Jahrgang 
2 (1858)
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vergeſſen, bis ich mit lauter Stimme vom Familienvater zum Platznehmen gerufen wurde.

Sie ſind ja völlig verſunken, hören und ſehen nicht.

Ach, bitte, wen ſtellt das Gemälde vor? fragte ich.Iſt das die letzte Herzogin mit ihrem Kinde? in andermal. Jetzt kommen Sie.

So war mir zunächſt jede Frage abgeſchnitten; allein mein Intereſſe war zu ſehr errregt und ich kam während des Mahles noch einmal auf meine Frage.

Allerdings, antwortete da der Hausherr,ſtellt das Bild die letztverſtorbene Herzogin von Sachſen⸗Weißenfels nebſt ihrer Tochter, jenem unglücklichen Kinde, vor. Sie ſcheinen ſehr neugierig zu ſein, kann Ihnen aber nicht Viel erzählen. Wenn Sie mehr erfahren wollen, ſo wenden Sie ſich an die Großmutter, die bildet ſich ein, Alles zu wiſſen, wenn's wahr iſt! Iſt bei alten Leuten der Fall. Sie glauben ſteif und feſt an Sachen, die ſie ſelbſt nur gehört, oft aber wieder er⸗ zählt, und die ſie nun, nach ihrer Meinung, erlebt haben.

Ich nahm mir vor, bei ſchicklicher Gelegenheit die alte Großmutter aufzuſuchen, um Näheres über das Leben und den Tod der kleinen Prinzeſſin zu bitten. Was ich aber erſt ſpäter und bei ſchicklicher Gelegenheit erwartete, ſollte ſich heute ſchon erfüllen. Die Knaben, welche bei Tiſche nach Kinderart mich, ihren Lehrer, immer im Auge gehalten und meinen Worten gelauſcht hatten, waren nach beendetem Male, als wir älteren Herren noch im Geſpräch an der Tafel ſaßen, hinweg und zu der Großmutter geſchlüpft.

Großmutterchen, Du kriegſt Beſuch, rathe mal, wen? Sie nannten meinen Namen. Du ſollſt ihm etwas von den ſchönen Prinzen und Prinzeſſinnen und Schloß⸗ fräuleins erzählen, weißt ja, was! All' die ſchönen Geſchichten, welche du uns ſo viele mal erzählt haſt. Darf er denn kommen?

Ich hole ihn, Großmama, ſchreit Edmund, und fort ſpringt er. Eine Minute nachher kommt er zu mir, faßt mich bei der Hand und ſpricht;Sollſt zur Groß⸗ mutter kommen, hat's geſagt. Sie will Dir eine ſchöne Geſchichte erzählen.

Ich ahnete der Kinder Schwatzhaftigkeit, und folgte an Edmunds Hand nach der Stube der alten Frau. Freundlich wurde ich von der mehr als 80 jährigen Greiſin empfangen und zum Niederſitzen eingeladen. Es war eine hohe, ſtark⸗ knochige Frau, zwar vom Alter gebeugt, aber noch rüſtig, und lebendigen, klaren Gei⸗ ſtes und von einem bewunderungswürdig treuen Gedächtniß, beſonders für die Er⸗ lebniſſe fernerer Zeiten..

Als ich Platz genommen, und die kleinen vorlauten Enkel zur Ruhe bedeutet worden waren, begann ſie. 3

Aus Ihren Worten ſehe ich, daß Sie von dem Bilde der Mutter mit dem Kinde ſo ſehr gefeſſelt und zu Ihren jetzigen Nachforſchungen veranlaßt worden ſind. Ja, Sie haben ganz recht. Es iſt ſchon Vielen, welche vor demſelben ge⸗ ſtanden, ſo ergangen und ſelbſt ich alte Frau wende nicht ſelten meinen Schritt und Blick ihm zu, wenn ich im Saale bin. Freilich geſchieht das jetzt ſelten, denn ich verlaſſe mein Stübchen nicht gern. Bin alt und ſchwach.

Auf dem Bilde iſt ſie noch die glückliche Mutter, ſeelig im Anblicke ihres kleinen Engels, den ihre Rechte ſchützend bedeckt, und das treue Mutterauge liebend bewacht, aber dennoch nicht bewahren konnte vor dem plötzlichen, urplötz⸗ lichen Tode.

Und, rief ich,wie iſt der geſchehen, wie nur möglich geweſen?

Lieber Mann, Sie thun da eine Frage, die Ihnen der Mund eines Menſchen wohl nimmer beantworten wird. Der in der Höhe nur allein kann das. Was ich jedoch weiß, und das iſt wenig genug, will ich Ihnen gerne mittheilen. Sie ſehen in mir eine 87jährige Greiſin, die jenem verhängnißvollen Ereigniß, wel⸗ ches den Tod der jungen Prinzeſſin herbeiführte, und das am 4. Juni 1751, Abends gegen ſechs oder ſieben Uhr geſchehen iſt, nicht allzu fern ſtand.

Meine Eltern aber ſind als fürſtliche Diener der Vater war ein