Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
438
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Moth begann zu weinen, und ſprach:Gott

muß helfen!

Schau einmal in die Hütte, geliebter Leſer, in der vor mehreren Jahren der alte Nathanagel Drude geſtorben. Da ſieht es anders aus, als in der verfloſſenen Zeit. Kaum iſt die große Wohnſtube zu erkennen. Das alte zerbrechliche Mobiliar, das mit Stroh gefüllte Bett verſchwanden nach und nach und machten einer ſorgſameren Ausſtattung Platz. Als einziger Ueberreſt aus alter Zeit blieb das an der Wand hängende Chriſtusbild. Die Vorderfronte des Hauſes ſteht grade gerichtet, das Dach iſt neu be⸗ rohrt, das Fenſter größer und mit neuen Scheiben verſehen; kurzum, die gründliche Ausbeſſerung deutet auf Wohlhabenheit ſeiner Bewohner.

Vor einiger Zeit kam Benjamin aus Berlin zu⸗ rück. Fleiß, Thätigkeit und Glück bei der Bernſtein⸗ fiſcherei geſtattete ihm den Ausbau des Hauſes, das er und ſein jetzt ſchon dreizehnjähriger Bruder von den Eltern geerbt denn auch die alte Mitſch war heimgegangen. Der Bruder David hatte weſent⸗ lich zu dieſem aufwachſenden Wohlſtande beigetragen und war in allen Stücken behülflich, wenngleich er nichts mehr als ſeine materielle Kraft mit einzuſetzen vermochte. Ihrer Arbeitſamkeit und Sparſamkeit hal⸗

Novellen⸗

ber kannte man die Brüder auf der ganzen Nehrung und ſie genoſſen in allen Kreiſen die ungetheilteſte Achtung und Liebe.

Daß Benjamin nicht heirathete, fiel Allen ſehr auf, denn es fehlte ihm nicht an Exiſtenz und guten Partien. Fragte man ihn, ob er nicht bald in den Eheſtand treten wolle, ſo ſagte er:Ich heirathe nie, durch mich würde kein Mädchen glücklich werden.

Die meiſten Frauen, namentlich die Mütter hei⸗ rathsluſtiger Töchter, ſchüttelten den Kopf und mein⸗ ten:Die Zeit wird ſchon kommen.

Die Zeit kam nicht.

David kannte ſeinen Bruder genauer als Alle. Benjamin's öffentlich zur Schau getragene Fröhlichkeit fehlte ihm ſtets in den vier Wänden. Hier ſaß er meiſtens in ſich gekehrt, mürriſch und übellaunig aber ſo kam er aus Berlin zurück, ſo war er gewe⸗ ſen, ſo blieb er und ſprach zu Hauſe oft Tage lang keine Sylbe,

Am meiſten fiel es David auf, daß Benjamin allabendlich, beſonders aber in unbelauſchten Augen⸗ blicken, große Correſpondenzen führte, die er ſorgſam in einer verſchließbaren Commode, zu der er ſelbſt den Schlüſſel bei ſich führte, verbarg. Nie hatte er dieſe Schriftſtücke geſehen, nie eine Ahnung von de⸗ ren Wichtigkeit gehabt. David, ein halbes Kind,

Jeitung.

erzählte das ſeiner nächſten Nachbarin, der Frau Tens. Dieſe lachte und ſagte:Glaub' nur er ſchreibt Liebesbriefe.

Bald darauf hieß es im Dorfe:Benjamin wird heirathen er hat in Berlin eine reiche Braut.

Die Maitage auf der friſchen Nehrung ſind rauh und kalt, ja nicht ſelten friert es in den Nächten Eis; aber einen kalten Mai ſieht der Landmann in un⸗ ſerer Gegend gern und es herrſcht hier das allbekannte Sprüchlein:Mai kalt und naß, füllt den Bauern Scheune und Faß.

Auch die Bernſteinfiſcher lieben einen kalten, ſtür⸗ miſchen Mai; dann rollt die See, dann giebt's Schaſch und Fiſche.

Heute war auch ſo ein rechter Bernſteinfiſcher⸗ tag. Die Oſtſee brauſte von Norden her auf den nackten, ſandigen Strand, und Alt und Jung zog mit fröhlichem Geſang meerwärts hinaus über die Dünen; natürlich fehlten dabei auch nicht die Glücks⸗ brüder David und Benjamin.

Benjamin beſaß heute wieder ſeine üble Laune. Bis nach Mitternacht hatte er ſeine geheimnißvolle Correſpondenz geführt und erſt gegen Morgen ſuchte er das Bette auf.

Gewiß heirathet er nächſtens, dachte David; aber wie wird's mir dann gehen?

Als die Brüder mit den übrigen Fiſchern hin⸗

ausgingen, ſagte Benjamin zu David:Bruder, ich

habe Dir noch etwas zu ſagen!

David ſtutzte.Nun kommt's, meinte er.

Erſchrick nicht, fuhr Benjamin fort.

Du machſt mir bange.

Wenn ich einmal ſterben ſollte, findeſt Du in der Commodenſchieblade einen Brief an Moth Grin⸗ gelmann.

Was ſicht Dich an?

Nichts, mein Junge; wir ſind Alle ſterblich und

wie mancher Fiſcher wurde ſchon ein Opfer der See!

Abends verbreitete ſich im Dorfe die Kunde,

daß Benjamin Drude in der See beim Bernſteinfiſchen

ertrunken ſei.

Es war ein herrlicher Maitag. Deshalb verließ Moth ihren Pflegevater, um ihr Lieblingsplätzchen im Walde aufzuſuchen.

Ich muß auf den Kirchhof gehen, ſagte ſie. Sie ging ja auf den Kirchhof ihrer Liebe.

Wie lieblich war's in der Haide! Der Abend⸗ ſonnenſtrahl tanzte über die Baumwipfel und warf ſeine neugierigen Blicke durch das Nadeldach, als wolle er auf der Jungfrau Herzeleid ſchauen, die be⸗

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