Jahrgang 
2 (1858)
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Ich bitte dich, was iſt mit dir!

Hier hätte ich jetzt Ruhe gefunden..

Lenchen, was hatteſt du im Sinn! ſei vernünftig.

Auch du haſt mich verlaſſen.

Ich dich? Bei'm Himmel, ich ſchwöre!...

Schwöre nicht, du frevelſt.

Was treibt dich zu ſolcher That?

Was! Du fragſt noch? Dein Vater hat mich beſchimpft, in deiner Gegen⸗ wart, du haſt es geduldet.

Richard erglühte. Sollte ich, entgegnete er, den Zornigen noch mehr reizen?

Du hatteſt nicht den Muth, Etwas für mich zu opfern, die ich Alles für dich geopfert habe!

Komme mit, ſagte Richard verlegen, was willſt du hier?

Gehe allein, gab Lenchen zur Antwort.

Nicht ohne dich! verſetzte Richard. Glaube nicht, daß ich dich verlaſſen habe; ich ſorge für dich. Du erhälſt Wohnung bei einer Tagelöhnersfrau; du bekommſt, was du brauchſt. Ich habe viel an dir gut zu machen, ich will es.

Lenchen blickte auf; ein ſchmerzliches Lächeln glitt über ihre Züge.

Höre mich, fuhr Richard fort. Mein Vater will, daß ich Bernhardine, die Tochter des Müllers von Langen, heirathen ſoll; er hat es mir eben eröffnet.

Und du?

Ich habe ihm erklärt, daß ich es nicht thue.

Wirklich? ſie iſt reich und hübſch.

Lenchen! rief Richard, ich wäre nicht werth, daß Gottes Sonne über mir ſcheint, wenn ich dich verlaſſen könnte!

Wie! ſagte Lenchen mit einem aufleuchtenden Blick, habe ich dir unrecht gethan?

Jetzt, verſetzte Richard, muß ich auf meinen Vater Rückſicht nehmen; bin ich

erſt mündig, dann hindert er mich nicht, dann wirſt du mein trautes Weib. Wie glücklich werden wir ſein! Die Liebe zum Leben war in der Unglücklichen wieder erwacht. Dieſer Stimme, die jetzt zu ihr ſprach, hatte ſie ſo oft mit ſüßem Beben gelauſcht; jetzt erklang ſie ihr wie Rettung aus Noth und Tod. Ungeſtüm warf ſich Lenchen an die Bruſt des Geliebten; ſie flehte, ſie beſchwor ihn, ſie nicht zu verlaſſen, mit ihrer Liebe nicht grauſam Spiel zu treiben, ſie nicht dem Elend preiszugeben. Richard be⸗ theuerte ihr ſeine glühende Neigung, ſeine redlichen Abſichten, ſeine unveränderliche Treue; und wie gern glaubte Lenchen dieſen Verſicherungen. Sie war ſo zärtlich, ſo hingebend, ſo liebeberauſcht, daß Richard tief das Unrecht fühlte, welches er an der Armen begangen hatte.

Lenchen zog in das Stübchen der Tagelöhnerin. Niemand erfuhr, was dort im Wald am Teich vorgegangen war und Viele ſchüttelten den Kopf über das leicht⸗ fertige Mädchen, welches, fruher von Allen für eben ſo ſittſam als ſchön gehalten, jetzt ein ſo tadelnswerthes Verhältniß fortführte.

Der Hofbauer hatte anſpannen laſſen, Richard begleitete ihn. Nachdem ſie eine Strecke zurückgelegt, begann der Vater; meine Geſchaͤfte in Oberndorf werden nicht lange dauern, rückwärts wollen wir über Langen fahren.

Ja, es iſt mir recht, antwortete Richard mit einem Ausdruck von Freude.

Ich habe die Abſicht, fuhr der Hofbauer fort, heute das Aufgebot zu beſtellen; es wird Zeit.

Haſt du ſchon mit Bernhardinen's Vater geſprochen?

Es iſt Alles in Ordnung; in drei Wochen könnt ihr Hochzeit halten. Biſt du's zufrieden?

j,