Jahrgang 
2 (1858)
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uberſchritt den engen Hausplatz und blieb vor der Stubenthüre ſtehen, um ſich etwas zu ſammeln. Alles war ſtill. Als ſie die Thürklinke erfaßte, zog ſie ihre Hand wie gelähmt zurück; ſie drohte zuſammenzuſinken. Da kam ihr Traugott entgegen und theilte ihr mit, daß der Vater noch oben in der Stube ſei. Lenchen ſtieg die Treppe hinauf und klopfte an. Niemand antwortete; auf ihr wiederholtes Pochen öffnete endlich der Vater. Bei ihrem Anblick zuckte er zuſammen. Fort! rief er dumpf, ich habe dir verboten dieſes Haus zu betreten!

Lenchen warf ſich ihm zu Füßen und flehte, ihr zu verzeihen. Ihre Stimme war ſo rührend, ihr Antlitz ſo bleich und ſchön!

Lene! was haſt du mir gethan rief Ellner erſchüttert.

Sie erfaßte die Hand des Vaters, konnte aber vor Schluchzen nicht ſprechen.

Weißt du ich hätte jeden Blutstropfen für dich hingegeben, es iſt ehrliches Blut ich hätte einen Himmel auf dich gebaut und du vergißt dich ſo, wirfſt dich weg an den Sohn meines Feindes! Sieh', mein Haar wird grau, mein Leib iſt abgezehrt, meine Kraft dahin; ich trage viele Sorge und das noch!

Dieſe Sprache des Schmerzes zerriß Lenchen das Herz. Sie hatte einen Ausbruch des Zornes erwartet und ſie hätte ihn leichter ertragen. Vater! rief ſie, ich weiß, du kannſt mir nicht vergeben!

Nein, erwiederte Ellner tonlos; dabei drängte er ſeine Tochter von ſich zurück und machte ihre Hände los.

Dein Platz in meinem Hauſe und in meinem Herzen wird künftig leer ſein.

Verſtoße mich nicht!... f

Eile fort! Tauſend Ohren ſpitzen ſich deine Schande zu vernehmen.

Nur ſprich mir keinen Fluch nach!

Dein Fluch folgt dir, die Schande.

Gott, o Gott! ſchrie Lenchen auf.

Weißt du, was Schande iſt?

Ich verſinke, vergehe!

Fliehe, fliehe dieſen Ort; fliehe weit weg!

Ich Unglückliche! gedenkt meiner mit Mitleid.

Mein Herz iſt öde und ausgebrannt. Nur noch ein Gefühl glimmt in der Aſche und das kann ein Feuer geben.

Haß gegen...

Haß gegen den, der dich verführt und ſeinen Vater.

Richard iſt gut und ſchwach, verzeihe ihm.

Ein elender Bube, daß er dich betrogen!

Er liebt mich, wenn auch nicht ſo wie ich ihn.

Denke nicht mehr an ihn! ich habe im Itzgrund eine Verwandte, ſie wird dich aufnehmen, gehe dorthin.

Ach, ſprich erſt, daß du mir vergiebſt!..

Ja, ich vergebe dir aber betrete dieſes Haus nicht wieder. Dein Anblick macht mich raſend; ich könnte die Beiden auf dem Wendelhof morden!

Sprich nicht ſo gräßlich.

Kuͤſſe mich, meine Tochter und gehe küſſe mich noch einmal! Ellner riß ſich los und ſchloß ſich ein. Wie betäubt ſtand Lenchen da. Wohin? Mechaniſch richteten ſich ihre

Schritte wieder nach dem Wendelhof. Sie ſchlich hinauf in ihre Kammer und warf ſich auf ihr Lager. Sie lauſchte, hielt den Athem bang an kein Zeichen, kein Fußtritt, kein Laut! Er kam nicht. Sie harrte lange, bis Erſchöpfung und Mattigkeit ihr die Augen ſchloſſen.

Am Morgen ging ſie an ihre Arbeit; noch hatte ſie Richard nicht geſehen, da ließ ſie der Hofbauer zu ſich rufen. Du bleibſt! befahl er barſch ſeinem Sohne, als dieſer Miene machte, ſich beim Eintritt Lenchens zu entfernen; dieſer warf er einen ſtechenden Blick zu. Hat er dir, wendete er ſich an ſie, die Ehe verſprochen? Hat dir dieſer Nichtswürdige dergleichen geſagt?

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