Vierte
de, ſo theilen wir gern die obige Beſchreibung mit, welche den ſo eben erſchienenen italieniſchen Erinnerungen Kirch⸗ mann's in gekürzter Geſtalt enthoben wurde. 6.
Luxus.
„Wo fängt der Luxus an? Wo hört er auf?“ fragte Edmund Texier in der„Chronique hebdomadaire.“„Jede Erfindung, jede Neuheit iſt ein Luxus. Das Fleiſch auf unſeren Tafeln iſt ein Luxus für den Bauer. Den Edelleu⸗ ten des Mittelalters dünkten einige leinene Hemden in dem Brautkorbe ein großer Luxus zu ſein. Moraliſten des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts jammerten über den großen Luxus, daß man Kamine baute. Wenn man die Geſchichte der Civiliſa⸗ tion durchgeht, ſo findet man, daß Alles einmal Luxus geweſen i*ſt ſeit dem erſten von Tubalkain geſchmiedeten Stück Eiſen bis zu dem drei⸗ oder fünfreihigen Halsband, welches des Abends auf den Schultern der Büßerinnen des ehrwürdigen Pater Felix funkelt. Uebrigens ſollen die Bemerkungen, die ich mir erlaube, den Sittenpredigern durchaus nicht zu nahe treten. Sie empfehlen chriſtliche Einfachheit und Demuth, und ſie können nichts Beſſeres thun; der Luxus, bis zur Raſe— rei getrieben, kann allerdings den Untergang einer Nation
verurſachen. Die Welt hat dieſen Luxus ſchon erlebt; man
denke an die bekannte Perle der Cleopatra, deren Werth die Einkünfte eine Provinz aufwog, an Lucullus, der aus ſeiner Tafel einen neuen Cultus für die Römer ſchuf, an die Pro⸗ conſuln, welche ihre Fiſche mit dem Fleiſche ihrer Selaven mäſteten, an die Orgien der Nachfolger Cäſar's. Die Ge⸗ ſchichte Julius Cäſar's, die jetzt von aller Welt geleſen wird, wird uns ohne Zweifel das große Feſt des Beſiegers der Gallier wieder ſchildern, bei welchem er den Gäſten ſechstau⸗ ſend Muränen bei einem Gaſtmahle vorſetzte, welches hun⸗ dert Millionen Seſterzien(21 Millionen Francs) koſtete. Aber von allen Nachfolgern des großen Cäſar war der ver⸗ ſchwenderiſchſte der-göttliche« Heliogabel. Er gab Gaſt⸗ mähler, die einen ganzen Monat dauerten, und die Säle er⸗ glänzten dabei täglich in neuen Ausſchmückungen und Farben. Die Lagerſtätten, auf denen ſich die Gäſte vor den Tafeln behaglich ſtreckten, waren von gediegenem Silber und mit Roſen, Veilchen, Hyacinthen und Narciſſen beſtreut. Nar⸗ denöl und die koſtbarſten Parfums nährten die Lampen, die dieſe Feſte beleuchteten und bei denen zweiundzwanzig Ser⸗ vice gebraucht wurden. Heliogabel trug ein ſeidenes mit Perlen geſticktes Gewand; dieſelbe Fußbekleidung, denſelben Ring, dieſelbe Tunica legte er nur ein Mal an; die Kiſſen, auf denen ſein Haupt ruhte, waren mit Flaum, unter den Flügeln der Rebhühner gepflückt, geſtopft; die Räder ſeiner goldnen Wagen waren mit Steinen beſetzt. Das war ein Mann, dieſer Kaiſer! Unter der fränkiſchen Monarchie legte ſich unter dem Odem des Evangeliums der Schwindel des Luxus, aber bald entſtand er und verbreitete ſich von Neuem. Peter von Etoile erzählt von einem Schnupftuche der Madame Liancourt, welches 1900 Thaler koſtete. Das Kleid, welches der Marquis von Baſſompierre im Jahre 1606 bei der Taufe der königlichen Prinzen trug, koſtete 20,000 Thaler. Die Robe der Königin, berichtet Johann von Serres, beſtand aus einem Stoff von 32,000 Perlen und 3000 Diamanten, ihr Werth war gar nicht zu ſchätzen. Die Hochzeit der Prinzeſſin Joyeuſe verurſachte einen Auf— wand von eilf Millionen Livres. Bei dem Empfange des per⸗
ſiſchen Geſandten in Verſailles(1715) trug Ludwig XIV.
