Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
427
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Maſſe der mittleren und niederen Stände, daß die Frauen zwar keine Sclavinnen der Männer mehr waren, wie im Orient, daß ſie auch im Hauſe ihre Geltung hatten, aber daß der Bildungszuſtand derſelben in geiſtiger und äſtheti⸗ ſcher Hinſicht auf einer ſehr niedrigen Stufe ſich befunden hat, und daß ihr Leben in einer Eintönigkeit inmitten der Hauswirthſchaft und der Sclavinnen verfloſſen iſt, welche jetzt ſelbſt der einfachſten Handwerkerfrau unerträglich vor⸗ kommen würde.

Wenn man neben dem Bilde, das Pompeji dafür auf⸗ rollt, noch einen Beweis fordert, ſo bedarf es nur der Hin⸗ weiſung auf die im Alterthum herrſchenden Anſichten über öffentliche Schamhaftigkeit. Sie ſind der wahre Gradmeſſer für den jeweiligen Bildungszuſtand der Frauen; je empfind⸗ licher jene iſt, deſto höher ſteht die Frau in intellectueller Beziehung.

Der Cultus des Nackten in Kunſt und Sitte, der ſich durch das ganze Alterthum zieht, iſt nicht, wie man immer behauptet, die Urſache dieſer geringeren Empfindlichkeit, ſon⸗ dern vielmehr ihre Folge und Wirkung. Nur da, wo die Beziehung zwiſchen Mann und Frau weſentlich blos die ſinnliche iſt, entwickelt ſich, aber da auch mit Nothwendigkeit, eine Abſtumpfung der Empfindung gegen das Sichtbare und Körperliche dieſer Beziehung, welche es geſtattet, dergleichen als ein unverfängliches Element in die Kunſt und die Sitten eintreten zu laſſen. Indem bei dieſer Abſtumpfung die ſinn⸗ liche Empfindung weniger erregbar iſt, wird es dadurch der Bevölkerung möglich, das in dieſen Dingen enthaltene Ele⸗ ment des Schönen und Kräftigen rein mit künſtleriſchem und religiöſem Sinn aufzufaſſen und zu genießen.

Nur ſo erklärt ſich die Unzahl von Kunſtwerken, Haus⸗ geräthen, Schmuckſachen, Verzierungen und Nippſachen, wel⸗ che allein in Pompeji aufgefunden ſind, und welche das jetzige Schamgefühl in ſo grober Weiſe verletzen, daß man ſie in einem beſonderen Saale im Muſeum hat aufſtellen müſſen, der davon völlig gefüllt iſt. Es war nicht der ſinnliche Reiz, der dabei geſucht wurde, vielmehr war dieſer ſo beſeitigt, daß gerade dadurch erſt der Gegenſtand künſtleriſch und ſymbo⸗ liſch erfaßt und genoſſen werden konnte. Aber dennoch war ſolcher Zuſtand nur durch eine Abſtumpfung der Empfindung möglich, welche, wie auch der Orient lehrt, unvermeidlich eintritt, wo die geiſtige Bildung der Frau noch fehlt, ſei ihr Charakter auch noch ſo rein und untadelhaft.

Erſt wo dieſe Bedingung, wie in der modernen Welt, in dem Verhältniſſe zwiſchen Mann und Frau hinzukommt, tritt das ſinnliche Element aus der Unmittelbarkeit zurück. Es verſchwindet nicht, aber die geiſtige Bildung der Frau läßt jenes dann ſo ſehr zurückweichen und ſich verhüllen, daß auch bei dem Manne jene nur aus der dreiſten Unmittelbar⸗ keit hervorgehende Abſtumpfung ſich nicht mehr ausbildet.

Sde öffentliche Schamgefühl erhält dann eine Reizbarkeit, welche den Genuß des Kunſtſchönen, des Symboliſchen in dergleichen Geſtaltungen ſtört, ja unmöglich macht, und da⸗ mit jenen künſtleriſchen Cultus des Nackten und Sinnlichen von ſelbſt aus den Sitten verſchwinden läßt.

Nichts iſt verfehlter, als, getrieben von einem blinden Enthuſiasmus für Kunſt und Alterthümer, dieſe Reizbarkeit als eine Schwäche ignoriren oder bekämpfen zu wollen, wie es in einzelnen deutſchen Muſeen und auf der Schloßbrücke in Berlin geſchehen iſt. Dieſes geſteigerte Schamgefühl der modernen Zeit mag mitunter in Prüderie ausarten; aber in ſeinem Kerne gehört es zu den beſten Errungenſchaften des modernen Lebens.

