eben recht! Ganz wie ich wollte!“
„Ich gehe nicht mit zu Deinem Grafen, Deinem Schloſſe Olderslool“ rief das Mädchen heftig.„Geh, verlaß mich! Die Heerſtraße iſt mir eine beſſere
einen kleine am Arme trug, mit tiefer Stimme. „Wenn Ihr Euch zanken wollt, ſolltet Ihr nicht ge⸗ rade eine Stelle wählen, wo ein müder Menſch ſich zur Ruhe niedergelegt hat. Mir iſt Alles egal, aber draußen hat Jeder gleiches Recht.“ 2 „Recht? Wie heißt das Recht?“ fragte der Maeſtro, den Mann ohne das geringſte Zeichen von Ueberraſchung oder Furcht betrachtend. Der Mann fuhr mit ſeiner rieſenhaften Hand
„Camerad, das iſt eine kitzlige Frage! Kann
mir auch egal ſein, denn da ich einmal aufgeweckt † RRnn.
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wurde, hat's mit dem Einſchlafen gute Weile. Ihr ſcheint verteufelt armes Volk— Juden, nicht wahr? Habt Ihr einen Biſſen Brod für mich— koſcher ode nicht— mir egal!“ 4 Livia blickte den Maeſtro fragend an.
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über das tiefgefurchte Antlitz. 5
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