Jahrgang 
2 (1858)
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biete, obwohl noch in jungen Jahren und für eine fürſtliche Jungfrau ungewöhn⸗ lich einen Schatz von Kenntniſſen erworben.

Häufig ſah man noch am ſpäten Abend die weiße Geſtalt im Schloßgarten wandeln, oder mit einem Fernrohre den Lauf eines Sternes beobachten, oder ſie ſtand am offnen Fenſter des Schloſſes, und blickte mit unbeſchreiblicher Sehnſucht nach oben, und dann ſprach ſich ihre volle fromme Seele gewöhnlich in dem rüh⸗ renden Geſang eines Chorales aus, der nicht allein in die Tiefen des Schloſſes, ſondern der Herzen der unten Verſammelten drang, als eine ſanfte Mahnung an den Herrn über den Sternen.

Manche wollten ſie ſogar in den Nächten an den Schloßfenſtern, ja bei Mon⸗ denlicht ſchlafwandeln geſehen haben; doch das iſt wohl Unwahrheit, denn den Schloß⸗ bewohnern würde das nicht entgangen ſein.

An einem Morgen, ſo fuhr mein Vater weiter fort, ach er iſt mir leider zu erinnerlich, es war der 4. Juni des Jahres 1751, hatte meine Gattin Dienſt bei der Durchlauchtigen Frau Herzogin, als die Prinzeſſin Friederike, welche an⸗ weſend war, und lange Zeit ſinnend und lautlos da geſeſſen hatte, der erſteren plötzlich zurief: Es iſt doch wunderbar. Ich hatte heute Nacht einen merk⸗ würdigen Traum. Mir träumte, ich wäre der Abendſtern geworden, und der Herr der himmliſchen Heerſcharen befahl mir, mein ſchönſtes Licht anzuzünden. Da kam aber mit Blttzesſchnelle ein grauſiges Ungethüm, ein Komet, und ſchlug mir's mit ſeinem Schweife aus der Hand und ſtürzte mich vom Himmel herab. Der Traum war ſo lebhaft, daß ich erwachte und ſeine Wirkungen jetzt noch nicht los werden kann. Iſt das nicht wunderbar? Vielleicht iſt mein Abend nahe!

Friederike, antwortete die Herzogin mit Thränen, bitte, ſage ſo was nicht. Sie faßte das liebe ſanfte Kind an der Hand, zog es an's Herz und flüſterte: Sag das nicht wieder! Wenn Dein Stern untergeht, ſinkt auch der meinige.

Ein Wink gebot meiner Mutter, ſich zu entfernen. Was weiter geſprochen wurde, war ihr verborgen. Jedenfalls hatte die durchlauchtige Mutter die trüben Gedanken des mit böſen Ahnungen erfüllten Kindes zu zerſtreuen geſucht. Ganz mochte ihr das nicht gelungen ſein, denn an der Mittagstafel, an welcher ich mit die Aufwartung hatte, bemerkte ich, was mir erſt ſpäter auffiel, als mir meine Frau die Sache mit dem Traum erzählte, eine ungewöhnliche Stille und Bläſſe der Prinzeſſin, und unruhige, beſorgte Blicke der alten Durchlaucht nach ihrer Tochter.

Nach Tiſche ſah ich beide noch lange Zeit Hand in Hand im Garten luſtwan⸗ deln. Endlich begaben ſie ſich wieder ins Schloß, eine jede in ihre Zimmer.

Die Prinzeſſin hatte um dieſe Zeit, es war 6 Uhr, Muſikunterricht. Als ich den Herrn Magiſter Buddenſieg, ihren Informator, anmeldete und herein⸗ führte, und die Harfe aus ihrem Geſchränk nahm, um ſie der Prinzeſſin zu präſentiren, hörte ich ſie noch ſagen: Mein lieber Herr Magiſter, heute nicht. Ich bin nicht disponirt, Ihr ſeid fuͤr heute entlaſſen. Doch noch ein Wort. Singe Er mir doch, lieber Buddenſieg, einen recht tröſtlichen Choral.

Gnädigſte Prinzeſſin befehlen; welchen Sie geruhn.

Mir gleich. Doch ja: Befiehl Du Deine Wege! Ja, ja! dieſen.

Nun erſt nahm ſie mir die Harfe aus der Hand, ich entfernte mich in's Vor⸗ zimmer, von wo ich anfänglich eine männliche Stimme allein einige Verſe des ange⸗ führten Chorales, dann auch eine weibliche ſingen hörte. Es war Prinzeſſin Friederike, welche jetzt die Melodie, und der Herr Magiſter Buddenſieg, welcher die begleitende Stimme ſang.

Der Geſang war ſo ergreifend, daß ich unwillkührlich die Hände faltete, und das fromme Lied bis zu Ende leiſe mitbrummte.

Wenige Minuten darauf kam der Herr Informator heraus, grüßte freund⸗ lich und begab ſich in ſein Zimmer. Er wohnte nämlich auch mit im Schloſſe. Ich verweilte hier noch einige Augenblicke, als ich von der dienſtthuenden