Jahrgang 
27-52 (1865)
Seite
423
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Die Hände muß ich falten, Heißdankend dem Geſchick.

Und wenn ſich mir will trüben des Lebens heitrer Schein, O dann auch muß ich ſingen und ſummen in mich hinein! Das iſt ein guter Hebel Für manches ſchwere Ding, Da ſchwindet raſch der Nebel, Der um mein Inn'res hing.

Und regt im Herzen Freude die Schwingen goldig rein, Dann heimlich muß ich ſingen und ſummen in mich hinein; Dann tanzt in mir den Reigen Der Töne holde Schaar; Das iſt ein Schweben und Neigen, Ein Wogen gar wunderbar!

Und iſt mir was gelungen, ſei's auch gering und klein, O, wie ich dann muß ſingen und ſummen in mich hinein! Dann möcht' ich weiter geben Die mir geword'ne Luſt, Ein neues, friſches Leben Hebt mächtig mir die Bruſt.

Dann zieht's mich zu den Freuden, zu Scherz und edlem Wein; Dann muß ich mehr, als ſingen und ſummen in mich . hinein! Dann laß ich hell erſchallen, Was ſtill ſonſt in mir klingt: Trotz Lerch' und Nachtigallen Hell auf mein Lied ſich ſchwingt.

Doch unter fremden Leuten nicht ſchicklich iſt's, nicht fein, Sonſt würd' auch dort ich ſingen und ſummen in mich hinein. Da bann' mit gerechtem Schauder Die leiſe Luſt ich fort, Und hör' von ihrem Geplauder

Oft kaum ein einziges Wort.

Ach, müßt' ich lange verſtummen, das wär' eine drü⸗ ckende Pein! Zu lieb ward mir das Singen und Summen in mich hinein.. Nein, das ertrüg' ich nimmer: Zu ſein ſtets auf der Hut. Daheim auf meinem Zimmer, Da hapb' ich's gar ſo gut!

Vierte Folge.

423 Literariſche Briefe von Otto Banck.

Graf Jakob von Sievers und Rußland zu deſſen Zeit. Leipzig u. Heidelberg, Winter'ſche Verlagshandlung. Ernſt Rietſchel, von Andr. Oppermann. Leipzig, bei Brockhaus.

Im Hinblick auf die vielen neueren Werke erzäh⸗ lenden biographiſchen Inhalts über die ruſſiſche Ge⸗ ſchichte und die ruſſiſchen Herrſcherperſönlichkeiten wird Ihnen die Biographie des Grafen von Sievers viel Intereſſe darbieten. Zu den Charakterbildern ſo hiſtoriſch hervorragender als abenteuerlicher Ge ſtalten wie Katharina II., Kaiſer Paul, Suwaroff, die Orloffs, Potemkin, Fürſtin Daſchkow ꝛc. liefert dieſe durch ſehr gute Portraits gezierte Lebensbe⸗ ſchreibung recht zahlreiche Erläuterungen.

Es iſt Sievers wie ſo manchem talentvollen und thatenreichen Manne ergangen: er ſpielt in den Büchern der Geſchichte keine ſo bedeutſame Rolle, wie er ſie in der Wirklichkeit als feiner Diplomat und tüchtiger, von Rechtsgefühl inſpirirter Staats⸗ organiſator übernommen und raſtlos durchgeführt hat.

Es geſchah nicht ohnè die beträchtlichſten Kämpfe

mit den Intriguen der ruſſiſchen Bojarenpartei, denn Sievers war in ſeiner Nationalität, in ſeinem Den⸗ ken und Streben ein Deutſcher, deſſen Familie ur⸗ ſprünglich aus Holſtein ſtammte, und ſeine Geltung bei der Kaiſerin Katharina waffnete viele Rivalen gegen ihn.

Die Schilderung von der unendlichen Thätigkeit dieſes Manneés giebt abermals ein lehrreiches, aber niederſchlagendes Bild von der Thatſache, wie viel in der Politik und im Staatshaushalt geplant, ge⸗ ſtrebt, geſtritten und gelitten, ja mit unendlicher Mühe gearbeitet zu werden pflegt und wie wenig poſitiv Tüchtiges dabei zu Tage gefördert wird. Vor lauter Eingaben, Gutachten, Conferenzen und Audien⸗ zen kommen die beſten Kräfte nicht zum eigenthuͤm⸗ lichen Handeln, und wenn ihr edelſtes Wollen bereits in ſeiner Kraft müde gehetzt iſt, ſo befinden ſie ſich immer noch im Proviſorium und es iſt leicht mög⸗ lich, daß ſich ihr heißangeſtrebtes Syſtem bei plötz⸗ lichen autokratiſchen Launen in eine hohe und aller höchſte Fragwürdigkeit verwandelt. Ein treugeſinnter Diplomat webt nur zu häufig das Gewand der Pe⸗ nelope und braucht nicht ſelbſt für das Zertrennen Sorge zu tragen. Dankbarer ſind die Sphären der Wiſſenſchaft und Kunſt; in ihnen pflegt ſich ſo⸗ lides Können mit entſprechendem Erfolg zu lohnen. Eine andere, dieſem Gebiete zugehörige Biographie, die von dem Bildhauer Ernſt Rietſchel, beweiſt dieſen Segen wieder auf's Erfreulichſte. Wir müſſen zur