Jahrgang 
2 (1858)
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Richard, du wirſt dein Wort erfüllen! rief Lenchen.

Ja, ſagte Richard halblaut, ich werde..

Nein! fuhr der Hofbauer dazwiſchen, ſeinen Sohn mit einem flammenden Blick meſſend; ſage ihr, daß du ſie betrogen haſt, ſage ihr das.

Ich werde meine Pflichten erfüllen, verſetzte Richard mit etwas mehr Energie.

Sein Vater antwortete nicht darauf. Mädchen, ſagte er zu Lenchen gekehrt, du haſt mich getäuſcht, arg getäuſcht. Der Himmel gab mir keine Tochter, ich liebte dich wie eine ſolche. Bei Gott, es iſt ſo!.. er hielt einen Augenblick inne. Aber dein Engelsgeſicht hat gelogen, auch du biſt gemein!

Nein, ſtammelte Lenchen, ich habe gefehlt, aber nicht... ihre Stimme ſtockte.

Die Citelkeit hat dich verführt; du ſahſt dich als Herrin dieſes Hofes und vergaßeſt, wer du warſt.

Nein Ihr thut mir unrecht.

Ich verzeihe es deiner Jugend und Unerfahrenheit.

Richard! lispelte Lenchen und erhob ihr Auge flehend zu ihm.

Er mag nun ſeine Pflicht thun, und dir eine Entſchädigung zahlen, fuhr der Hofbauer fort.

Bezahlen?...

Andere Anſprüche haſt du nicht.

Richard! ſchütze mich! rief Lenchen. 3

Du verkennſt ſie, wendete ſich dieſer an ſeinen Vater, ihre Liebe war nicht Berechnung, niedriger Eigennutz...

So waren es Sinnlichkeit und Leichtſinn, denen ſie ihre Unſchuld geopfert.

O mein Gott! ſchluchzte Lenchen auf's Tiefſte empört.

Da hier iſt dein Lohn, ſagte der Hofbauer kalt, du haſt hier nichts mehr zu ſuchen. auaf Lenchen ſtieß das Geld zurück und ſtürzte fort; der Hofbauer kehrte ſich ab, ein Schatten von Trauer ging über ſein hartes Geſicht.

Deine Antwort? wendete er ſich nach einer Pauſe an ſeinen Sohn.

Ich Fahi keine andere... Du heiratheſt Bernhardine, ich will es!

Vater, ich kann nicht! rief Richard.

Ich gebe dir Friſt vierzehn Tage, dann erkläre dich.

Richard ſah den Vater ſchmerzlich an und ging einen Schritt auf ihn zu, dann kehrte er plötzlich um und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Er ſchien heftig mit ſich zu kämpfen. Ich darf ſie nicht verlaſſen, rief er dumpf uud ging.

Sein erſtes war, Lenchen aufzuſuchen. Er fand ſie nicht auf ihrer Kammer, doch fiel ihm auf, daß ihre Habſeligkeiten gepackt waren. Man ſagte ihm, daß ſie den Hof verlaſſen und den Weg nach dem Wald eingeſchlagen habe. Ihm ahnte Gräßliches. Er eilte fort, hinaus, ihr nach. Gott! wenn er ihre Spur verfehlte, wenn er zu ſpät kam. Mörder! klang es durch das Rauſchen der Föhren und von Furcht gehetzt, rannte Richard athemlos weiter. Noch immer erblickte er die Ge⸗ ſuchte nicht. Der Weg ſenkte ſich abwärts in einen Thalgrund, ein Bächlein rauſchte munter durch die Wieſen und ſammelte ſein Waſſer in einem, von hohen Erlen umſchatteten Teich. Dort unter den Bäumen zeigte ſich eine Geſtalt, die Arme ausgebreitet und blickte, vorwärts gebeugt, in das Waſſer!..

Lenchen! rief Richard laut mit der Stimme der Verzweiflung, daß das Echo weit im Wald wiederhallte.

Der gehobene Fuß ſank langſam zurück, die ausgebreiteten Arme fielen ſchlaff nieder, Lenchen kehrte ſich um. In einem Augenblick war Richard bei ihr.

Gott ſei Dank! rief er wenn ich zu ſpät gekommen wäre...

Dann hätteſt du dich mir nachgeſtürzt.

Mich ſchaudert... 2 1

Mich auch. Verzweiflung iſt bitter! Ach, wie iſt meine Liebe betrogen, wie bin ich ſo elend geworden! Noch ſo jung und ſchon ſo elend!