ein Kleid von Gold und moirirter Seide, mit Diamanten
Folge. 429 geſtickt, die 12 Millionen 500,000 Livres gekoſtet hatten; ihre Laſt war ſo ſchwer, daß der König ſie nicht ertragen konnte und ſich mitten in der Ceremonie entfernen mußte. Ludwig XV., der franzöſiſche Heliogabel, ging in ſeiner Ver⸗ ſchwendung noch viel weiter und gab ſechsunddreißig Milli⸗ onen Livres für eine einzige ſeiner Maitreſſen aus. Wir haben heutzutage allerdings nicht die Mittel der Cäſaren, der Könige und der großen Herren des Alterthums, aber— man thut, was man kann.“— e.
Das Aſyl von Broadmoor.
Wenn in England ein Verbrecher aus dem Grunde freigeſprochen wird, weil ſeine Unzurechnungsfähigkeit erwie⸗ ſen iſt, ſo lautet das betreffende Urtheil dahin, daß man ihn ſo lange eingeſperrt halten werde,„als es im Belieben der Königin ſtehe.“ Vor zwei oder drei Jahren befanden ſich in den meiſten Gefängniſſen der Grafſchaften beſondere Zel⸗ len für derartige Verbrecher, die faſt alle Mörder waren, während eine große Anzahl, unter ihnen Edward Oxford, welcher eines Mordanfalls gegen die Königin ſchuldig war, Mac Naughton, welcher den Secretair Sir Robert Peel's auf dem White⸗ hall-Platz ermordet hatte, und der bekannte Capitain Johnſton, welcher unter ſo entſetzlichen Umſtänden die ganze Mannſchaft ſeines Schiffes„der Tory“ umkom⸗ men ließ, nach beſonderer Uebereinkunft mit dem Miniſte— rium des Innern, in Bedlam eingeſperrt wurden. Man erkannte jedoch das Unpaſſende dieſes Syſtems, und die eng— liſche Regierung entſchloß ſich, ein Gebäude aufzuführen, welches für alle Mörder Großbritanniens, Männer und Frauen, die am Wahnſinn leiden, hinreichenden Raum darbiete.
Dieſes Etabliſſement iſt das große Gefängniß von Broadmoor, welches ungefähr zwei Meilen von der Station Wellington⸗Cottage an der Süd-Oſt⸗Bahn liegt. Nie⸗ mals iſt ein Bauwerk in einer wilderen Gegend aufgeführt worden; rings von hohen Tannenbäumen umgeben, erfreut es ſich einer prachtvollen Ausſicht. Die wahnſinnigen Verbre⸗ cher, welche einmal die Schwelle dieſes Aſyls überſchritten ha⸗ ben, verlaſſen es niemals wieder; ſie leben und ſterben inner⸗ halb des Umkreiſes der hohen Mauern und werden auf dem daran grenzenden kleinen Kirchhof begraben. Broadmoor enthält gegenwärtig nahe an 500 Wahnſinnige, 400 Män⸗ ner und 50 bis 60 Frauen. Faſt alle ſind Mörder und man darf, ohne zu übertreiben, die Zahl ihrer Opfer auf Tauſend ſchätzen.
Zuweilen ſieht man auf einem Raſenplatze Frauen, welche vielleicht an dreißig Mordthaten verübten, ganz ge⸗ müthlich mit einander Ball ſpielen, während an einer ande⸗ ren Stelle des Gartens eine Gruppe von Männern, die durch ihre Unthaten England in Schrecken ſetzten, ſich mit dem Faßſpiele beſchäftigen. Man läßt es ſich angelegen ſein, dieſen Unglücklichen Zerſkreuungen zu verſchaffen, um ſie ruhig zu erhalten, aber eine regelmäßige Beſchäftigung zu treiben, geſtattet man ihnen nur mit der größten Vorſicht, weil man ihnen dann Werkzeuge anvertrauen müßte, mit de⸗ nen ſie Mißbrauch treiben könnten, denn mit wenigen Aus⸗ nahmen gehen alle Wahnſinnige, die Männer wenigſtens, ſtets mit der Idee um, ihrem Aufenthalt zu entwiſchen. Die⸗ ſen Zweck ſuchen ſie durch Liſt, Gewalt und durch alle mög— liche Mittel zu erreichen, und es darf der Geſellſchaft zur Be⸗ ruhigung dienen, daß alle erdenkliche Vorſichtsmaßregeln
angewendet werden, um dieſe Abſicht zu vereiteln. Ganz
——


