Liebſt du mich nicht mehr? gar nicht?...
Weil ich dich liebe,— kann ich nicht anders.
Neige dein Auge über mich, vergieb mir, lächle nur einmal wie ſonſt; flehte Richard und ſtreckte ſeinen Arm nach Lenchen aus. Dditeſe richtete ſich auf, eine ernſte, edle Geſtalt. Sprich kein Wort mehr! rief ſte, wenn du nicht willſt, daß ich dich verachten ſoll.
Richard war von Schmerz betäubt; ſprachlos ſah er Lenchen an. Du willſt nicht? ſagte er dumpf..
Nein, erwiederte dieſe uud wendete ſich ab. . Hall wahnſinnig ſtürzte Richard aus dem Zimmer. Lenchen aber ſank auf ihre Kniee, das Auge zum Himmel erhoben. Sie hatte überwunden.
Noch am nämlichen Abend begab ſich Lenchen zu ihrem Vater. Dieſer nahm ſie freundlich auf, ja er zeigte eine ſeltſame Zärtlichkeit. Er nannte ſie einen Engel, der außen ſchwarz, innen aber rein wie Gold ſei und küßte ſie auf Stirne und Wangen. Sein Mund brannto, ſeine Hände fieberten; doch erklärte er, daß ihm wohl ſei. Indem er ihren Entſchluß lobte, daß ſie zu ihm zuruckgekehrt ſei, äußerte er: Das muß dir Gott eingegeben haben; mich verläßt er, aber deiner erbarmt er ſich. Nimm dich der armen Kinder an.
Dieſes Benehmen ihres Vaters, ſeine Reden, fielen Lenchen auf; das Verſtörte in ſeinem Antlitz, die unruhige Haſt ſeiner Bewegungen, ſein ganzer Anblick machte einen beängſtigenden Eindruck auf ſie. Er kann recht haben, dachte ſie bei ſich; ich will mich der Kleinen annehmen, bald werden ſie ganz verwaiſt ſein. Lenchen hatte ſich einer ſchweren Aufgabe unterzogen; die Kinder waren äußerlich verwildert, aber auch innen; ſeit dem Tode der Mutter war die Hauswirthſchaft in die größte Un⸗ ordnung gerathen, es gab Vieles an⸗ und fortzuſchaffen, zu ordnen, zu beſſern. Und dennoch ſank Lenchen, nachdem ſie die Geſchwiſter zu Bett gebracht hatte, mit einem unnennbaren Gefühl des Dankes auf ihr dürftiges Lager,— ſie war mit den Ihrigen wieder vereinigt.
Sanft ſchlummerte ſie ein und Bilder der Vergangenheit ſtiegen, zum Traum verwebt, vor ihr auf. Wohlthätiger Schlaf! Du höſeſt, befreieſt; du entrückſt die Seele den Banden drückender Gegenwart und öffneſt ihr die Zauberlande einer ſchöneren Welt. Traum iſt Poeſie, jeder Traͤumende ein Dichter; auch der armſeligſte Menſch erhebt ſich, ſein Leben, ſein Selbſt tritt verklärt vor das innere Auge, der geheimſte Wunſch iſt erfüllt; was die Wirklichkeit verſagt, hier iſt es gegeben, das innerſte Sehnen wird geſtillt.
Sieh', wie die Träumende lächelt. Ihre Seele ſchweift in dämmernde, glück⸗ liche Fernen zurück, ſie wiegt ſich auf klaren Aetherwellen, von ſüßen Klängen um⸗ rauſcht. Es iſt die frohe, zeuge Kindheit. Ueber das mooſige Strohdach ragt der Apfelbaum mit ſeinen blühenden Zweigen, Schwalben durchkreiſen die Luft und bringen den zwitſchernden Jungen ihre Nahrung. Der Himmel iſt ſo blau, die Sonne ſcheint ſo hell, die Welt iſt ſo ſchön. Es lächelt die Mutter den ſpielenden Kindern zu, ſie kuͤſſen dem heimkehrenden Vater die Hände, ſie ſchenken ihm Blumen, ſie freuen ſich, mit den kleinen Händen ihm einen Dienſt zu leiſten. Glückliche Kindheit, wo biſt du hin? Wo ſeid ihr Zeugen jener Tage, ihr Schwalben, du grüner Baum, du moosbedeckte Hütte? Ein neues Haus mit weißen Mauern ſteht da, Alles neu und doch nicht heimiſch. Die Bruſt fühlt ſich bewegt, die entzückenden Laute der Wonne ſind verſtummt, verſchwunden iſt die fröhliche Placht der Blumen, Menſchen und Dinge ſind alltäglicher geworden. Das Auge füllt ſich mit Sehn⸗ ſucht, dämmernd leuchtet's in der Seele, ahnungsvoll ſucht ſie ein fernes Glück— ob künftig oder vergangen? Der Träumenden entringt ſich ein Seufzer. Da fühlt ſie einen Kuß, ſein Feuer rinnt durch alle Pulſe, Purpurroſen erglühen auf ihren Wangen, bebend ſchmiegt ſie ſich an den Geliebten. Er führt ſie durch Wieſe, Wald und Feld; golden ruht das Licht der Sonne auf Laub und Blüthe, blauer
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