Folge. 427 Die Wirkungen dieſer veränderten Empfindungsweiſe reichen weit über das hier berührte Gebiet hinaus. Die ge⸗ hobene intellectuelle Stellung der modernen Frau, von der jene⸗Veränderung ſelbſt nur erſt eine Wirkung iſt, hat in das ganze heutige Leben der Familie und der Geſellſchaft einen Reiz von unerſchöpflicher Mannigfaltigkeit der Bezie⸗ hungen gebracht, von der das Alterthum keine Ahnung hatte. Nur deshalb herrſcht in den Kunſtwerken des Alterthums, trotz ihrer claſſiſchen Vollendung, doch eine Monotonie der Motive, der Situationen, des Gedankens, welche der Ver⸗ ſtändige bei aller Verehrung für das Claſſiſch⸗Antike ſich nicht verbergen kann, und welche der wahre Grund iſt, wes⸗ halb alle Verſuche, die alte Tragödie und Komödie auf dem modernen Theater wieder heimiſch zu machen, bei dem großen Publicum fehlſchlagen müſſen. Die antike Sculptur und Malerei, ebenſo wie die antike Tragödie kamen nicht hinaus über die von Alters her überlieferten Götter⸗ und Heroenge⸗ ſtalten, über den Kreis der heſiodiſchen und homeriſchen Kö⸗ nigsgeſchlechter, ihrer Charaktere und Thaten. In ihnen war aller höhere Inhalt des häuslichen und geſelligen Lebens er⸗ ſchöpft; ebenſo wie die Luſtſpiele des Plautus und Terenz ſich in einer ſehr beſchränkten Zahl ſtereotyper Verwickelungen und Charaktere herumdrehen.

Weshalb kam das antike Leben und ſelbſt der antike Künſtler in ſeinen Conceptionen nicht darüber hinaus? Nur weil den Frauen der Grad geiſtiger Entwickelung und Bil⸗ dung abging, welcher ſie heute den Männern gleichſtellt. Nur dadurch hat ſich in der modernen Familie und Geſell ſchaft eine unerſchöpfliche Quelle von neuen Intereſſen und Empfindungen gebildet, welche es möglich macht, daß unſere Literatur in der Tragödie, der Komödie, in dem Liede und dem Roman einen Reichthum, eine Mannigfaltigkeit ſpannen⸗ der Beziehungen, feiner Situationen und Intriguen bieten kann, von denen das Alterthum keine Ahnung hatte.

Um dies ganz zu erkennen, verſuche man nur, aus un⸗ ſeren Dramen und Novellen die gebildeten Frauen hinweg⸗ zunehmen, und das ganze Gebäude wird in Trümmer fallen, wenn auch dabei die weibliche Tugend, die Bruderliebe einer Antigone, der Heroismus einer Lucretia unberührt gelaſſen werden. Man leſe heute die Lieder von Anakreon und mor⸗ gen die Lieder von Heine, und man wird die Wahrheit des hier Angedeuteten tiefer empfinden, als mit allen Gründen des Verſtandes zu entwickeln möglich iſt.

Dieſe Monotonie des Lebens mußte nothwendig in einer Provinzialſtadt in noch höherem Maße hervortreten, als in den großen Mittelpunkten der alten Welt, an welche man bei den Vorſtellungen von Alterthum gewöhnlich allein zu denken pflegt. Dieſe Empfindung war es auch, welche immer ſtärker in mir wurde, je länger ich in dieſen Straßen und Häuſern Pompeji's verweilte.

Ihre Einförmigkeit wird auch durch ein Amphitheater und zwei Theater, welche man aufgefunden hat, wenig unter⸗ brochen. Da die Theater nur aus ſteinernen Sitzreihen be⸗ ſtanden, welche im Halbkreis ſich eine über die andere erho⸗ ben, mit einer Scene gegenüber, die ebenfalls aus Stein auf⸗ gebaut war, ſo waren ſie keine Gebäude in unſerem Sinne; ſie hatten weder Umfaſſungsmauern noch ein Dach; man ſpielte nur am Tage und es haben ſich deshalb dieſe Theater auch beſſer als die Häuſer erhalten. Aber eben deshalb waren ſie auch wenig geeignet, äußerlich zur Verzierung der Stadt beizutragen, und man trug kein Bedenken, ſie von

allen Seiten in die Privathäuſer einzuklemmen, ſo daß jede Anſicht derſelben von außen unmöglich iſt..