Jahrgang 
2 (1858)
Einzelbild herunterladen

nt

it,

575

Ellner richtete das Haupt auf und ſah den Altenſſtumm an. Dieſer verſtand den Blick; zu ſprechen vermochte Ellner nichts als: Gott lohne es Cuch.

Die Habſeligkeiten der Familie wurden zuſammengepackt, der Bauer ſelbſt und ſein Knecht halfen und bald waren die Sachen auf den Wagen geladen. Ellner ſah noch einmal auf ſein Haus, auf die weinumrankten Fenſter, das freundliche

Gärtchen und folgte dann den Seinigen in die neue, vom Mitleid gebotene

Herberge.

Die alte Großmutter überlebte dieſe Vorgänge nicht lange. Aber ihrem Sarge folgte, kaum in Jahresfriſt, ein zweiter; Anneli erlag dem Kummer.

Mit ſeinem Weibe hatte Ellner die letzte Stütze verloren; ſein Gemüth um⸗ düſterte ſich mehr und mehr. Er mied den Umgang mit Menſchen und brütete am liebſten in der Einſamkeit über ſich und ſein Schickſal. Kämpfte er auch in beſſeren Stunden gegen den Haß, der dumpf in ihm gährte, ſo entflammte doch jedesmal in ihm beim Anblick des Hofbauern der alte Groll. Auch ließ er ſich zu einzelnen leidenſchaftlichen Aeußerungen gegen denſelben hinreißen, ſo einmal als der Hofbauer an ſeiner Wohnung vorüberging. Cllner hatte ihn die Gaſſe heraufkommen ſehen, nahm eines ſeiner Kinder bei der Hand, öffnete das Fenſter und rief laut, indem er auf den Vorbeigehenden zeigte. Kind, das iſt der Mann, der unſere Mutter in's Grab und uns um Haus und Hof gebracht hat. Sieh' dir ihn an! Seitdem ging der Hofbauer nicht mehr an der Wohnung Ellners vorüber; er ſchien den Aublick dieſes Mannes zu ſcheuen; ſopiel als möglich wich er jedem Zuſammen⸗ treffen mit ihm aus, ja er duldete es nicht einmal, daß in ſeiner Gegenwart von ihm geſprochen wurde.

Ellner dagegen ſuchte gefliſſentlich dergleichen Berührungen. Auf dem Wendel⸗ hof war eine neue Scheuer gebaut worden; als der Dachſtuhl aufgerichtet wurde, ſtrömten ziemlich viele Zuſchauer aus dem Dorfe hinaus, auch Ellner war darunter. Auf dem Lande nämlich geſchieht dieſesAufrichten mit einer gewiſſen Feierlichkeit und gilt als ein kleines Feſt. Ein Täͤnnchen wird hoch oben auf dem Giebel des Daches befeſtigt und mit Tüchern und Bändern bunt geſchmückt; ſie ſind für den Meiſter und die Geſellen beſtimmt. Einer von dieſen hält eine Rede, in welcher das neue Gebäude dem Schutze des Himmels empfohlen wird; dann folgen ver⸗ ſchiedene Lebehochs, wobei der Redner jedesmal das gefüllte Glas leert. Bei dem letzten wirft er daſſelbe hinter ſich hinab zu Boden, wobei es als ungünſtige Vor⸗ bedeutung gilt, wenn es nicht zerbricht. Den Schluß macht regelmäßig das Lied Nun danket Alle Gott, welches gemeinſchaftlich geſungen wird; bei Wohlhabenden iſt wohl auch ein Muſikkorps zugegen, eine Mahlzeit wird ausgerichtet und darauf folgt ein Tanz.

In dieſer Weiſe fand auch bei dem Hofbauer die Feier ſtatt. Es gab Muſik und freies Bier, die Menge ſtimmte jubelnd in die Vivat's ein und am lauteſten, als das übliche Lebehoch für den Bauherrn und ſeine Familie an die Reihe kam. Als aber der rauſchende Tuſch der Muſikanten und der Zuruf der Menge ver⸗ hallte, hörte man deutlich von einer einzelnen Stimme die Worte; Nicht Segen, ſondern der Zorn Gottes komme über die, welche ihre Häuſer bauen vom Raub der Armuth!

Der Hofbauer erbleichte, als er dieſe Worte vernahm. Bewegung entſtand unter den Verſammelten, die Blicke der Zunächſtſtehenden richteten ſich auf Ellner; man gab ihm den Rath, ſich zu entfernen; einzelne drohende Aeußerungen wurden laut.

Er war es allerdings geweſen, der jenen Ruf ausgeſtoßen hatte; aber war es Sorgloſigkeit oder Trotz, er rührte ſich nicht von der Stelle. Das, was ihn zu der beleidigenden Aeußerung hingeriſſen hatte, war die Erinnerung an damals, wo ſein eigenes Haus mit eben dieſer Feierlichkeit aufgerichtet worden war. Damit hatte für ihn das Unglück begonnen. Durch den Bau war er tief und für immer in