— 317—
richtet und benutzt iſt. Der bei weitem größere und wohnlichere iſt im Gebrauche des dortigen Kreisgerichts, des Hauptſteuer⸗, Landraths⸗ und Rentamts; überdieß hat der Verwalter des letztern auch noch in den obern Schloßräumen ſeine Amts⸗ wohnung.
In dieſem Schloßflügel waltete vor mehr denn hundert Jahren ein liebes, holdes Kind mit ſeiner Mutter. Zwar lag der Vater im Grabe, es war alſo eine Waiſe, die Mutter eine Wittwe; dennoch lebte es nicht in Dürftigkeit und Mangel, ſondern in Ueberfluß und hatte Alles, was ſein Herz begehrte. Eine Schaar von Dienern lauſchte auf jeden ſeiner Befehle, jeder Wunſch wurde ihm erfüllt. Sein größter Schatz aber war ſein liebes Mütterlein. Von ihr wurde es geliebt von ganzer Seele, des Tages über gar oft in die Arme, und im Gebet in's Herz geſchloſſen. Für dieſe allein lebte ſie.
on dieſem ſo reich geſegneten und dennoch ſo unglücklichen Kinde will ich Dir, mein lieber Leſer, jetzt erzählen.
Ich habe ſchon geſagt, daß jetzt in jenem Schloſſe ein Rentmeiſter lebt, deſſen Dienſtwohnung ſich dort befindet. Derſelbe hatte eine Schaar allerliebſter, baus⸗ bäckiger Knaben von 3 bis 12 Jahren, denen ich Unterricht gab, in Folge deſſen ich das Schloß täglich beſuchte.
Eines Tages, es war am Tage vor dem heil. Chriſtfeſte, kam der kleine Edmund, der jüngſte Sohn des Rentmeiſters, ein kecker Burſche, mit einer Einladung zu Tiſche fr den morgenden Feſttag.„Sollſt mit uns eſſen, höre; Papa und Mama haben's geſagt. Ich hol' dich auch ab, wenn du mir Bonbons giebſt!“
„Soll geſcheh'n, werde kommen, du holſt mich aber ab.“ Fort ſprang er, meine„ſchöne Empfehlung“ an ſeine Eltern überhörend und im Stich laſſend. Wahrſcheinlich gab's zu Hauſe friſchen Kuchen.
Andern Tages, lange vor 12 Uhr, war der kleine Störenfried ſchon wieder da. Er wußte, es gab in meiner Stube allerhand zu ſeh'n und zu wühlen, in Zeichnungen, Bildern, Büchern, Schmetterlingen und Käfern, mit und ohne Glas und Rahmen, und deßhalb hatte ich ihn ſehr oft zu genießen, was mich nicht ſtörte, denn er war dann ſtill wie ein Mäuschen. Höchſtens ſummte und brummte er ein wenig vor ſich hin, oder pfiff, was ſeine Gewohnheit war.
Punkt 12 Uhr brachen wir auf und begaben uns ins Schloß. Dießmal wurde ich nicht in die ſogenannte Schul⸗ und Kinperfünbe, oder nach dem Wohn⸗ zimmer, ſondern in den Saal geführt, wo das Mahl, an welchem noch ein paar geladene Gäſte Theil nahmen, ſtattfand.
Dieſer Saal, ehemals jedenfalls ein Prachtgemach der letzten Bewohnerin des Schloſſes, der verwittweten Herzogin von Sachſen⸗Weißenfels, war ein großes, hohes, regelmäßiges Zimmer, das heute noch in ſeinen herrlichen Schnitzereien, Gold⸗ verzierungen, koſtbaren Deckengemälden, ſeidenen Tapeten, Zeugniß gab von ſeinen fürſtlichen Bewohnern. Ringsum an den Wänden hingen eine Menge großer Oel⸗ gemälde, auf denen man Familienmitglieder der hohen ſächſiſchen Familie aus allen Zeiten abgebildet ſah.
Als 3 die Gäſte und die Familie des Rentmeiſters in dieſem Saale verſammel⸗ ten, fehlte es natürlich von Seiten der erſtern nicht an Fragen bei Betrachtung der Bilder.
Auch ich wanderte von einem zum andern, und blieb endlich bei einem Ge⸗ mälde ſtehen, welches eine Mutter mit einem Kinde an der Hand vorſtellte, deſſen Engelsgeſicht mit einem unausſprechlichen Ausdruck der Liebe zu der Erſtern aufſah. Unwillkürlich kam mir der Gedanke in das Herz: Iſt dieſes ein Gebilde der Phantaſie eines Malers, ſoll es das Antlitz eines Engels ſein? Wo aber ſind denn die Engelsflügel, der Heiligenſchein? Oder ſtellt es ein irdiſches Engelein vor? Und ſo ſchien es, denn an ſeiner Seite ſtand mit erhobener ſchützender Hand die treue Wächterin, die liebende Mutter. Ueber ihnen ſchwebten die heiligen Engel Gottes, ihr himmliſcher Schutz und Schirm.
In der ſinnigen Betrachtung dieſes rührenden Bildes hatte ich alles um mich
7


