—
— —
— 321—
Kammerfrau mit einem Auftrage der Prinzeſſin in die Stadt geſandt wurde, wo ich mich eine Stunde aufhielt.
Als ich zurück und in die Nähe des Schloſſes kam, hörte ich einen gellenden, markdurchbohrenden Schrei. Etwas Schlimmes befürchtend, eile ich ſchnell vor⸗ wärts und trete ein. Welch ein entſetzlicher Anblick: Eben wollen die zum Tod entſetzten Schloßbewohner die durch einen Sturz vom obern Corridor zerſchmetterte Prinzeſſin, ſowie die arme unglückliche, in tiefer Ohnmacht liegende fürſtliche Mutter aufheben und in ihre Zimmer tragen.
Mir brachen die Knie, und ſo ſtarken und mächtigen Körpers ich auch war, ich ſank um, wie ein geknicktes Rohr.
Das, lieber Herr, iſt die Geſchichte, und das beklagenswerthe Ende der durchlauchtigen Prinzeſſin von Sachſen⸗Weißenfels. Ein Mehres darüber konnte ich von meinem Vater nicht erfahren. Er ſprach ſich nie weiter aus. Ob er nicht mehr wußte oder, als ein treuer und verſchwiegener Diener des fürſtlichen Hauſes, nichts weiter ſagen wollte, ich weiß es nicht. Wie ich ſchon geſagt, er ſah es über⸗ haupt nicht gern, wenn wir den Namen der Prinzeſſin erwähnten, und da es ihn allemal verſtimmte und traurig machte, ſo wurde, wie eine ſich von ſelbſt verſtehende Sache, jede Andeutung über ihren unerklärlichen Tod unſererſeits vollkommen ver⸗ mieden.
Der vierte Juli war für unſre Eltern ſtets ein Trauertag, und nie verfehlten ſie in der Stunde des Todes der Prinzeſſin vor ihrem Bilde ein herzliches Gebet zu ſprechen und den Choral:„Befiehl du deine Wege“ zu ſingen. Bei dieſer Gele⸗ genheit hörten wir zuerſt und allein etwas von ihrem Tode.
Eine andre Perſon, welche den Tod der Prinzeſſin lebenslang betrauerte und ſeit dieſer Zeit nie mehr anders, denn in ſchwarzer Trauerkleidung ging, war die Kammerfrau, welche zuletzt bei ihr war. Ob ſie die nähern Umſtände ihres Todes kannte, oder ſich irgend einer Schuld theilhaftig gemacht hatte: dieſe Räthſel ſind
nicht gelößt worden.
Wunderbar iſt und bleibt es allerdings, wie dieſer grauenvolle Tod möglich war, am Tage, in Mitte eines bewohnten, belebten Schloſſes, auf einem Corridor, welcher ein hohes feſtes Geländer hatte, was ſich nach ihrem Sturze völlig unver⸗ ſehrt erwies.
Hatte die Prirzeſſin, gelehnt an dieſes Geländer, wie ihre Gewohnheit war, in den fernen blauen Aether, in ſehnſüchtigem Verlangen nach ihrem Stern-⸗Bilde, nach dem Stern ihres Traumes geſchaut, und in völliger Selbſtvergeſſenheit ſich vielleicht am Geländer in die Höhe gezogen, und ſo ihren Sturz ahnungs⸗ und abſichtslos ſelbſt herbeigeführt, oder war dieſer durch einen unvorſichtigen Huͤlfeſchrei ihrer Dienerin, eben jener Kammerfrau, veranlaßt worden;— man weiß es nicht.
Daß natürlich der gemeine Haufe ſich ihren Tod vollkommen zu erklären ſuchte, läßt ſich leicht denken. Nach ſeiner Anſicht hatten ruchloſe, mächtige Höflinge des damaligen ſehr prunkſüchtigen, immerfort geldbedürftigen Dresdner Hofes die Hand im Spiele, um ſich durch den Heimfall eines Wittwenjahrgeldes von 30,000 Thlir., welche die Herzogin von Sachſen⸗Weißenfels bezog, und nach ihrem Ableben auch die Prinzeſſin Friederike erhalten haben würde, neue Hülfsquellen der Verſchwen⸗ dung zu öffnen. Eine ſolche Löſung muß aber als trügeriſch und entehrend für die Menſchheit entſchieden zurückgewieſen werden.
Der Herzenskündiger in der Höhe wird einſtens den Schleier von der Uebel⸗ that hinwegziehen, wäre wirklich eine ſolche geſchehen.
Wenn aber, und das iſt das Wahrſcheinlichere, unbeſonnene Angſt, Schreck und Verwirrung den verhängnißvollen Sturz veranlaßt haben, da wird, wie ſchon hier auf Erden, ein gnädiger Richter Gnade und Erbarmen üben..
Noch eine Erklärung, nämlich daß die fromme Prinzeſſin ihrem Leben ſelbſt ein Ende gemacht habe, iſt nie laut worden. Das war, dafür bürgte die innige, heilige Liebe zu ihrer Mutter und zu ihrem himmliſchen Vater, und im Schooße und Beſitz alles irdiſchen Glückes, undenkbar.
Die Maje. 1. Jahrg. 21


